Deutschland hat lange mit einer Mauer gelebt. Doch die Erinnerung daran schwindet. Wir Deutsche, wir Europäer können uns frei bewegen. Wo uns früher schwer bewachte Grenzbäume den Weg versperrten, müssen wir heute nicht einmal einen Pass vorzeigen. Wir leben auf dem Kontinent der Grenzenlosigkeit.

Das ist eine Täuschung, oder sagen wir: ein bequemer Selbstbetrug. Denn ziemlich genau mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann Europa seine Außengrenzen zu befestigen. In der spanischen Exklave Melilla, Marokko, hat die Europäische Union einen Zaun errichtet, um Immigranten abzuwehren. Das ist ein schreckliches, ein falsches Verb, denn es suggeriert, dass Einwanderer so etwas seien wie Soldaten einer feindlichen Armee, die auf Eroberung und Unterwerfung aus ist. Einwanderer suchen Arbeit und Schutz. Auch die USA, die sich selbst als das freieste Land der Erde sehen, errichten Zäune an ihrer Grenze zu Mexiko. Jeder weiß, dass dies nur Notbehelfe sind. Das Gefälle zwischen Nord und Süd ist zu groß. Solange das so ist, wird es massenhafte Immigration geben. Das ist per se ja keine schlechte Sache. Deutschland zum Beispiel braucht Einwanderer. Diese Erkenntnis ist weit verbreitet, doch in das Bewusstsein eingesickert ist sie noch nicht. Zäune wie in Marokko oder an der mexikanisch-amerikanischen Grenze vermitteln ja eher das Gefühl, dass da draußen eine Gefahr lauert. Der Blick auf die Chancen wird uns versperrt.

In dem Bagdader Stadtteil Al-Atthamia sind die Menschen gewiss nicht froh über die Betonmauer, die sie von dem Stadtteil Al-Kahira trennt. Doch sie schützt buchstäblich ihr Leben. Nach der Invasion der Amerikaner im Irak 2003 begann ein grausamer Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Er zerriss Bagdad. Hier Sunniten (Al-Atthamia), dort Schiiten (Al-Kahira). Milizen der beiden Glaubensgemeinschaften gingen sich gegenseitig an die Gurgel. Schießereien, Attentate, Entführungen, bis die lebensrettende Mauer errichtet wurde. Die Probleme des Alltags haben Sunniten wie Schiiten immer noch gemeinsam, das erkennt man an den vielen Kabeln, die kreuz und quer über die Mauer gezogen sind. Alle Bewohner Bagdads leiden nämlich unter Stromausfällen. Sie behelfen sich über alle Trennungen hinweg.


Mauern gegen den Hass und gegen das Töten, das ist keine nahöstliche Spezialität. Was Sunniten und Schiiten in Bagdad erleben, kennen Katholiken und Protestanten in Nordirland seit Jahrzehnten. Der Konflikt ist schon so alt, dass die Häuser hinter dem Zaun verrotten. Niemand glaubt offensichtlich, dass es sich lohnt, darin zu leben und zu warten, bis der Zaun endlich abgebaut wird. Auch in Zukunft wird man getrennt leben. Das ist die Botschaft des Fotos.

Auch die Grenze zwischen Nord- und Südkorea wirkt so zementiert, dass man sich eine Vereinigung zwischen den beiden Ländern kaum mehr vorstellen kann. Die Grenze wurde 1953 gezogen, nach dem Ende des Koreakrieges – dem vorläufigen Ende, muss man wohl sagen. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un nämlich droht immer wieder mit seinen Atomwaffen. Warum er das tut, versteht keiner so recht, doch sein Auftreten trägt nicht dazu bei, dass man ihm vertraut. Die USA, Südkoreas enger Verbündeter, haben deshalb 40000 Soldaten auf der Halbinsel stationiert, für den Fall, dass wirklich mal was passiert. Am demilitarisierten Grenzübergang Panmunjom lassen sich nordkoreanische Soldaten vor Soldaten des kapitalistischen Todfeindes USA ablichten. Damit sie später ihren Enkeln erzählen können, wie die bösen Kapitalisten ausgesehen haben, gegen die sie tapfer gekämpft und natürlich gesiegt haben werden.

Ganz und gar ohne eine mögliche Lösung scheint der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu sein. Was wir auf dem Foto sehen, ist die Siedlerfestung Pisgat Zeev. Sie steht im seit 1967 besetzten Westjordanland. Wenn es nach Recht und Gesetz ginge, hätte sie erst gar nicht gebaut werden dürfen. Aber was wie und wo gebaut wird, ist meist eine Frage der Machtverhältnisse. Und wer hier die Macht hat, das wird auf einen Blick klar.

Menschen sind seltsame Wesen. Sie haben Angst voreinander, und sie misstrauen einander. Das werden Außerirdische denken, sollten sie in einer fernen Zukunft einmal auf der Erde landen und all diese Mauern und Zäune sehen. Der Anblick des seit 1974 geteilten Zyperns dürfte sie besonders erstaunen: Streiten sich die Bewohner dieses schönen Planeten wirklich um eine staubige Gasse?