Nicht dass Peter Knoedel je ein Grüner gewesen wäre, aber eines Tages hat er sich fast als solcher gefühlt. Es war an einem Mittwoch im März 2002, als Knoedel vor den Umweltausschuss des Deutschen Bundestages trat. Der damals 49-Jährige war oberster Lobbyist von BP in Berlin; er vertrat die Interessen eines Konzerns, der mit seinen Raffinerien, Pipelines und Chemiefabriken weltweit enormen Schaden anrichtet.

Doch vor dem Ausschuss entpuppte sich der Erdöl-Mann nicht nur als Freund des Klimaschutzes, sondern auch als Fürsprecher des Emissionshandels. Dieses Instrument zur Bekämpfung der globalen Erwärmung war damals bloß eine viel diskutierte Idee. Sie wurde von vielen Managern und Politikern als Teufelszeug verunglimpft, doch dahinter stecke nur die Furcht vor konsequentem Klimaschutz – das war Knoedels Botschaft. Damit machte er sich und BP zu Nestbeschmutzern der eigenen Branche und, schlimmer noch, zu Verbündeten von Jürgen Trittin. Der Grüne war damals Umweltminister und bei der Industrie so unbeliebt wie kein anderer Politiker.

"Es war ein gutes Gefühl, mit einer Sache unterwegs zu sein, an die man glauben konnte", sagt Knoedel heute. Er will sich nicht darüber beklagen, dass er schon bald nach seinem überraschenden Auftritt im Umweltausschuss aus den Diensten von BP ausschied. Inzwischen lebt er auf Zypern, als Frühpensionär. Es geht ihm nicht schlecht. Aber es klingt bitter, wenn er seine Sätze so beginnen lässt: "Was aus dem Emissionshandel geworden ist..."

Überzeugte Umweltschützer nennen den Emissionshandel ein "Flaggschiff", mit dem Europa die Erderwärmung bekämpfe. Er verpflichtet Unternehmen dazu, sich Verschmutzungsrechte zu besorgen, wenn sie Kohlendioxid in die Erdatmosphäre pusten wollen; der Handel mit den Lizenzen soll ökonomische Anreize schaffen, den Ausstoß klimaschädlicher Gase dort zu reduzieren, wo dies am effizientesten möglich ist. Mindestens 20 Euro pro Tonne, sagen Fachleute, sollten die Emissionslizenzen kosten, um das Investitionsverhalten der Betreiber von Kraftwerken und großen Fabriken zu lenken. Doch inzwischen kosten sie fast nichts mehr. Deshalb lenkt der Emissionshandel nichts, deshalb geht Europas Kanonenboot gegen den Klimawandel langsam unter – vor den Augen von Millionen von Zuschauern.

Das liegt zu einem großen Teil an Deutschland. Deutschland ist nicht nur Europas größter Klimasünder, deutsche Regierungen haben sich in Sachen Emissionshandel auch wiederholt zum Handlanger der unwilligen Industrie gemacht. Auch die amtierende Regierung Merkel tut das – obwohl die Bundeskanzlerin 1997 als Umweltministerin das Kyoto-Protokoll mitverhandelte, obwohl sie 2007 den Klimaschutz in Europa zur Chefsache machte und obwohl seit 2010 im Energiekonzept der Bundesregierung steht, der Emissionshandel sei "das vorrangige Klimaschutzinstrument".

Das Europäische Parlament hat sich zwar gerade dafür ausgesprochen, den Emissionshandel wiederzubeleben; die Regierungen der Mitgliedsländer müssen aber noch zustimmen. Und ausgerechnet Merkel sagt, dass gegen "die geballte deutsche Wirtschaft" eine Reform – leider – nicht durchsetzbar sei.

Die Geschichte der Erfindung und des Niedergangs des Emissionshandels ist ein Lehrstück in doppelter Hinsicht. Seit einem Vierteljahrhundert beweisen die Europäer, wie wenig sie von Europa überzeugt sind – aber auch, wie wankelmütig, wenn es um den Schutz der Umwelt geht. Denn ursprünglich wollten sie den Emissionshandel nicht. Sie wollten den Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) besteuern.

Es war Anfang 1990, die Vorbereitungen für den Erdgipfel in Rio de Janeiro liefen auf Hochtouren, und Carlo Ripa di Meana, EU-Kommissar für Umweltfragen, wollte eine Öko-Revolution anzetteln. Unter seiner Regie entstand das Konzept für eine kombinierte Steuer auf CO₂ und Energie – mit dem Ziel, den Ausstoß von CO₂ bis zum Jahr 2000 auf dem Stand von 1990 einzufrieren. Es ging Ripa auch um das "moralische Ansehen" Europas.

Doch der Italiener scheiterte grandios. Dem Erdgipfel, dem "Gipfel der Heuchelei", blieb er fern, aus Protest gegen die eigenen Brüsseler Kollegen. Die hatten seinen Plan inzwischen an eine hässliche Bedingung geknüpft: Auf Druck der Industrie hatten sie entschieden, die Steuer nur einzuführen, wenn wichtige Handelspartner ebenfalls den Ausstoß von CO₂ besteuern würden. Angeblich, um die europäische Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden. Doch damit war das Projekt schon fast tot.

Das Argument zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch die europäische Umweltpolitik, auch durch die Debatte um den Emissionshandel. Die Steuer-Richtlinie wurde indes selbst mit der Wettbewerbskautel nie verabschiedet. Wenn es ums Geld geht, ist in Europa Einstimmigkeit erforderlich. 1994, beim EU-Gipfel in Essen, wurde Ripas Idee von der Energiesteuer endgültig begraben.

Auf diesem Trümmerhaufen wuchs der Emissionshandel.