Der Raum, in dem sie neue Menschen machen, hat eine Wand aus Glas. "Das Aquarium" nennt Dagan Wells es, und er klopft an die gelb getönte Scheibe. "Sehr beliebt bei den Paaren", sagt der Reproduktionsmediziner. Hier im Institute of Reproductive Sciences gewährt man den Eltern Einblick in das Befruchtungslabor. Drinnen hantieren weiß vermummte Gestalten an sterilen Arbeitsplätzen, beugen sich unter den Augen der Besucher über Mikroskope und verfolgen aufmerksam die ersten Regungen werdenden Lebens in den Glasschalen. Wells weist nach links: Eine Wandklappe verbindet das Aquarium mit den Räumen, in denen, wie er es ausdrückt, "die Männer Sperma produzieren". Dann dürfen sie zuschauen, wie ihre eigenen Babys gezeugt werden.

Das Institut im englischen Oxford gehört zur Avantgarde der Kinderwunschzentren. Hier wird die menschliche Fortpflanzung optimiert. Wells’ Truppe beherrscht die Herstellung von Kindern schon heute weitaus zuverlässiger als die Natur. Auch weitaus effizienter. Und sicherer. Vor wenigen Tagen verkündete Wells beim Jahrestreffen der europäischen Reproduktionsmediziner in London eine Zäsur in der Medizingeschichte: die Geburt eines vorab durchleuchteten Kindes. Noch nie wurde ein Mensch unter derart umfassender technischer Kontrolle gezeugt wie der kleine Connor Levy aus Philadelphia. Er kam vor sieben Wochen auf die Welt, als erster Säugling, dessen Erbgut decodiert war – noch bevor seine Mutter schwanger wurde. Connors Erbanlagen lagen lesefertig vor, da war er noch ein Laborgeschöpf, ein künstlich befruchteter, in Nährflüssigkeit schwebender Embryo. Ganze fünf Tage alt. Und er wird nicht lange der Einzige seiner Art bleiben. Die Geburt eines weiteren "sequenzierten" Babys steht bevor.

Das führt vor Augen, wie weit die Reproduktionsmedizin vorangeschritten ist auf ihrem Weg zur totalen Herrschaft über die menschliche Natur. In naher Zukunft werden Ärzte die Befruchtung im Reagenzglas, die sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF), so weit perfektioniert haben, dass sie ihren Klienten ein umfassend kontrolliertes Qualitätsprodukt anbieten: ein gesundes Baby, präzise terminiert, zu fast jedem beliebigen Lebenszeitpunkt der Mutter. Und längst ist "assistierte Reproduktion" keine medizinische Nische mehr, sondern ein veritabler Markt – und tendiert zum gesellschaftlichen Mainstream. Bereits heute leben weltweit etwa fünf Millionen Menschen, die im Labor gezeugt wurden. In wirtschaftlich entwickelten Ländern entstammen bis zu fünf Prozent der Neugeborenen einem Kinderwunschzentrum. Und das Angebot wird immer attraktiver.

Connors Geburt war Premiere für die neueste Testtechnik am Embryo. Zur Anwendungsreife gebracht wurde sie von den Oxforder Forschern und dem Team des Reproduktionsgenetikers Santiago Munné bei der Diagnostikfirma Reprogenetics in Livingston, New Jersey. Für das Examinieren des Ungeborenen ist eine ganze Batterie an Labormaschinen nötig: In den Oxforder Labors wachsen die frisch gezeugten Embryonen zunächst in einer Nährflüssigkeit heran. Danach saugen Techniker aus der äußeren Hülle einige wenige Zellen ab – für die Qualitätskontrolle. Gleich neben dem gläsernen Zeugungslabor stehen die dafür benötigten Sequenzer, PCR-Maschinen, Array-Hybridisierer – und alles andere, was man braucht, um die Erbinformation der winzigen Geschöpfe zu vervielfältigen, zu durchmustern oder Buchstabe für Buchstabe zu lesen.

Der enorme Aufwand soll die fehleranfällige Natur der menschlichen Reproduktion kompensieren. Bei der Fortpflanzung leistet sich der Homo sapiens mehr Schlampigkeit als jedes andere Säugetier. "Der Mensch ist eine subfertile Spezies", befindet der Hamburger Humangenetiker Karsten Held. Das bedeutet: ein nur grenzwertig fruchtbares Wesen. Bei der natürlichen Vereinigung von Ei und Samen entsteht mehr Ausschuss als Nachwuchs. Ein gut fruchtbares Menschenpaar im besten Zeugungsalter erreicht im Durchschnitt nur in jedem vierten Zyklus der Frau eine Schwangerschaft, obgleich es wohl stets zu Befruchtungen kommt. Mehr als vier von fünf befruchteten Eizellen, schätzen Fachleute, nisten sich nie in der Gebärmutter ein.

