Fernsehfilm "George"Das Leben ist schön

Sohn, Zeitzeuge, Hauptdarsteller: Im Fernsehfilm "George" spielt Götz George seinen eigenen Vater. Er malt ihn sich darin so, wie er ihn gern gehabt hätte – als großen, glücklichen Verdränger. von 

Götz George als sein eigener Vater in dem Fernsehfilm "George"

Götz George als sein eigener Vater in dem Fernsehfilm "George"  |  © SWR/Thomas Kost

Der Schauspieler Götz George hat von seinem Vater Heinrich George einiges geerbt: die Statur, den Willen zur Größe, die Begabung. Was der Vater seinem Sohn aber vor allem hinterließ, ist die Gewissheit, niemals ein so großer Schauspieler werden zu können wie der Vater.

Das ist das Lebensthema Götz Georges, die Quelle seiner Arbeitswut und der Kern seines Argwohns: Der Mann muss sich seiner Größe immer neu versichern, weil er ihr im tiefsten Inneren selbst nicht traut. Er muss immer wieder um Anerkennung kämpfen, weil er sie von dem nicht bekam, von dem er sie am dringendsten gebraucht hätte: vom Vater.

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Nun, zu seinem eigenen 75. Geburtstag am 23. Juli, spielt Götz George seinen Vater Heinrich. George heißt der Film, er wird am 22. Juli auf Arte und am 24. Juli in der ARD gezeigt. Es ist Götz Georges Verbeugung vor dem Mann, ohne den er seine Karriere weder hätte machen können noch müssen. Und es ist ein später Liebesdienst für seinen Vater, an den er kaum Erinnerungen hat und der im Speziallager Hohenschönhausen in sowjetischer Gefangenschaft starb, 1946, als der Sohn, Götz, acht Jahre alt war.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

George ist eine Vater-Sohn-Geschichte mit nur einem Protagonisten. Man könnte von einer Übermalung sprechen: Götz George ersetzt das alte Bild vom Vater durch ein neues, mit dem er leben kann. Er steht nicht nur für das Bild Modell, er malt es auch selbst.

Das Bild, das man von Heinrich George bisher hatte, war das eines urgewaltigen, breitschädligen, manischen Schauspielers, der sich mit den Nazis arrangierte, im Durchhaltefilm Kolberg eine entscheidende Rolle spielte, dem "Führer" huldigte, im Sportpalast Goebbels bei der Ausrufung des totalen Kriegs zuhörte und nach dem Ende des Krieges in sowjetischer Lagergefangenschaft 52-jährig starb.

Das Bild, das Götz George nun in Joachim Langs Film von ihm zeichnet, ist voller Güte. Die Wahrheit war wohl ein wenig anders. Als der Sohn achtjährig die Nachricht vom Tod seines Vaters hörte, war er, wie er seinem Biografen Torsten Körner vor einigen Jahren anvertraute, keineswegs nur traurig: "Ich war sogar erst einmal erleichtert, als es hieß, er kommt nicht mehr zurück, weil ich jetzt keine Schläge mehr fürchten musste." Von dieser Dimension der Vater-Sohn-Beziehung ist im Film George nichts zu spüren, weil Götz George nichts davon in den Alten "hineinlegt", keine Gewalt, Wut, auch nichts Rauschhaftes, sondern immer nur etwas Begütigendes, Liebenswertes, Zerstreutes. Er macht dem Vater das Geschenk eines großen posthumen Freispruchs, er spielt ihn als unschuldigen Künstler, der von den Zeitläuften überrollt wurde.

Das Ehepaar George mit den Söhnen Jan und Götz, ca. 1938

Das Ehepaar George mit den Söhnen Jan und Götz, ca. 1938  |  © SWR/Jan George Privatarchiv

Einmal sieht Heinrich George, so wird es nun im Film George gezeigt, wie in Wien ein Jude auf offener Straße misshandelt wird. Dem Mann wird ein Sack über den Kopf gestülpt, man fällt prügelnd über ihn her, und was tut Heinrich George? Er winkt, schief grinsend, in Richtung des Mannes, der da überfallen wird, als habe er einen Verehrer gesichtet, der sich ihm allzu überschwänglich nähern wollte.

Vermutlich haben der Produzent Nico Hofmann, der Regisseur Joachim Lang und der Hauptdarsteller Götz George lange um diese Szene gerungen, denn sie ist die einzige, in der explizit gezeigt wird, dass George "gewusst" hat, unter welchen Gesetzen und in wessen Namen er ein Starkünstler sein konnte. Ein einziges Mal wird hier offenbart, was George wohl dauernd getan hat, nämlich wegschauen.

