"Bitte fahr vorsichtig", sagt Alex. "Meine mittelfristige Zukunftsplanung hängt an diesem Rad." Vor uns steht sein "Reisewerkzeug", es ist selbst gebaut, und sein Rahmen ist – wie bei allen Rädern der Berliner Firma Ozon Cyclery – aus Bambus. Man kann sich sein Rad auch zusammenbauen lassen, doch wer es sich bis zur letzten Schraube individuell zusammenstellt, legt auch gern selbst Hand an. Etwa 160 Stunden hat Alex geklebt, geschliffen, lackiert. Normalerweise ist ein leichter Renner in ein paar Tagen fertig. Doch Alex wollte ein besonders robustes Rad. Er plant, damit um die halbe Welt zu reisen, erst auf dem Landweg durch Europa und Asien, dann nach Australien und von dort vielleicht weiter nach Südamerika.

Bambus eignet sich perfekt für Fahrradrahmen. Er hat eine sympathische Ökobilanz, ist leicht, stabil und preiswert. Die Rohre werden mit Epoxidharz verbunden, nahezu jede Geometrie ist möglich. Jedes Rad ein Unikat. Ich darf mir Alex’ Weltumrunder ausleihen, er hat noch nicht einmal 200 Kilometer auf den Felgen. Nur die Hinterradnabe mit 14-Gang-Schaltung ist schon älter. Mit ihr und einem anderen Rad war Alex letztes Jahr in Neuseeland. Die Schaltung ist schneller und präziser als das Automatikgetriebe mancher Autos.

Die Holzmarktstraße Richtung Mitte: eine Strecke für echte Abenteurer. In den Abgaswolken gibt es vermutlich weniger Sauerstoff als im Himalaya. Bierflaschenscherben, tückisch wie vulkanische Geröllfelder. Der buckelige Radweg ist alle paar Meter unterbrochen, schließlich verschwindet er ganz. Lkw stoßen aus tosenden Baustellen. Ein Menschenleben gilt hier offenbar nicht viel. Das Rad rollt auf seinen unplattbaren Reifen souverän über Unebenheiten und Scherben hinweg. Ich hänge nach zehn Kilometern darauf wie ein nasses Handtuch.

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An einer Ampel in Kreuzberg fragt mich ein spanischer Tourist, ob das Rad noch weiter wachsen könne, wo es doch aus Holz sei. Zuerst verstehe ich ihn kaum, betäubt vom Verkehrslärm. Dann denke ich daran, wie mir Alex, von Beruf Gärtner, erklärt hat, Bambus sei kein Holz, sondern verholztes Gras. Alex hat sich übrigens für den ersten Praxistest eine bessere Strecke ausgesucht: Nächste Woche fliegt er nach Island. Einmal um die Insel in zwei Monaten. Gute Reise!

Technische Daten

Rahmen: Bambus und Epoxidharz
Reifengröße: 26 Zoll
Gewicht: 18,5 kg
Schaltung: 14-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Scheibenbremsen vorn, V-Brake hinten
Preis in dieser Ausführung: circa 3500 Euro

Ralph Geisenhanslüke ist ZEIT-Autor