GeheimdiensteJäger im Datendschungel

Viele haben jetzt Angst vor der totalen Überwachung. Doch was wissen die Geheimdienste wirklich? von  und

Unter den Angestellten der National Security Agency (NSA) der Vereinigten Staaten soll der Witz kursieren: "Wir vertrauen Gott; alle anderen belauschen wir." Die Software gewordene Ambition von Amerikas größtem Geheimdienst zielt darauf, alles mitzubekommen, was auf der Erde gesagt, gemailt, getwittert und gepostet wird – so jedenfalls stellt es dessen ehemaliger Mitarbeiter Edward Snowden dar.

Es gibt dieser Tage eine Menge Nachrichten, die sich in dieses Bild einfügen: Meldungen, wonach die NSA das Internet "live" überwache; Berichte über Lauschangriffe auf EU-Botschaften und das Gebäude des Europäischen Rats in Brüssel; Spekulationen über ein systematisches Bemühen von Amerikanern und Briten, sich die weltweite Kommunikationsüberwachung in Sektoren aufzuteilen; abgehörte Telefongespräche der Teilnehmer zweier G-8-Gipfel 2009. Erfasst wird offenbar nicht nur, was (vor Terror und anderen Verbrechen) schützt – sondern auch, was nützt, politisch und wirtschaftlich.

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Aber können selbst so technisch potente Abhörapparate wie die NSA und ihr britisches Pendant, das Government Communications Headquarters (GCHQ), das tatsächlich? Alles wissen? Was genau bedeutet "belauschen" im Zeitalter explodierender digitaler Telekommunikation?

Hundert Bücherstapel, die bis zum Mond und zurück reichen

Die Welt von heute ist ein gigantischer, sich ständig bewegender digitaler Heuhaufen. In jedem Augenblick rauschen 100.000 Gigabyte Daten um die Welt, das entspricht etwa hundert Bücherstapeln, die bis zum Mond und zurück reichen. Gespräche, E-Mails oder Faxe laufen nicht mehr über direkte Leitungen, sondern, als Datenpakete, über gezackte Wege in einem Netzwerk von Glasfaserkabeln, die um den Erdball gespannt sind. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Bandbreiten für den Internet- und Sprachverkehr verfünfzigfacht, die Zahl der Hochkapazitätsleitungen nimmt weiter rasant zu. 1988 gab es noch kein einziges transatlantisches Glasfaserkabel – heute sind es auf der ganzen Welt 1.600.

Für Geheimdienste ist all das eigentlich ein Albtraum. Sie können einzelne Gespräche nicht mehr einzelnen Leitungen zuordnen. Die Konsequenz daraus lautet, zunächst einmal so viel wie möglich abzugreifen.

Damit stellt sich eine neue Frage: Können sie in dieser steigenden Datenflut das Wichtige weiter vom Unwichtigen unterscheiden? In all den Botschaften, die Facebook-, Twitter- und iPhone-Nutzer von Shanghai bis Stuttgart Tag für Tag produzieren?

Sie können. Allerdings funktioniert die "technische Aufklärung", wie Nachrichtendienstler sie nennen, anders, als viele Bürger es vermuten, sobald sie von "Ausspähung" oder "Datensammelei" hören. Die Vorstellung, dass Geheimdienstler Mails oder SMS auf den Schreibtisch bekommen, weil in ihnen die Wörter "Bombe", "Al-Kaida" oder "Hisbollah" auftauchen, ist falsch.

Überwachung ist heute ein komplexes mehrstufiges Verfahren. Nicht auf jeder Stufe wird die Privatsphäre Unschuldiger verletzt. Das heißt nicht, dass die Art, wie NSA, GCHQ und der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) ihre Überwachungsmethoden modernisiert haben, keine Gefahr darstellt. Aber um zu begreifen, wo genau die Bedrohungen für die Grundrechte Einzelner und für die Souveränität eines ganzen Landes liegen, muss man genauer hinschauen, wie Ausspähung mittlerweile funktioniert.