Ansonsten ist nichts zu sehen von Mittäterschaft: Heinrich George muss nur ab und zu den Propagandaminister Goebbels (gespielt von Martin Wuttke) abwehren, der ihm immerzu irgendwo auflauert, meist am Bühneneingang. Heinrich befreit sich, reißt sich los. Scheu, widerwillig drückt er sich an allen Großfaschisten vorbei – der Sohn Götz gibt in solchen Szenen dem Vater Heinrich eine Schüchternheit, die dieser wohl, im Gegensatz zum Sohn, gar nicht hatte.

Auf Goebbels’ Anträge, Befehle, Geschenke reagiert Heinrich George im Film immer mit demselben unbehaglichen, meckernden Lachen. Im Grunde ist alles, was er sagt, in einen "Kinder, nun lasst doch mal die Kirche im Dorf"-Tonfall gesetzt. Und er tut alles, um die Kirche wieder ins Dorf zu schieben, auch wenn er es ganz allein tun muss. Anders gesagt: Er verklärt die Lage. Als Hitler an die Macht kommt, sagt er: "In ein paar Wochen ist der Suppenkasper wieder weg." Als die Synagogen brennen: "Was? Na, das glaub ich nicht." Und immer lacht er, hehe.

Leserkommentare
  1. ich verstehe Götz George. Wir kann ein Sohn gegenüber seinem Vater objektiv sein? Muss er auch nicht! Das erste Mal seit 50 Jahren ist mir Götz George sympathisch.

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    • Kelhim
    • 14. Juli 2013 14:35 Uhr

    Wenn man schon einen Film über die historische und öffentliche Person dreht, die der eigene Vater war, dann darf er ruhig etwas differenzierter sein und sich nicht nur darauf konzentrieren, ihn reinzuwaschen.

  2. "Ein Film, wie er nur in Deutschland entstehen konnte."

    Vor zwanzig oder zehn Jahren wäre das sicher ein Aufreger gewesen. Heute leben wir in Zeiten, in denen mir das Verhalten dieser Mitläufer von einst verständlicher wird.
    Auch wenn historische Vergleiche hinken, unsere heutige Prominenz steht keinen Deut besser da, als ein George von einst. Wenn ich nur an Ferres denke, die sich im Glanz einer ähnlichen Kaste sonnt und ihr ihrerseits etwas vom Glitter Glitzer ihrer Branche verleiht...

    Auch außerhalb der Promis wird ein derartiges Verhalten des sich arrangierens, sich anbiederns nicht mehr als das gesehen was es ist, sondern als besonders clever und zukunftsweisend geadelt.

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  3. von was denn auch?
    Dass er in seiner Zeit leben musste und das tat so gut er konnte?

    Aus der Nachschau hat ein Peter Kümmel es leicht, fehlendes Heldentum festzustellen und dafür Verurteilung anzumahnen, allerdings bleibt er den Beleg der unterstellten (Mit-)Täterschaft schuldig.

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    • Kelhim
    • 14. Juli 2013 14:32 Uhr

    "der sich mit den Nazis arrangierte, im Durchhaltefilm Kolberg eine entscheidende Rolle spielte, dem "Führer" huldigte, im Sportpalast Goebbels bei der Ausrufung des totalen Kriegs zuhörte"

    Das klingt doch etwas anders als das beschwichtigende "Er musste in seiner Zeit leben und tat das, so gut er konnte".

    Nach dieser Denke gibt es dann nur einen, der an allem Schuld gewesen ist und der starb durch Selbstmord im Führerbunker.

    Hitlers wichtigster Mann und nach eigenen Aussagen "einziger Freund" war auch kein fanatischer Nazi, sondern auch nur ein "Mitläufer", der zufällig in dieser Zeit gelebt hatte und dort Karrierechancen nutze. Wenn man die Personen, die sich im dritten Reich schuldig gemacht hatten in die Gruppen "fanatischer Nazi" und "Mitläufer" unterteilt, stellt man schnell fest, dass die erste Gruppe verschwindend gering ist und alleine niemals hätte die Macht erhalten können. Selbst solche Figuren, wie ein Himmler hatten einen Plan-B.

    Es bleibt daher nichts anderes übrig, alles bei jedem Einzelfall sich mit Sachzwängen und Schuld auseinanderzusetzen.

    Bei dem George ist es sogar recht einfach: Er hätte nicht mit den Nazis ins Bett kriechen müssen oder hätte wenigstens die heikelsten Rollen ablehnen können. Andere in seiner Position hatten das auch geschaft. Aber er ist damals den bequemen Weg gegangen, der ihm Geld, Ruhm und Anerkennung versprach.

  4. Das solch ein Film nur in Deutschland entstehen konnte, ist Quatsch. Das gibt es auch woanders.

    Kinder, die ihre Eltern spielen, sich befangen. Wer etwas über die damalige Zeit lernen will, der ist dort verkehrt.
    George spielt sich George schön.

