"Fall Eggebrecht"Im Herzen das größte Grauen

Vor drei Jahren erregte der "Fall Eggebrecht" Aufsehen: Aufgedeckt wurde, dass der Musikwissenschaftler Mitglied der mörderischen Feldgendarmerie der Wehrmacht war. Doch die Aufarbeitung kommt erst jetzt in Gang. von Volker Hagedorn

Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht (1919 - 1999)

Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht (1919 - 1999)  |  © privat

Zuerst kam der Schock, dann kam die Starre. Vor dreieinhalb Jahren wurde bekannt, dass ein bedeutender Ordinarius bundesdeutscher Musikwissenschaft, Hans Heinrich Eggebrecht, Mitglied jener Feldgendarmerieabteilung 683 gewesen war, die 1941 in Simferopol auf der Krim an einer Massenexekution von 14.000 Juden beteiligt war. Eggebrecht starb 1999, hoch geehrt nicht nur an seiner Universität Freiburg, ein Königsmacher, zu dessen Schülern Größen des Fachs von Brinkmann bis Riethmüller zählen, der um 1970 zudem als "linker Professor" Sympathien gesammelt hatte, ein charismatischer Gelehrter, dessen Bücher auch deutsche Bildungsbürger gern lasen.

Der Musikhistoriker Boris von Haken hatte seine Erkenntnisse aus der Arbeit an einem Buchprojekt Holocaust und Musikwissenschaft in einem Vortrag vor der Gesellschaft für Musikforschung und dann in der ZEIT (Nr. 52/09) zusammengefasst. Die Publikation erregte Aufsehen weit über Deutschland hinaus. Schließlich war nicht zu bezweifeln, dass Eggebrecht einer Einheit angehört hatte, die, wie der Historiker Ulrich Herbert feststellte, "zu einer der schrecklichsten Mörderbanden der Geschichte" zählt. Holocaustforscher Götz Aly hielt es für produktiv, im Werk des Gelehrten nach Spuren einer "geistigen Rückkehr an den Tatort" zu suchen, einer unbewussten Auseinandersetzung.

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Kinder und Greise, Männer und Frauen wurden zur Erschießung getrieben

Doch nahezu alle deutschen Musikologen, die sich nun äußerten, auch solche, die engagiert zum "Dritten Reich" arbeiten, bezweifelten die Seriosität der Enthüllung. Geforscht wurde fortan gleichsam über Möglichkeiten, einen Spiritus Rector der Zunft aus der Mitte des blutigen Geschehens zu entfernen, in der von Haken ihn mit dem Satz verortet hatte, er sei "in allen Stadien der Ermordung der Juden von Simferopol beteiligt" gewesen, vom Zusammentreiben der Opfer und dem berüchtigten "Spalier" bis hin zum Erschießungsgraben. Dadurch sah etwa der Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer eine "individuelle Schuld" suggeriert, für die Beweise fehlten.

Man muss, ehe man das näher betrachtet, einen Schritt zurücktreten und konstatieren, dass der "Fall Eggebrecht" weit über die Grenzen des Faches hinausreicht, in dem man bis dahin nur auf White-Collar-Mitläufer gestoßen war. "Heiner" war als 22-Jähriger auf der Krim, ein gebildeter, musikalischer, klavierspielender Mensch, der sich später in jenem einflussreichen Gelehrten und Musikvermittler vollendete, von dem sich auch ein Wolfgang Rihm verstanden fühlte. Er war, bildungsbürgerlich gesehen, einer von uns, zu Hause in jener Kunst, die man doch gern immer noch für unbefleckbar hält. Mitten in ihrem Herzen auf das größte Grauen zu stoßen – das ist nicht zu "bewältigen".

Wir kommen irgendwie klar mit dem antisemitischen Genie Wagner und wissen wohl, dass Reinhard Heydrichs Geigenkünste seinen Weg zur Wannsee-Konferenz nicht behinderten. Aber sich einen wie Hans Heinrich Eggebrecht in jenem Spalier zu denken, durch das an vier Dezembertagen 14.000 Menschen zur Erschießung getrieben wurden, Kinder wie Greise, Männer wie Frauen, das zerstört unser Distanzierungsvermögen. Das schlägt einen Tunnel durch die Zeit, es untergräbt unsere Kulturgewissheit. Wir lieben ja denselben Beethoven, den Eggebrecht in freien Stunden bei einer deutschen Familie in der "gesäuberten" Stadt Simferopol am Klavier spielte.

