Dass es vor einer Wahl keine Wechselstimmung gibt, ist schon öfter so gewesen. Doch vor der anstehenden Bundestagswahl ist die Zufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen besonders ausgeprägt. Vergeblich sucht die Opposition nach dem Thema, mit dem sich das ändern ließe. Die Forderung nach "mehr Gerechtigkeit" ist es offenbar nicht. Klar will eine große Mehrheit der Deutschen, dass es gerechter zugeht. Aber eine große Mehrheit ist auch mit der wirtschaftlichen Lage des Landes einverstanden.

In diversen Umfragen zur Stimmungslage der Nation kristallisiert sich seit einiger Zeit die Zahl 75 heraus. 75 Prozent der Deutschen sind mit ihren ökonomischen Perspektiven zufrieden. Bezeichnenderweise ist die Zustimmung zur Arbeit der Kanzlerin ähnlich hoch. Ihre Popularität reicht bis weit ins Lager der Opposition. Der Slogan "mehr Gerechtigkeit" könnte glatt von ihr stammen. Die Vorstellung, die Wähler könnten Angela Merkel am 22. September auffordern, das Kanzleramt zu räumen, drängt sich also nicht gerade auf. Auch deshalb herrscht in den ersten Wahlkampfwochen eine unverhohlene Es-geht-um-gar-nichts-Stimmung.

Man könnte die Schuld an der Verödung der politischen Debatte den Parteien und ihrem Personal zuschieben. Sie wollen doch gewählt werden, also könnten sie auch versuchen, das Publikum mit interessanten Kontroversen und Konzepten zu mobilisieren! Nur – wer verlangt eigentlich danach?

Tatsächlich passt die maue Vorstellung der Parteien zum dürftigen Interesse der Gesellschaft. Denn es ist ja nicht so, dass die Bundesbürger nach politischer Debatte und komplexen Problemlösungen gierten, dass sie sich von den Parteien unterfordert fühlten und deshalb an der etablierten Politik vorbei sprühende Kontroversen anzettelten. Um allein den Parteien den tristen Wahlkampf anzulasten, müsste sich die Öffentlichkeit selbst wacher und interessierter zeigen. Doch für einen spannenden Wahlkampf fehlen nicht nur die politischen Akteure, sondern es fehlt auch der gesellschaftliche Adressat. Die Republik wirkt satt und sorglos. Zu satt für die leidenschaftliche politische Auseinandersetzung.

2009, als die Spitzenkandidaten Merkel und Steinmeier noch zusammen regierten, galt der Wahlkampf auch schon als "langweilig". Aber immerhin hatte er ein beherrschendes Thema: Alles drehte sich um die internationale Finanzkrise und die Frage, wie sie eingedämmt und wie Deutschland am besten vor ihren Folgen bewahrt werden könnte. Der Markt hatte versagt, die Deutschen waren verunsichert, Politik zählte wieder.

Diese Lage hat sich geändert. Die Deutschen glauben erfahren zu haben, dass selbst große internationale Verwerfungen ihrem Land nichts anhaben konnten. Die ökonomischen Horrorszenarien, die seinerzeit grassierten, bewahrheiteten sich nicht. Statt der großen Depression erlebten die Deutschen eine Art zweites Wirtschaftswunder. Die halbe Welt steht nun Schlange, um den Deutschen zu gratulieren. Oder zumindest, um ihre Produkte zu kaufen und ihr Modell zu studieren. Der einstige "kranke Mann Europas" wird heute um seinen wirtschaftlichen Erfolg beneidet; und in den einschlägigen Umfragen erreichen die Deutschen plötzlich auch Spitzenplätze auf der internationalen Beliebtheitsskala.

Schon einmal, in der frühen Bundesrepublik, haben sich die Deutschen über den wirtschaftlichen Wiederaufstieg neu erfunden. Und auch jetzt hat sich die pessimistische Stimmung in Selbstbewusstsein und Optimismus verwandelt. Doch die politische Debatte profitiert davon nicht. Im Gegenteil, der ökonomische Erfolg dämpft offenbar das Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten.

Schon das Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre war kein Nährboden für die Politisierung der Deutschen, erst als es endete, ging es plötzlich hoch her. Aber als Katalysator für politische Leidenschaft kann man sich die Krise ja nicht zurückwünschen.