Die wichtigste Ursache für diese Reproduktionsdefizite sind Chromosomenstörungen, sogenannte Aneuploidien: Hat das werdende Leben in seinen Zellen mehr als die korrekte Zahl von 46 Chromosomen oder weniger, geht seine Überlebenschance gegen null. Fast immer liegt das am weiblichen Ei. Schon bei 25-Jährigen ist jede dritte Eizelle geschädigt, bis zum 45. Lebensjahr fällt der Anteil entwicklungsfähiger Eier auf unter zehn Prozent. Fehlerhafte Keimzellen des Mannes verschärfen das Zeugungsproblem überdies: Bei jedem zehnten Embryo mit Chromosomenstörung stammt der Fehler aus dem Spermium.

Die Aussicht auf Nachwuchs schwindet für eine Frau jenseits des dreißigsten Geburtstags rapide, zugleich verschärft sich die Gefahr einer Fehlgeburt. Die Klientel in Kinderwunschzentren sind deshalb fast immer ältere Paare. Wells berichtet, dass diese Menschen vor allem die Frage umtreibt: "Kann sich unser Embryo entwickeln?" Und: "Müssen wir eine Fehlgeburt befürchten?"

Weil Eltern immer älter werden, versuchen Ärzte schon seit Langem, deren Erfolgsaussichten zu verbessern, indem sie nur entwicklungsfähige Embryonen auswählen. Eine solche Selektion ist in Deutschland bislang zwar noch verboten, doch viele Rechtsgelehrte mögen dieser strengen Auslegung des Embryonenschutzgesetzes inzwischen nicht mehr folgen. Im europäischen Ausland und in den USA sind nun – nach einem Jahrzehnt weithin vergeblicher Forschungen – hoch wirkungsvolle genetische Durchleuchtungsverfahren einsatzbereit.

Weicht er von der Norm ab, wird der Embryo vernichtet

Das neue Erfolgsrezept der Reproduktionsmedizin besteht aus einer massentauglichen Präimplantationsdiagnostik: Genomanalysen, mit denen die Entwicklungsmöglichkeit frisch erzeugter Keimlinge überprüfbar wird. So kann das Oxforder In-vitro-Zentrum nicht allen, aber doch sehr vielen Paaren bereits ein Kind im ersten Anlauf versprechen. Und – ob mit 24 oder 42 Jahren – das Alter der Frauen hat fast keinen Einfluss mehr auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches. Das Risiko einer Fehlgeburt, bislang häufig das traurige Ende der belastenden und teuren Laborzeugung, wird dabei mindestens halbiert.

Derzeit wird in den Genomtests (comprehensive chromosome screening) lediglich überprüft, ob der Embryo die korrekte Chromosomenzahl besitzt. Dabei wird eine winzige Menge Erbmaterials in Decodierapparate gespeist. Vorläufig sollen sie die Erbmoleküle nur oberflächlich lesen (at low coverage, wie Wells es formuliert) – genug für eine rasche, preiswerte Prüfung.

Weicht die Chromosomenzahl von der Norm ab, werden die betreffenden Embryonen vernichtet. Ist der Embryo gesund und wird er in den Mutterleib verpflanzt, hat die Frau besonders gute Aussichten: Große Studien mit belastbaren Zahlen stehen zwar noch aus, aber nach den bisherigen Erfahrungen werden mindestens 70 Prozent der Patientinnen beim ersten Versuch schwanger – fast dreimal so viele wie bei einer natürlichen Zeugung.

In Deutschland werden Embryonen bisher nur in Ausnahmefällen untersucht, etwa wenn die Frau bereits mehrere Fehlgeburten erlebt hat. Schon bei Frauen Ende 30 mündet die künstliche Befruchtung deutlich öfter in einen Abort als in eine Geburt. Genomdecodierung wird hierzulande aber noch nicht angewandt. Hier findet eine Chiptechnik (aCGH) Verwendung, die zuverlässig Chromosomenveränderungen der Zellen nachweist. "Studien belegen eindrucksvoll, dass diese Untersuchungsmethoden in hohem Maße dazu beitragen, die häufigen Frühaborte von Schwangerschaften zu vermeiden", sagt der Humangenetiker Udo Koehler vom Medizinisch Genetischen Zentrum in München. Das Institut hat bei rund 50 Paaren etwa 200 solcher Untersuchungen durchgeführt.

Welche Schicksale solche Paare erleben, bis sie für die Ausnahmeuntersuchung zugelassen werden, das zeigen Fallgeschichten wie jene, die Ärzte vom Münchner Reproduktionszentrum Bollmann, Brückner, Noss beim Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe im vergangenen Oktober schilderten.

Eine 33-jährige Präimplantationspatientin hatte zwischen 2005 und 2008 drei Fehlgeburten, bevor sie ein gesundes Kind gebar. In den folgenden drei Jahren erlitt sie vier weitere Aborte. Selbst wenn ein Paar wie dieses aufgrund einer Chromosomenanomalie ein sehr hohes Abortrisiko trägt, führt die präimplantationsdiagnostische Untersuchung noch zum Erfolg – vorausgesetzt, gesunde Embryonen können gefunden werden. Von sieben Patientinnen, deren Fälle die Münchner Ärztedokumentiert hatten, wurden immerhin drei schwanger.