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    >>Das solch ein Film nur in Deutschland entstehen konnte, ist Quatsch. Das gibt es auch woanders.<<
    wo denn bitte? wer sonst außer den deutschen würde sich in einer tv-großproduktion einen "gottbegnadeten" nazi-liebling und exponenten der ns-propaganda und -judenhetze als treuherzigen schüchterling und spielball widriger zeitumstände verkaufen?

    • Kelhim
    • 14. Juli 2013 14:32 Uhr

    "der sich mit den Nazis arrangierte, im Durchhaltefilm Kolberg eine entscheidende Rolle spielte, dem "Führer" huldigte, im Sportpalast Goebbels bei der Ausrufung des totalen Kriegs zuhörte"

    Das klingt doch etwas anders als das beschwichtigende "Er musste in seiner Zeit leben und tat das, so gut er konnte".

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    Heinrich George nun zu verurteilen. Nicht jeder ist als Widerständler geboren. Da haben andere in der NS-Zeit sich übler an das Regime angebiedert als er. Grass z.B. umgibt sich heute noch mit einem selbstgeschaffenen Heiligenschein, obwohl der damals SS-Mann war. George ist noch nicht einmal verbal aktiv für das NS-Regime eingetreten. In seinem Leben liegt viel Tragik; aber Schuld?

    sich arrangiert, mitgejubelt und mitgespielt zu haben?
    Das ist Täterschaft?
    Angenommen das wäre richtig, dann reden wir von 90% +X Tätern und was macht ihn dann wieder besonders?
    Wenn ich mir so überlege wer heute die Probleme und Kriege unserer Zeit zum eigenen Vorteil verwurstet.

    • Kelhim
    • 14. Juli 2013 14:35 Uhr

    Wenn man schon einen Film über die historische und öffentliche Person dreht, die der eigene Vater war, dann darf er ruhig etwas differenzierter sein und sich nicht nur darauf konzentrieren, ihn reinzuwaschen.

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    Antwort auf "ein guter Sohn"
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    sie haben den Film schon gesehen?

  5. wird 75 Jahre jung und ist Schauspieler. Einer der Menschen, die nach Aussen ver_körpern.
    Ich muß nicht alles gut finden, was Jemand darstellt, um gut zu finden, dass Jemand es darstellt.
    Verstehe ihn und wünsche, dass er selbst mit der "Arbeit" zu_frieden ist.

  6. 8. hm...

    >>Das solch ein Film nur in Deutschland entstehen konnte, ist Quatsch. Das gibt es auch woanders.<<
    wo denn bitte? wer sonst außer den deutschen würde sich in einer tv-großproduktion einen "gottbegnadeten" nazi-liebling und exponenten der ns-propaganda und -judenhetze als treuherzigen schüchterling und spielball widriger zeitumstände verkaufen?

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    Antwort auf "Befangen..."
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    Nehmen Sie einfach die aktuellen Diktatoren von Syrien und Nordkorea.
    Oder auch G.W.Bush. (jetzt nur mal so aus der Hüfte.)

    Es gibt eine ganze Menge an Material, bei denen sich die Kinder an ihren Eltern abarbeiten und ihren Nutzen daraus ziehen. Der Götz macht halt hier seinen Frieden mit seinem Vater und bastelt am eigenen Nachruf.

    Der George hatte sich mit einer Diktatur ins Bett gelegt. So etwas gibt es auch häufiger, genauso wie durch die öffentliche Hand bezahlte "Therapiestunden".

    Er hat an den allerübelsten antisemitischen Filmen maßgeblich mitgewirkt und dabei indirekt dem Holocaust gedient, andererseits persönlich kein Blut an den Händen. Das wäre vielleicht an sehr spannender historischer Film geworden, wenn so ein Paradebeispiel für kognitive Dissonanz adäquat dargestellt worden wäre, was sein Sohn verständlicherweise nicht konnte und wollte. Als Intendant des Schillertheaters hat er auch bei Nazis weniger gern gesehene Künstler beschäftigt. Ins Lager haben ihn die Kommunisten wohl va. deshalb gesteckt, weiler als ehemaliges Mitglied der KPD seine Leute aus opportunistischen Gründen und Feigheit verraten hat. Im Interview sagte Götz vor zwei jahren, man würde ihn ständig bedrängen, seinen Vater zu spielen und nur er könne dies machen. Ich würde umgekehrt sagen, va. er hätte ihn nicht spielen sollen. Heinrich wäre in besseren Zeiten kein Nazi geworden, aber als Opfer muss man ihn deshalb nicht darstellen. Jud Süß richtet heute noch Schaden an und wird als Propagandafilmin arabischen Ländern oder von ungarischen Faschos gezeigt.

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