Im Pressebüro des Bayreuther Festspielhauses gibt es ein kleines, enges, im Stil der fünfziger Jahre eingerichtetes Besprechungszimmer: Hier finden seit den ersten Nachkriegsfestspielen die Interviews mit Regisseuren, Dirigenten und Festspielleitern statt, der Reporter hat hier auch schon oft gesessen. Dieses Mal braucht der Reporter gar nicht erst anzureisen – das Interview mit dem Regisseur Frank Castorf, der am 25. Juli die diesjährigen Bayreuther Festspiele mit dem "Ring des Nibelungen" eröffnet, findet nicht statt. Das Pressebüro hat den Termin kurzfristig abgesagt mit dem Hinweis, dass es "zu unserem großen Bedauern in absehbarer Zeit keine Interviews geben wird". Ist doch in Ordnung. Castorf, der Interview-Absage-König (wir haben nichts gegen Regisseure, die keine Interviews geben, uns gehen nur die auf die Nerven, die Termine kurzfristig absagen). Frank Castorf, 61: Früher mal, vor etwa zehn Jahren, war er ein Theaterkönig, heute ist er zumindest noch ein Mythos. Beliebte Titel für ihn lauten: der böse Bube, Bürgerschreck, Stückezerstörer, der, hihi, Regie-Terrorist. Seit 1992 leitet Castorf die Berliner Volksbühne, er hat dort die Idee, dass ein Theater groß, wild, anstrengend und sensationell sein kann und ein junges, kluges und politisches Publikum ins Haus holt, praktisch im Alleingang hochgehalten und angeführt. Seit fünf, sechs, sieben oder acht Jahren, also nun auch schon seit einiger Zeit, gilt es als ausgemachte Sache, dass dem ehemaligen König leider kaum noch etwas einfällt. Castorf-Stücke, das sind wirre, müde, vor allem lange Abende. Und nun also, du liebes bisschen, die große "Ring"-Inszenierung. Die Leitung der Bayreuther Festspiele beweist seit 40 Jahren (also etwa seit der grundlegenden, immer wieder zitierten Patrice-Chéreau-Inszenierung von 1976) ein grauenhaftes Talent, die Großen aus Theater, Kino und Kunst etwa zehn Jahre zu spät zu fragen, ob sie eine Inszenierung übernehmen möchten. Spätestens seit vorletztem Jahr gilt die "Ring"-Inszenierung 2013 als Problemfall. Erst sollte Wim Wenders sie machen (abgesagt), dann Tom Tykwer (nie zugesagt), dann gab es überhaupt niemand mehr, der es machen wollte: Krise. Nun also Castorf. Er ist der Einzige, der die Stahlnerven und die lässig verschlampte Chuzpe hat, das Opernmonster aus vier Abenden oder 17 Stunden Laufzeit in der absurd knappen Probezeit von eineinhalb Jahren auf die Bühne zu bringen. Es gäbe, natürlich, unendlich viel mit dem Regisseur zu besprechen. Andererseits: Gar keine Antwort ist doch auch super. Stellen wir hier unsere Fragen und lassen Frank Castorf mit seiner "Ring"-Regie in Bayreuth antworten. Im Folgenden die 99 Fragen, die Castorf hätte beantworten müssen, hätte er das Interview nicht abgesagt.

1 Kokain oder Whisky?

2 Brecht oder Müller?

3 Angela Merkel oder Brigitte Bardot?

4 Romane oder Theaterstücke?

5 Fünf Uhr nachmittags oder fünf Uhr früh?

Es folgen: Fragen zum Irrsinnsprojekt des "Rings" und zur Unmöglichkeit, das Riesending pünktlich auf die Bühne zu bringen.

6 Ist Ihre Laune gerade schlecht oder ganz hundsmiserabel?

7 Ein Wahnsinn, dass Sie in diesem Jahr den "Ring des Nibelungen" inszenieren?

8 Sie wollten einmal durch sein mit dem "Ring", bevor Sie mit Journalisten sprechen. Und? Sind Sie durch?

9 Haben Sie im "Ring" Ihren Meister gefunden?

10 Sind eineinhalb Probenjahre für den "Ring" ein Witz?

11 Ist das ein Fehler, den "Ring" an vier Abenden, nicht in einem Stück zu zeigen?

12 Korrekt, dass die erste Wagner-Inszenierung, die Sie gesehen haben, der Film "Apocalypse Now" ist?

13 Stimmt die irre Geschichte, dass Sie sich mit dem Hören des neuen Black-Sabbath-Albums "13" in Stimmung für Bayreuth gebracht haben?

14 Können Sie auswendig die Akkordfolge aufsagen, zu der Brünnhilde im dritten Aufzug des "Siegfried" erwacht und ihr neues Leben beginnt?

Und weiter: Wir versuchen, da hinzugehen, wo er sich im Kopf wohl gerade aufhält, bei seiner Inszenierung, und ihn möglichst konkret nach seinem Regiekonzept zu fragen.

15 Bei Ihrer "Ring"-Inszenierung, sagen Sie, haben Sie "an Öl gedacht, an die Route 66, eine Tankstelle, einen Pool". Woran haben Sie bitte gedacht?

16 In zwei Sätzen, wovon handelt der "Ring"?

17 Wer ist Siegfried?

18 Wer ist Wotan?

19 Ist der "Ring" eine Oper des 19. Jahrhunderts?

20 Ist der "Ring" eine Volksbühnen-Oper?