BambusradVon A nach B

Ralph Geisenhanslüke fährt auf einem Bambusrad von Friedrichshain nach Kreuzberg von Ralph Geisenhanslüke

Ein selbstgebautes Bambusrad, der Rahmen stammt von Ozon Cyclery

Ein selbstgebautes Bambusrad, der Rahmen stammt von Ozon Cyclery  |  © ZEITmagazin

"Bitte fahr vorsichtig", sagt Alex. "Meine mittelfristige Zukunftsplanung hängt an diesem Rad." Vor uns steht sein "Reisewerkzeug", es ist selbst gebaut, und sein Rahmen ist – wie bei allen Rädern der Berliner Firma Ozon Cyclery – aus Bambus. Man kann sich sein Rad auch zusammenbauen lassen, doch wer es sich bis zur letzten Schraube individuell zusammenstellt, legt auch gern selbst Hand an. Etwa 160 Stunden hat Alex geklebt, geschliffen, lackiert. Normalerweise ist ein leichter Renner in ein paar Tagen fertig. Doch Alex wollte ein besonders robustes Rad. Er plant, damit um die halbe Welt zu reisen, erst auf dem Landweg durch Europa und Asien, dann nach Australien und von dort vielleicht weiter nach Südamerika.

Bambus eignet sich perfekt für Fahrradrahmen. Er hat eine sympathische Ökobilanz, ist leicht, stabil und preiswert. Die Rohre werden mit Epoxidharz verbunden, nahezu jede Geometrie ist möglich. Jedes Rad ein Unikat. Ich darf mir Alex’ Weltumrunder ausleihen, er hat noch nicht einmal 200 Kilometer auf den Felgen. Nur die Hinterradnabe mit 14-Gang-Schaltung ist schon älter. Mit ihr und einem anderen Rad war Alex letztes Jahr in Neuseeland. Die Schaltung ist schneller und präziser als das Automatikgetriebe mancher Autos.

Anzeige

Die Holzmarktstraße Richtung Mitte: eine Strecke für echte Abenteurer. In den Abgaswolken gibt es vermutlich weniger Sauerstoff als im Himalaya. Bierflaschenscherben, tückisch wie vulkanische Geröllfelder. Der buckelige Radweg ist alle paar Meter unterbrochen, schließlich verschwindet er ganz. Lkw stoßen aus tosenden Baustellen. Ein Menschenleben gilt hier offenbar nicht viel. Das Rad rollt auf seinen unplattbaren Reifen souverän über Unebenheiten und Scherben hinweg. Ich hänge nach zehn Kilometern darauf wie ein nasses Handtuch.

Von A nach B
Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin  |  © .marqs/Photocase

An einer Ampel in Kreuzberg fragt mich ein spanischer Tourist, ob das Rad noch weiter wachsen könne, wo es doch aus Holz sei. Zuerst verstehe ich ihn kaum, betäubt vom Verkehrslärm. Dann denke ich daran, wie mir Alex, von Beruf Gärtner, erklärt hat, Bambus sei kein Holz, sondern verholztes Gras. Alex hat sich übrigens für den ersten Praxistest eine bessere Strecke ausgesucht: Nächste Woche fliegt er nach Island. Einmal um die Insel in zwei Monaten. Gute Reise!

Technische Daten

Rahmen: Bambus und Epoxidharz
Reifengröße: 26 Zoll
Gewicht: 18,5 kg
Schaltung: 14-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Scheibenbremsen vorn, V-Brake hinten
Preis in dieser Ausführung: circa 3500 Euro

Ralph Geisenhanslüke ist ZEIT-Autor

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Ibrahim Djan Nyampong aus Accra. siehe auch
    http://www.daserste.de/in...
    Nun also dieses Fahrrad aus „verholztem Gras“ für 3500 Euro. Herrn Geisenhanslüke empfehle ich, mit einem Fahrrad durch Accra zu fahren, ansstatt von Friedrichshain nach Kreuzberg. Dann wird er sich bereits nach einem Kilometer „wie ein nasses Handtuch“ fühlen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bambusräder aus Afrika habe ich auch schon in einigen Beiträgen gesehen - allerdings ist die "Erfindung" wohl schon fast so alt wie das Fahrrad an sich und wurde auch mehr als einmal gemacht. Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel zu dem Thema:
    http://de.wikipedia.org/w...

  2. Bambusräder aus Afrika habe ich auch schon in einigen Beiträgen gesehen - allerdings ist die "Erfindung" wohl schon fast so alt wie das Fahrrad an sich und wurde auch mehr als einmal gemacht. Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel zu dem Thema:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wer hats erfunden ?"
    • timd.
    • 13. Juli 2013 15:56 Uhr

    erst freut man sich, dass der Baustoff Bambus eine 'sympathische Ökobilanz' hat, dann laminiert man ihn mit Epoxidharzen zu einem unverrottbaren ganzen zusammen.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Von A nach B
  • Schlagworte Holz | Zoll | Kreuzberg
Service