Da mag es erleichtern, dass ein "konkreter Einzeltatnachweis" unmöglich ist. Als Zeugen solcher Massaker blieben überwiegend die Wehrmachtsangehörigen selbst, die fast immer die Rolle ihrer Einheiten herunterspielten. Nicht anders war es, als die Staatsanwaltschaft München in den 1960er Jahren 222 ehemalige Mitglieder jener Feldgendarmerieabteilung 683 vernahm, zu der ausweislich seiner Wehrmachtspapiere auch Eggebrecht gehörte. Ein Zeuge aus dem 3. Zug der 2. Kompanie, Heinrich W., erinnerte sich immerhin: "Eggebrecht, Heiner, wurde mit mir Unteroffizier in Simferopol, müsste aus der Thüringer Gegend gestammt haben, sein Vater war dort Pfarrer."

Dieses Vernehmungsprotokoll war eines der zahlreichen Dokumente, aus denen von Haken sein gewaltiges Puzzle zusammensetzte und deren Aussagekraft nun vehement infrage gestellt wurde. War Eggebrecht nach Aussage des Zeugen nicht bloß "möglicherweise" in jenem 3. Zug der 2. Kompanie der Feldgendarmen gewesen, der sich zur Zeit des Massakers in Simferopol befunden hatte? Und wenn er es war, könnte er doch in dieser Zeit an einem Lehrgang teilgenommen haben, der zu seiner Beförderung zum Unteroffizier führte! Solche Einwände machten im März 2010 zwei Hamburger Professoren geltend, Claudia Maurer Zenck und Friedrich Geiger, die ihre Anmerkungen, 40 Seiten lang, ins Netz stellten.

Die FAZ referierte darüber mit dem Hinweis, dort sei der "Stand der Forschung" dokumentiert. Zu dieser Zeit war noch nicht einmal eine vollständige, autorisierte Fassung des Tübinger Vortrags von Hakens verfügbar; sie erschien erst im Juli 2010 im renommierten Archiv für Musikwissenschaft. Dass es noch einen anderen "Stand der Forschung" gab, begann deutlich zu werden, als einer der renommiertesten Holocaustforscher sich mit den Einlassungen der Kritiker befasste. Christopher R. Browning, Verfasser des Buchs Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen , konstatierte bei Friedrich Geiger eine "Methodologie, die in überwältigendem Maße ausweichenden und apologetischen Zeugenaussagen (…) zu einer Art Durchschnitt zusammenzufassen."

Wegen der sowjetischen Gegenoffensive, so Browning, habe die Wehrmacht jeden verfügbaren Mann in Simferopol gebraucht, um 14.000 Zivilisten zu exekutieren. Es entbehre "jeglicher Logik", wie Claudia Maurer Zenck anzunehmen, dass da jemand noch eine Beurlaubung für die Vorbereitung auf ein Offiziersexamen bekam. Zu lesen war das 2012 in der amerikanischen German Studies Review, der weltweit auflagenstärksten wissenschaftlichen Zeitschrift für Forschungen zu Geschichte, Kultur und Politik im deutschsprachigen Raum. Boris von Haken erhielt erstmals die Gelegenheit, unabhängig von seinem Buchprojekt auch in Fußnoten die Quellen zu erschließen, von denen einige schon das Gerücht streuten, es gebe sie gar nicht.

Wie Browning nahm er einen von Zenck angeführten Brief in den Blick, in dem Eggebrechts Mutter ein halbes Jahr nach dem Geschehen in Simferopol Feldpost ihres Sohnes aus Feodosia kommentiert hatte: "[Er] ist Gott sei Dank nicht mit in Kertsch zur ›Säuberungsaktion‹ eingesetzt. Es war schon in Sinferopol [sic] schon [sic] so furchtbar." Mit "Säuberungsaktion", hatte Zenck erklärt, sei nur das "Aufspüren versprengter Feinde" gemeint. Von Haken machte sich in der German Studies Review die Mühe, anhand von vier Quellen nachzuweisen, dass "Säuberung" ein gängiger Euphemismus für Massenexekutionen von Juden war. Zenck reagierte darauf ihrerseits mit einer gegenläufigen Fußnote im kürzlich erschienenen Magazin Musik und Ästhetik, das neue wie überarbeitete Aufsätze zum "Fall Eggebrecht" versammelt.