Doch damit stellen sich neue Fragen: Darf diese effiziente Testtechnik nun auch massenhaft benutzt werden, um die Geburtenquote bei In-vitro-Behandlungen zu optimieren? Ist es überhaupt ethisch vertretbar, sie Paaren mit Kinderwunsch vorzuenthalten, wenn die Technik doch bereitsteht?

Solche Überlegungen haben auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr kürzlich zu einem heiklen Vorstoß bewogen. Wenige Tage vor der Geburt seiner eigenen Tochter forderte er, auch in Deutschland müsse es bei künstlicher Befruchtung erlaubt sein, jene Embryonen auszuwählen, die im Mutterleib eine Entwicklungschance hätten. Tags drauf ruderte sein Ministerium zurück: Die Prüfung dürfe nur nach äußerlichen, morphologischen Merkmalen erfolgen, hieß es auf Nachfrage der ZEIT. Eine genetische Selektion durch Präimplantationsdiagnostik, ließ Bahr klarstellen, wolle man auf keinen Fall. Das ließe sich politisch wohl auch nicht durchsetzen, schon gar nicht so kurz vor der Bundestagswahl.

Durchleuchtung auf Merkmale, die gar keine Krankheiten auslösen

Dabei zeigt ein Blick über die Landesgrenzen, in die Niederlande oder nach England, dass niemand an dem Verfahren mehr vorbeikommt. Sobald seine Effizienz in der täglichen Praxis zutage tritt, wird auch die deutsche Politik nicht länger ausweichen können. Wenn Embryonenselektion die Gefahr einer Fehl- oder Totgeburt drastisch senkt, ist ein Verbot medizinethisch kaum noch vertretbar. "Frauen muss keine Schwangerschaft auf Probe mehr zugemutet werden", sagt der Münchner Humangenetiker Udo Koehler, "und vielen Paaren konnte bislang mit dieser Untersuchung der Wunsch auf ein Kind erfüllt werden."

Doch dieser Fortschritt birgt auch einiges an ethischer Brisanz. Avanciert die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland demnächst von der Ausnahmediagnose im schicksalhaften Einzelfall zur Regelanalytik bei künstlichen Befruchtungen, hieße das: Zehntausende Embryos würden einer molekularen Reihenuntersuchung unterworfen. Und, so will es die Natur, nur eine Minderheit würde diese Gentests bestehen.

Und manche Testergebnisse werden die Eltern in ein Dilemma stürzen, denn nicht alle Chromosomenstörungen sind mit dem Leben unvereinbar. Von den Embryonen zum Beispiel, die nur ein einziges Geschlechtschromosom (nämlich ein X) besitzen, entwickeln sich nur zwei Prozent zu einem lebensfähigen Kind, alle anderen sterben im Mutterleib. Weist ein Embryo hingegen drei X-Chromosomen auf, ist die Schwangerschaft gar nicht gefährdet. Diese Kinder entwickeln sich fast immer zu normalen Frauen, deren Erbgutstörung auch später nicht einmal bemerkt wird.

Bei der Trisomie 21, der Störung, die das Downsyndrom hervorruft, endet die Schwangerschaft zwar in zwei von drei Fällen mit dem Tod der Frucht im Mutterleib. Entwickelt sich der Embryo aber weiter, ist das behinderte Neugeborene durchaus lebensfähig.

"Wie werden die Paare mit solchen Diagnosen umgehen?", sorgt sich die Medizinethikerin Kristien Hens von der Universität Maastricht. "Wenn der Embryo die letzte Chance auf ein Kind ist, und er hat Trisomie 21 – was macht man dann?"

Richtig schwierig werden die Entscheidungen, wenn die Scharfsicht der Testverfahren weiter fortschreitet. Natürlich kann man die Genominformation des Embryos vor dem Transfer – durch sogenanntes deep sequencing – mit höchster Genauigkeit auslesen. Damit aber wäre nicht nur die Durchleuchtung auf genetisch bedingte Leiden möglich, auch unerwünschte Eigenschaften ließen sich vermeiden, selbst wenn sie keinerlei Krankheitswert besitzen.

Wie nah diese Zukunft liegt, demonstrierten US-Forscher erst vor drei Monaten: Sie decodierten die Erbanlagen einzelner Zellen von Embryonen so präzise, dass unter drei Milliarden Genbausteinen selbst ein einziger falscher mit absoluter Sicherheit auffiel. Technologische Fortschritte dieser Art – das zeigt die Erfahrung vergangener Jahre – setzen sich im Alltag der Reproduktionsmedizin zuweilen rasch durch. "Wir vermeiden das mit Absicht, weil wir mit den Ergebnissen im Moment nicht umzugehen wissen", sagt Dagan Wells. "Aber eine präzise Genomanalyse des Embryos ist jetzt absolut machbar." Sein Institut in Oxford hat gerade neue Hochleistungssequenzer bestellt: "Truly fancy machines" – echt abgefahrene Geräte.

Wie lange mag es dauern, bis den Menschen die gewöhnliche Zeugung im Bett, wenngleich romantisch, viel zu riskant vorkommt? Und unverantwortlich gegenüber den künftigen Kindern?