Das W-Wort taucht irgendwann im Sommer des vergangenen Jahres plötzlich in Angela Merkels Redemanuskripten auf. W wie Wettbewerbsfähigkeit. Anfangs mäandert es noch unentschlossen durch die Texte des Kanzleramts, doch schon bald erobert es sich einen festen Platz in einer Passage, die bis heute in fast jeder Kanzlerinnenrede enthalten ist.

Zum Beispiel am 13. September 2012 in Berlin: "Wenn wir wollen, dass morgen noch jemand auf uns hört in der Welt, dann müssen wir wettbewerbsfähig sein."

Oder am 24. Januar 2013 in Davos: "Die Staaten des Euro-Raums können natürlich nur dann wachsen, wenn sie auch Produkte anbieten, die global verkäuflich sind. Deshalb ist das Thema Wettbewerbsfähigkeit so wichtig."

Und am 25. April 2013 in Dresden: "Wettbewerbsfähigkeit ist kein Ziel an sich, sondern Wettbewerbsfähigkeit ist eine fundamentale Notwendigkeit für Wachstum."

Wenn Angela Merkel den Aufbau ihrer Reden ändern lässt, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich auch ihre politischen Prioritäten verschoben haben. Und so zeigt die Blitzkarriere des Begriffs einen neuen Schwerpunkt in der deutschen Krisenpolitik an. Ob wie am Montag dieser Woche neue Hilfen für Griechenland beschlossen werden oder Spanien und Portugal mehr Zeit für den Abbau ihrer Defizite bekommen – für die Bundesregierung steht nicht mehr das Sparen im Vordergrund, sondern die Wettbewerbsfähigkeit.

Geht es nach den Deutschen, dann sollen Länder, die wettbewerbsfähiger werden, künftig sogar Geld aus Brüssel erhalten. Es ist eine bemerkenswerte Wende – und sie hat ihren Ursprung in der Bedeutung, die man im Kanzleramt dem Aufstieg der Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas beimisst. Dort spiele die Musik. Wenn Europa auf der Weltbühne nicht an den Rand gedrängt werden wolle, müsse es dort reüssieren.

Nur der Export schafft echten Wohlstand – diese Sichtweise ist in Deutschland weit verbreitet. Schließlich haben es hierzulande zahlreiche mittelständische Unternehmen in ihren jeweiligen Nischen zum Weltmarktführer gebracht. Da liegt es nahe, vom Erfolg im Außenhandel auf das wirtschaftliche und politische Wohlergehen des Landes zu schließen.

Interessant aber ist, dass ausgerechnet der mächtigste Staat der Welt – die USA –, gemessen an seiner Größe, praktisch nichts exportiert. Die Amerikaner haben zwar Marken, die sich auf allen Kontinenten verkaufen, der Beitrag von Apple, Google und Co. zur Wertschöpfung des Landes ist aber vergleichsweise gering. Insgesamt erwirtschaften die Vereinigten Staaten weniger als zehn Prozent ihrer gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung im Exportgeschäft. Sie verdanken ihre Stärke also nicht dem Erfolg amerikanischer Produkte in Asien oder Lateinamerika, sondern einer florierenden Binnenwirtschaft. Und umgekehrt gibt es auf der Welt Länder wie Nicaragua, einen Staat mit einem Exportanteil von 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der trotzdem nicht aus der Armutsfalle kommt. Oder vielleicht gerade deshalb darin gefangen bleibt.

Die Vorstellung, das Schicksal eines Landes entscheide sich an den Weltmärkten, hat ihren Ursprung im merkantilistischen Denken des 17. Jahrhunderts. Jean-Baptiste Colbert, der Finanzminister Ludwigs XIV., ging davon aus, dass Staaten in einen permanenten Kampf um Marktanteile verwickelt seien. Nur der Verkauf von Waren ins Ausland sichere "Macht, Größe und Überfluss".

Das Regierungsprogramm von CDU und CSU für die Bundestagswahl liest sich über weite Strecken wie ein merkantilistisches Manifest. Europa müsse mit "guten Produkten" seine "Chancen auf den internationalen Märkten sichern", heißt es da. Deshalb müsse ein "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit" beschlossen werden.

Doch was für ein einzelnes Unternehmen richtig ist, muss noch lange nicht für eine ganze Volkswirtschaft gelten. Wenn ein Unternehmen die Löhne senkt, kann es seine Waren billiger anbieten als die Konkurrenz. Es wird also Marktanteile auf Kosten seiner Wettbewerber gewinnen – und kann sich auf diese Weise vielleicht sanieren.