Leserkommentare
  1. zusammen zu denken.

    Aber wie man dem Zitat aus einem Brief entnehmen zu können, gehörte der Soldat zu den NS-Verblendeten: die reine Sache.

    Er war überzeugt in seiner Jugend, wie viele, und es müssen viele gewesen sein, denn sonst hätte dass ganze ja nicht funktioniert.

    Wahrscheinlich hat sich seine Einstellung geändert im Laufe seines Lebens.

    Und er war nicht der einzige seines Schlages: siehe Jauss.

    Auch ein viel gelesener und geschätzter Wissenschaftler. leider mit SS-Vergangenheit, über die er nie sprach.

    Allerdings arbeitete er mit Blumenberg und Gadamer zusammen und dann bekommt sein Leben doch etwas versöhnliches.

    Man stelle sich dass vor:

    ein Verfolgter, ein SS-Mann und jemand der sich möglichst aus allem raushalten wolte in einer Zusammenarbeit.

    Dass ist eine Leistung der Versöhnung und Kultur, die dass Geschehende nicht ungeschehen machen kann,

    jedoch in die Zukunft weisst.

    Dass war jetzt viel zu Jauss und wenig zu dem Musikwissenschaftler, aber vielleicht kann diese Perspektive ein wenig weiterhelfen.

    Eine Leserempfehlung
    • tb
    • 23. Juli 2013 17:34 Uhr

    Herr Hofmann hat kürzlich ein Buch besprochen, in dem es um die Entmachtung der Antifaschisten des Jahres 1945 durch die Funktionselite des NS-Regimes im Jahre 1950 unter Adenauer ging.
    http://www.zeit.de/2013/2...

    Der Autor verengte die Perspektive auf die eindeutig Belasteten NS-Täter die im konservativen Lager verblieben.

    Betrachtet man die Vita von Herrn Eggebrecht und vielen Anderen, so muss dieses Narrativ wohl auch auf die vermeintlich linksliberalen Intellektuellen der Bundesrepublik ausgedehnt werden.

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    Ich kann Ihnen versichern: In dem von Gunter Hofmann besprochenen Buch kommen auch linke Intellektuelle vor, die über ihre Zeit als Mitläufer oder Täter im Dritten Reich schwiegen. Dass sie in der Rezension nicht erwähnt wurden, dürfte an ihrer im Vergleich zu den vielen Fällen auf der politischen Rechten verschwindend kleinen Zahl gelegen haben und womöglich auch daran, dass sie als Intellektuelle den westdeutschen Staatsschutz allenfalls kommentieren, nicht jedoch praktizieren konnten. Wenn man beide Gruppen in einem Atemzug nennt, sollte man diese beiden wichtigen Unterschiede beachten.

    • Atan
    • 23. Juli 2013 17:45 Uhr

    die neuen Maßstäbe im Demjanjuk-Prozess sind noch nicht Bestandteil letztinstanzlicher Rechtsprechung. Auch wenn sie es werden sollten: sie stammen aus der Generation, die sich dank "Gnade später Geburt" eben nicht mehr mit den Tätern als tragende Gesellschaftsschicht auseinandersetzen muss.

    Ich kann diese heutige Schizophrenie viel schwerer verstehen: uns schützen v.a. die Umstände und das stabiler gebaute demokratische Rechtsstaatssystem selbst in solche Biographien zu geraten, nicht unsere größere Moralität.

    Auch unsere Generation fordert im Brustton großer moralischer Überzeugung, irgendwelche unbewaffneten Bergbauern zu verbrennen, nur weil sie zu einer "taktischen Bedrohung" in unseren aus freiem Willen neuen kriegerischen Feldzügen werden.

    Eine Vergangenheitsaufarbeitung jedenfalls, die in diesen Taten nicht immer auch das banale Böse sieht, das prinzipiell auch zu uns wiederkehren könnte, erscheint mir nutzlos. Hannah Arendt hat hat es bei Eichmann gesehen, vermutlich war es bei Eggebrecht ähnlich banal.
    Irgendwelche geistigen Kraftanstrengungen sind dazu, einen Musikwissenschaftler und Mörder zusammenzudenken, nicht erforderlich.

