Wann immer in der Geschichte der Bundeswehr ein Minister in Schwierigkeiten geriet, berief er sich reflexhaft darauf, sein "Haus", das Verteidigungsministerium, sei nun einmal nicht durchgängig fehlerfrei zu führen – es sei letztendlich unregierbar. Auch Verteidigungsminister de Maizière kam schon früh zu diesem Urteil. Bereits im Mai 2011 stellte er fest: "Die Bundeswehr ist gegenwärtig nicht zu führen, auch nicht von mir." Inzwischen steht der Minister infolge des gescheiterten Drohnen-Projekts Euro Hawk am Rande einer Katastrophe, die ihren Ursprung ausschließlich im Verteidigungsministerium hat. Und wieder spricht de Maizière von "Organisationsversagen".

Doch der Minister macht es sich zu einfach. Das Verteidigungsministerium ist durchaus regierbar. Allerdings gibt es dafür drei wichtige Voraussetzungen: klug ausgewähltes Spitzenpersonal, eine zweckmäßige Organisation und einen kompetenten Planungsstab. Keine dieser Voraussetzungen ist derzeit gegeben.

Das Euro-Hawk-Debakel ist wesentlich eine Folge falscher Personalentscheidungen. Am Anfang steht die Entscheidung der Bundeskanzlerin, Thomas de Maizière in das Verteidigungsministerium zu berufen. Der spröde Bürokrat, der im Umgang mit Soldaten sichtbar fremdelt, findet keinen Zugang zu Mitarbeitern außerhalb seines engsten Umfeldes. Das Ergebnis ist ein Minister, der nur die notwendigsten Informationen erhält, während der Betrieb ansonsten an ihm vorbeiläuft. Ein kundiger General stellte schon kurz nach de Maizières Amtsübernahme fest: "Der erfährt doch nichts."

Die Kanzlerin ist mit der Berufung von Thomas de Maizière, der als einer ihrer potenziellen Nachfolger gilt, ein hohes Risiko eingegangen. Sie hätte wissen müssen, dass sich dieses hochkomplexe, fachspezifisch anspruchsvolle Ministerium nicht als Durchlauferhitzer zur Vorbereitung auf größere Aufgaben eignet. Wer immer Verteidigungsminister wird, muss damit rechnen, dass er beschädigt wird oder sogar scheitert. Dies umso mehr, wenn, wie im Falle de Maizières, der Designierte sich mit sachfremden Seiteneinsteigern umgibt. Diese mögen sich Meriten auf anderen Gebieten erworben haben; im Verteidigungsministerium jedoch kann man ohne vielfältige fachspezifische Kenntnisse nicht erfolgreich sein.

Eine sinnvolle Organisationsstruktur kann Fehler von Einzelpersonen auffangen. Doch die Neuorganisation des Verteidigungsministeriums, die bereits unter Karl-Theodor zu Guttenberg erarbeitet und von de Maizière weitgehend übernommen wurde, befördert Fehlentscheidungen geradezu. Das System der Bundeswehrplanung wurde radikal verändert. Dem Generalinspekteur, der zuvor als Planungsbeauftragter des Ministeriums für Ausrüstung und Bewaffnung der Bundeswehr verantwortlich war, wurden diese Aufgaben – und mit ihnen die Abteilungen Planung und Militärpolitik – entzogen und in eine neu gegründete Abteilung Politik im Verantwortungsbereich eines zivilen Staatssekretärs verlagert. Da dessen Abteilung auch für den Haushalt des Ministeriums und für Rüstungspolitik zuständig war, ergibt sich dort eine beispiellose, allen Erfahrungen vergangener Jahrzehnte widersprechende Akkumulation von Kompetenzen – empire building nennen so etwas die Amerikaner.

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Was aber hat dies mit dem Euro-Hawk-Debakel zu tun? Zum einen erklärt die beschriebene Entmachtung des Generalinspekteurs, warum die Militärs in der entscheidenden Phase des Programms keine Rolle mehr spielten. Zum Zweiten stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Verantwortung der omnipotenten Abteilung Politik. Drittens schließlich entspricht auch die Entscheidung von Staatssekretär Stéphane Beemelmans, den Euro Hawk ohne Rücksprache mit dem Minister zu stoppen, offenbar der neuen Verwaltungskultur der Reformer. Dass das Ministerium das Vorhaben auf diese Weise stoppe, sei "der brutalste Ausdruck neuester Verfahren", nach denen künftig die gesamte Beschaffungs- und Rüstungspolitik der Bundeswehr geregelt werden solle, erklärte der Staatssekretär öffentlich.

Hier zeigt sich, dass die eifrigen Reformer mit ihrem vollmundigen Anspruch eines umfassenden Umbaus des Ministeriums zwar vieles verändert haben – aber nicht notwendigerweise zum Besseren. Zwar versucht man den Eindruck zu erwecken, man korrigiere lediglich die Fehler eines Beschaffungssystems, das in der Vergangenheit bei vielen Großprogrammen Probleme verursacht habe. Die Wahrheit allerdings sieht anders aus. Die umstrittensten Großprojekte der letzten 30 Jahre – das Kampfflugzeug Eurofighter und der Hubschrauber Tiger – hatten die jeweiligen Kabinette aus außen- oder industriepolitischen Gründen beschlossen. Solche Programme sind nicht typisch und taugen daher nicht, um an ihnen die Unzulänglichkeit des alten Systems abzuarbeiten.