Leserkommentare
    • mieeg
    • 04. Juli 2013 16:11 Uhr

    weiß bedeutend mehr als jedweder Geheimdienst. Wer glaubt denn noch daran, daß dort im Keller die beiden Männer im Trenchcoat zwei Kabel an die Telefonleitung anschließen, um irgendjemanden abzuhören. Ist alles viel einfacher. Die Maschinen sortieren bestimme werberelevante Worte aus den Daten und fertig ist das Bild des gläsernen Konsumenten...

  1. .... dann ist es nur noch eine Frage der Zeit bis politische Gesinnung und regierungskritische Beiträge gesammelt werden. So geht die Freiheit zu grunde mit Schweigen der Bevölkerung.

    35 Leserempfehlungen
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    Es zeigt die vorsintflutliche Telekommunikations- und Versorgungsinfrastruktur. Beim Hurrikan Sandy waren Teile der Region rund um New York und Teile der Stadt selbst tagelang ohne jegliche Stromversorgung. Die Freileitungen, die z.T. noch aus der Zeit von Thomas A. Edison stammen, waren bei einem Sturm mit Spitzengeschwindigkeiten von 140 km/h einfach umgefallen.

    Der "Riese" USA erweist sich in Krisenzeiten immer und immer wieder als absolut wehr- und hilflos. Und wenn der Strom ausfällt, nützen die besten Rechner nichts. Irgendwann fallen auch die letzten Dieselaggregate aus - weil kein Sprit mehr da ist.

    Und hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass es leicht ist, Massen an Daten zu sammeln, es aber ungleich schwerer ist, diese zu sichten, sie zu analysieren und zu bewerten und - vor allem: die richtigten Rückschlüsse daraus zu ziehen? Sie richtig zu interpretieren? Dazu ist immer noch menschliche Urteilskraft vonnöten. Der Computer ist nur ein Hilfsinstrument. Beurteilen kann er nicht.

    >> ... nur noch eine Frage der Zeit bis politische Gesinnung und regierungskritische Beiträge gesammelt werden <<

    Glauben Sie im ernst, das würde nicht schon alles gesammelt? Genau dieses Sammelgebiet ist doch das Hauptfeld der Schnüffler.

    "[...] dann ist es nur noch eine Frage der Zeit bis politische Gesinnung [...]"

    Die Aussage sollte in der Vergangenheitsform verfasst werden.

    http://www.spiegel.de/pol...

    http://www.spiegel.de/pol...

  2. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  3. Aber natürlich - ist alles gar nicht so wild. Der gute Mr. Snowden übertreibt maßlos. Klar ... Wenn das Vertrauen erstmal futsch ist, Gentlemen, hilft auch keine Relavtivierung und kein Dementi mehr.
    Natürlich ist das von Menschenhand und Menschenauge nicht durchsuchbar. Aber die intelligenten Programme dahinter sind durchaus in der Lage Informationen zu filtern und diese miteinander in Verbindung zu stellen.
    Und bei nebulöser Rechtsgrundlage, wird die Unschuldsvermutung ad absurdum geführt.
    Und, glauben Sie mir, was technisch machbar ist - und das ist eine ganze Menge, und morgen sogar noch mehr - das wird auch gemacht. Das ist so sicher wie das "Amen in der Kirche"

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    alles was irgendmöglich ist, wird auch gemacht.
    Die Atombombe und die ihr nachfolgenden Entwicklungen sind das beste Beispiel.
    Multipliziert hier irgendwer zwei 32stellige Zahlen mal so im Kopf?
    Natürlich nicht! Dafür wurde der Computer ja gebaut, genauso verhält es sich mit dem Durchsuchen derartiger Datenmengen.
    Das wird alles von (bestimmt geheimen) Algorithmen erledigt, so sicher wie das Amen in der Kirche...
    Relativierung, ala das kann doch keiner mehr überschauen, ist eine komplette Fehleinschätzung.
    Auch die Totalüberwachung der US-Post kann nur über solche Mechanismen funktionieren.
    Wer aber vertraut diesen Programmen(Algorithmen) hundertprozentig? Was, wenn sich doch mal ein Programmierfehler einschleicht, und Unschuldige ver...(fügen sie hier eine Behandlungsmethode der CIA ein.) werden.
    Was dann?!?

  4. "Hier zählt allein die Gefahrenabwehr."

    Klar, was sonst?!

