AsturienSchlösser auf grüner Weide

In den Dörfern Asturiens stehen Hunderte prachtvoller Villen aus der Zeit um 1900. Sie stammen von spanischen Auswanderern, die mit den Palästen in der alten Heimat ihren neuen Reichtum vorführen wollten. Erst jetzt werden die "Casonas Indianas" für den Tourismus entdeckt. von Martin Dahms

Die Quinta Guadalupe in Colombres ist heute ein Museum.

Die Quinta Guadalupe in Colombres ist heute ein Museum.  |  © doctorin/flickr.com

Der Rost hat winzige Löcher in das eiserne Torblatt gefressen. Wenn man sich Mühe gibt und sein Gesicht ganz nah davorhält, kann man durch die Löcher hindurchschauen: in eine kleine Märchenwelt. Erst kommen hundert Meter Wiese, darauf ein paar verlorene Obstbäume, und dann, am Ende der Wiese, wie eine Theaterkulisse: eine wild umrankte Ruine. Ein verwunschenes Dornröschenschloss, das sich wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten den Rückeroberungsversuchen der Natur entgegenstellt.

"Wollt ihr es sehen?", fragt plötzlich eine Stimme von rechts. Zur Stimme gehört ein halb nackter Mann von Anfang 60 in blauen Jeans und mit blauer Schirmmütze, der den sonnigen Tag nutzt, um ein Mauerstück in der Nähe des Tores zu weißeln. Er stellt sich nicht vor und fragt nicht nach Namen, er kommt nur mit breitem Lächeln heran, einen Schlüssel in der Hand, den er in das Vorhängeschloss schiebt. Er stemmt sich gegen das Tor, das sich mit metallischem Wummern öffnet, und macht eine einladende Geste. "Gehört mir", sagt er, "zur Hälfte." Dann kehrt er zu seinen Malerarbeiten zurück.

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Trotz der freundlichen Einladung ihres Besitzers verwehrt sich die Ruine allzu großer Annäherung. Undurchdringliche Buchsbaumbüsche wuchern rings um ihre grauen Mauern bis hinauf zur ehemaligen Beletage. Die klassizistischen Fassaden umschließen kein Haus mehr, sondern einen kleinen Wald, dessen Wipfel das alte Dachgesims wie eine grüne Kuppel überragen.

Auf dem Stadtplan von Luarca sind die Mauern als "Villa Teresa" eingezeichnet: als eine von neun Casonas Indianas des asturischen Küstenstädtchens. "Casona" ließe sich mit "großes Haus" übersetzen. "Indiana" lässt sich gar nicht übersetzen, nur erklären: Indianos waren Spanier, die es in der Neuen Welt zu etwas gebracht hatten. Um den Daheimgebliebenen ihren Erfolg vorzuführen, ließen sie in ihren Heimatdörfern Villen, Herrenhäuser, kleine Paläste bauen, wie sie die Einheimischen noch nicht gesehen hatten. Nirgendwo prägen sie die architektonische Landschaft so sehr wie im nordspanischen Asturien, wo rund um die vorletzte Jahrhundertwende an die Tausend dieser Casonas entstanden.

Die Palmen vor dem Hauseingang erinnern an das tropische Amerika

Die Villa Teresa hatte Pech. Kaum erbaut, brannte sie nieder, erzählt Mario González, der Mann mit dem Schlüssel zum rostigen Tor, der sich schließlich doch noch vorstellt. Weiß er, wann das Haus abbrannte? González überlegt. 1900. Vielleicht aber auch zehn Jahre später. Nicht nur die Villa Teresa wird langsam von der Zeit verschlungen. Auch die Erinnerung an sie.

Der Nebel des Vergessens lag lange Zeit über fast allen Casonas Indianas. Verstreut über die kleineren und größeren Bauerndörfer in den grünen Bergen Asturiens, zwischen Weiden und Wäldern, meistens nicht weit von der felsigen Atlantikküste entfernt, schenkte ihnen jahrzehntelang kaum jemand Beachtung. Was schwer zu fassen ist: Unter den einfachen asturischen Steinhäusern fallen sie auf durch ihre Höhe, ihre bunt verputzten Fassaden, ihre großzügigen Gärten, die Palmen vorm Haupteingang als Erinnerung ans tropische Amerika. Stilistisch erlaubten sich die Erbauer alles, was ihnen gefiel und was auffiel, und schufen mit Renaissance-, klassizistischen, maurischen und Jugendstil-Anleihen so etwas wie einen Kolonialstil in der eigenen Heimat. Doch die Casonas, die meistens nur als Sommerhäuser dienten, waren teuer im Unterhalt. Zu teuer für viele Nachkommen. Die ließen den Besitz verkommen.

Erst in den 1980er Jahren, als Spanien wirtschaftlich zum reichen Rest Westeuropas aufschloss, wurde dem langsamen Verfall Einhalt geboten. Die Asturier entdeckten ihr architektonisches Erbe wieder, über das sie so lange hinweggeschaut hatten. Viel privates und einiges öffentliche Geld haben dafür gesorgt, dass in den vergangenen 25 Jahren immer mehr Casonas in alter Schönheit hergerichtet wurden. Wer sich heute auf die Spur der Indianos in Asturien begibt, muss allerdings immer noch eigenen Entdeckergeist mitbringen. Es gibt keine speziellen Reiseführer und auch keine ausgeschilderten Routen. Aber wenn man seinen Blick nur ein wenig schärft, kann man die Casonas bald nicht mehr übersehen.

Schon gar nicht in Somado, einem 320-Einwohner-Dorf in Zentral-Asturien. Bereits bei der Anfahrt hügelaufwärts zeichnen sich die eidottergelbe Casa de la Torre, die rosarote Casa Rosa und die weiß-graue, von Indianos erbaute Dorfkirche gegen die tief liegenden Wolken ab, die an diesem Nachmittag den Blick auf das ferne Bergpanorama ebenso versperren wie den Blick hinab zum nahen Atlantik. Somado ist eines jener Dörfer, deren Häuser wie zufällig zwischen die Wiesen hingewürfelt scheinen, ein Dorf wie viele andere, wenn da nicht die neun Casonas Indianas wären, die sich mitten in diese Landidylle hineingestohlen haben. Da steht ein gelbes Schlösschen direkt neben einem knorrigen Feldfruchtspeicher. Da ein weißes, jugendstilistisch geschnörkeltes Mausoleum unter blauen Kuppeldächern inmitten einer grünen Wiese. Und dort ein mächtiges, rostrotes Herrenhaus, in dessen Nähe Schafe weiden. Die Schafe gehören hierher. Aber die Häuser? Gepflegt sind sie, still sind sie, ihre Tore zumeist mit Ketten verhängt, man stellt sich steife Großbürger in prächtigen Salons beim Tanze vor, oder mindestens beim Tee, aber dieses Leben ist lange her, jetzt dürfte eher eine dünne Staubschicht auf den Möbeln liegen, in mancher Ecke blättern womöglich die Tapeten ab, der ewige Kampf gegen die Feuchtigkeit!

Leserkommentare
  1. Aber: Hat die etwa ein bißchen "gelegen"? Der Link zum beschriebenen Hotel "Rosario" führt zwar auf die entsprechende Website, allerdings stehen dort die Zimmerpreise von 2011 ...

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