    3 Leserempfehlungen
  2. Die "Barbarei" - vermutlich Massenmorde - läßt sich ohne Bildung, ohne Strukturen gar nicht oganisieren. Barbarische kleine Eingeborenengruppen können das nicht bewerkstelligen, vielmehr erfordert es Bildung - ja einer Zivilisation -, diese Massenmorde umzusetzen, nicht nur im "Kleinen" wie hier im Einzelfall, sondern besonders auch im "Großen". Das ist übrigens ein interessantes Merkmal auch der anderen großen Genozide. Somit existiert lediglich die Frage nach einer wie auch immer gearteten Moral, und Moral wiederum ist zutiefst normativ, unterliegt zeitlichen und individuellen Schwankungen. Ein gebildeter Philosoph muss eben nicht die Menschen mögen sondern kann sie auch hassen und töten. Dieser vermeintliche Widerspruch entsteht nur dadurch, dass man eigene Wert- und Verhaltensvorstellungen auf fremde Menschen in ganz anderen Situationen projiziert und sich dann wundert, wenn deren Handeln nicht der eigenen Empfindung entspricht.

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  3. für empathisches, menschenachtendes Verhalten.
    Ebensowenig wie spätere herausragende Erfolge im Spezialfach.
    Allgemein oder spezialisiert Hochgebildete haben mindestens ebenso die Fähigkeit, wegen ihrer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Leid Anderer und der eigenen Einbindung in die grausame Täterschaft, besonders mitzuleiden, sich zu verweigern, selbst daran zu Grunde zu gehen, wie auch, sich Kraft des Intellekts in eine fremde, hehre Welt über die eigenen grausamen Handlungen hinauszustehlen, besonders gut zu verdrängen.
    Nicht nur die Pseudowissenschaftlichkeit des Nazi-Rassismus und z.B. die perfide Taktik Himmlers, in seinen Posener Reden gar Gewissenskonflikte bei der "Endlösung der Judenfrage" vorzutäuschen, nur um dann ausgerechnet die vollständige Massenvernichtung als moralisch rettende Katharsis auszugeben, da sie eine quasi "ethische" Notwendigkeit für eine neue Weltordnung sei, lieferten bequeme Vorwände, sich per intellektueller Sophistik der Empathie zu enthalten.
    Ich sehe keinen Anlass, von einem hohen Bildungsgrad - noch dazu evtl. von einem spezialiserten und/oder karrieremotivierten (und so dann später "äußerst verdienstreich" reussierten), also durchaus scheuklappenblind oder opportunistisch angewandten Bildungsgrad auf mehr menschliche Empathie zu schließen, als sie ein ganz "einfacher Charakter" hat, der "nur" mit einer mitmenschlichen, im familiären oder überschaubaren sozialen Zusammenhang intuitiv erlernten Empathie aufgewachsen ist.

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  4. So wichtig und interessant der Inhalt des Artikels ist, so banal - und in gewissem Grade auch irreführend - ist leider der Titel.

  5. Laut WIkipedia war Herr Eggebrecht ein überzeugter Nazi. Er schloss sich dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an.

    Sein Vater war sehr rechts eingestellt und war Pfarrer auf der Seite der deutschen Christen.

    Genügen denn nicht allein diese Aussagen?

    Es gab viele überzeugte Nazis, sonst hätte dass ganze Elend doch nicht funktioniert.

    Ich verstehe nicht, dass es immer offenbar Menschen gibt, die dass nicht sehen möchten.

    3 Leserempfehlungen
    • Jimmey
    • 23. Juli 2013 22:25 Uhr

    Die niemals endene Geschichte... Wem nuetzt nun eigentlich diese Art von Geschichtsaufarbeitung? Vielleicht sollte man mit der Aufarbeitung auch mal mit den "gestrigen" Geschehnissen beginnen. Eine Art von "Parallelaufarbeitung:"

    "We leveled it. There was nobody left, just dirt and dust."

    --US Army Major Gen. Franklin Hagenbeck, speaking of the destruction of three villages in the Shahikot Valley in Afghanistan.

    Washington Post, 17. March 2002, p25

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