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    Und dann als Beispiel die Sauerlandtruppe bei der nun wirklich bis ins letzte Detail geklärt ist, dass die keine Bombe bauen wollten (und konnten), sondern lieber ihre Leben in Afghanistan als Kämpfer gegen die Besatzer geopfert hätten.

    Es wäre nur noch lachhaft, wenn es nicht gleichzeitig so extrem grundrechtsschädlich wäre.

  5. zu sehr auf Terrorismus ab.

    "Eine Genehmigung, um nach Lust und Laune auf Fischzug zu gehen, gibt es nicht."

    Natürlich gibt es die Lust fischen zu gehen und zwar, wenn es um Industriespionage geht. Schnell sind Leute ausgemacht, die bei Daimler oder anderen interessanten Betrieben eine Rolle spielen. Deren Daten sind permanent interessant und dann auch abfangbar. Was ist mit Politik? Interessant, wie die politische Lage gerade ist und da gibt es auch viele Schlüsselfiguren, die auf dem Suchindex sind!

    Beste Grüße
    FSonntag

    7 Leserempfehlungen
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    • fx66
    • 04. Juli 2013 17:48 Uhr

    Das ist richtig. Es verwundert doch sehr, dass der Artikel so einleitet:

    > Erfasst wird offenbar nicht nur, was (vor Terror und anderen Verbrechen)
    > schützt – sondern auch, was nützt, politisch und wirtschaftlich.

    ..und dann nur auf Terrorismus eingeht. Warum also politisch? Warum wirtschaftlich? Die Fragen bleiben offen.

    Zum Thema Terrorismus: Boston und die NSU stellen ein Totalversagen der Geheimdienste dar, was ihre Existenz diesbezüglich in Frage stellt.

    Wie lässt sich Terrorismus präventiv bekämpfen oder die Gefahr zumindest verringern? - Truppenabzug aus Afghanistan und Einstellen der einseitig finanziellen und militärischen Unterstützung Israels seitens der USA.

    "Eine Genehmigung, um nach Lust und Laune auf Fischzug zu gehen, gibt es nicht."

    Wie heißt es in den Begleitkommentaren?

    "If you are in a position ...
    lean back and enjoy!"

    Wer den Zugriff auf Testmittel in den Vermittlungszentralen hat, kann auch ganz einfach ein Gespräch mithören oder den Datenfluß abgreifen,
    während er die "Wartungsarbeiten" durchführt.

    Hahahaha

    Ihr Wartungstechniker Ihres Providers!

  6. ISt ja schön, dass da Keiner mehr sitzt - und dich meine geilen Mails und PICs anschaut......

    Verharmlosung der Ahnungslosen..

    Die Onlinecamera von Lieschen Müller wird erst angeschalten - wenn sie zufälligerweise immer zur selben Zeit in den selben TOOM geht - wie Terroristenehefrau Ü. - ...

    ...und wenn Max M. mal vom GUTEN "Überzeugt" werden muss - kann man auf die Daten im Puff zurückgreifen - die der Ehefrau zu präsentieren - und dem Arbeitgeber mitteilen - dass Max doch Grün gewählt hat.

    Auch das - darf der "geh Heim - Dienst" im Ausland - wie schön dass man da "freunde" hat die das Daheim übernehmen.

    Schiss vor der nächsten "Wende" ??

    4 Leserempfehlungen
  7. Ausrufen eines furchterregenden inneren und äußeren Feindes
    Einrichten von Geheimgefängnissen, in denen gefoltert wird
    Entwickeln einer Schlägerkaste oder paramilitärischen Organisation ohne Rechenschaftspflicht gegenüber den Bürgern
    Aufbau eines inneren Überwachungsapparats
    Schikanen gegen Bürgergruppen
    Willkürliche Festnahmen und Entlassungen
    Schlüsselpersonen verfolgen
    Die Presse überwachen
    Alle politischen Dissidenten als Landesverräter behandeln
    Die Herrschaft des Rechts außer Kraft setzen

    http://de.wikipedia.org/w...

    Wer Parallelen heutzutage sieht ...

    15 Leserempfehlungen
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    • mail4u
    • 04. Juli 2013 17:24 Uhr

    Danke für den Lesetipp.

    Hier eine Reszension ihres Buches, "Wie zerstört man eine Demokratie":

    http://www.berlinerlitera...

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