KarawankenSteigende Kurse

In einer Wanderschule in den Karawanken wird die richtige Bewegung an der frischen Bergluft unterrichtet. Unser Testschüler Burkhard Straßmann hat dabei seinen Höhenrekord von 34 Metern übertroffen und den Katzengang gelernt. von Burkhard Straßmann

Erst einmal zieht Karl Schuhe und Socken aus. Er geht nämlich barfuß. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Über unsere verblüfften Gesichter kann der Wanderführer nur lachen. "Ich gehe meistens barfuß in den Bergen. Das funktioniert wunderbar!" Nur Gletscher, Glasscherben und stachelige "Kastanienigel" brächten ihn dazu, sportliche Halbschuhe anzuziehen. "Man kann barfuß gehen, muss aber nicht dumm sein", sagt Karl. Aber in den Kursunterlagen war doch von "knöchelhohen Wanderschuhen" die Rede, die wir unbedingt dabeihaben sollten! Abwarten. Die Erklärungen werden nachgereicht – abends, im Theorieteil.

Unser Wanderkurs "Von der Planung zum Genuss" ist gedacht für Menschen ab 14 Jahren, bei denen die Liebe zu den Bergen groß, das Wissen um das rechte Verhalten dort oben aber gering oder gar nicht vorhanden ist. Die Voraussetzungen: körperliche Fitness, Taschenlampe und eben knöchelhohe Schuhe.

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Die Wanderschule logiert in den Karawanken, einem Gebirgszug der südlichen Kalkalpen im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet. In der Nähe liegt der Wörthersee, die nächste größere Stadt ist Klagenfurt. Das Loibltal kennt mancher Jugoslawientourist aus der Zeit vor 1991, als es den Karawankentunnel noch nicht gab und der gesamte Reiseverkehr in Richtung Kroatien dieses heute verschlafene Tal passierte. Ein Tal weiter liegt – noch verschlafener – das Bodental. Dann kommt eine Sackgasse, und an deren Ende liegt zwischen Enzianwiesen, gegenüber der schroff aufragenden Vertatscha (2180 Meter), wie hingemalt der Berggasthof Lausegger. Nur Grillenzirpen ist hier zu hören. Ein idealer Platz zum Schlafen, Essen und für die Theorie. Die Wandertheorie.

Wandern lernen? Die Idee fand ich zunächst so schräg, dass sie mich neugierig machte. Klingt ja wie gehen lernen, essen lernen, atmen lernen. Dabei ist es nicht so, als müsste man mir den aufrechten Gang beibringen. Im Gegenteil: Schon als Kind ging es oft sonntags zum Wandern, in den Ferien sowieso. Als junger Mensch kraxelte ich in den Tessiner Alpen herum. Wandern war für mich immer selbstverständlich und nur Thema, wenn ich eine Blase hatte. Doch dann kam die Zeit, als ich nur noch saß. Auf Autositzen, in Zügen, im Büro, an Konferenz- und Esstischen. Ich vergaß das Wandern. Womöglich habe ich es sogar verlernt? Dann allerdings müsste es ja auch wieder erlernbar sein.

Eine Körperhaltung, als hätte er volle Windeln in der Hose

Wanderschule, Tag eins: In der Tscheppaschlucht, wo der Bodenbach in den wilden Loiblbach mündet, machen wir unsere ersten zaghaften Schritte. Donnernd stürzen Wassermassen durch die finstere Klamm; wir balancieren über kühn im Fels verankerte Stiegen, ächzen Treppen hinauf und schwanken über Hängebrücken. Am Wegesrand leuchten botanische Schätze: Geflecktes Knabenkraut, eine Orchideenart, zarte Schneerosen. Vor einem üppig lila-gelb blühenden Frauenschuh gehen wir der Reihe nach in die Knie, zum Fotografieren. Doch als wollte er gleich von Anfang an klarmachen, dass wir nicht der Botanik wegen hier sind, startet Karl beim Weiterwandern erste didaktische Interventionen: "Versucht mal, die Beine breit zu machen! Ihr müsst in den Knien federn, geschmeidig wie eine Katze!" Mit meinen vorschriftsmäßigen Wanderstiefeln ähnle ich beim Versuch, es ihm gleichzutun, eher einem Trampeltier.

"Geht besser mit vielen kleinen Schritten!", tönt es wenige Schritte weiter noch einmal. Unser Wanderlehrer Karl Moser ist eher klein gewachsen, schlank, beweglich und mit Ausnahme der Augenbrauen kahl. Milde blickt er durch seine Gandhi-Brille und lächelt, während er den guten Gang demonstriert: schnelle Trippelschritte, vorgetragen in einer Körperhaltung, die aussieht, als hätte er volle Windeln in der Hose. "Nicht sehr sexy", gibt er zu, "aber was macht das schon in unserem Alter?" Und tänzelt weiter über spitze Kalksteine.

Tatsächlich sind wir durch Zufall eine fast altershomogene Gruppe. Der Wanderführer, Iris und Ilse, zwei befreundete Friseurinnen aus Hamburg, und ich sind um die 60. Steffi und Matthias, ein Paar aus der Nähe von Dresden, sind Mitte 40. Weil Karl sich beim Weinkauf die Hand verletzt hat und deshalb für bergrettende Maßnahmen nur eingeschränkt tauglich ist, begleitet uns außerdem Bernd Tatschl, ein Sohn der Karawanken: drahtig, pragmatisch, im Vergleich zu Karl geradezu nüchtern.

Während wir tapfer den Windelgang üben, erzählt Karl von der Sufimeditation, die er praktiziert. Für ihn ist es vom Wandern nur ein kleiner Schritt zum Gehen und von da zur Haltung. Karl ist stets gerne bereit, neben der Natur auch innere Welten zu betrachten. Der Begriff Achtsamkeit gehört zu seinen Lieblingswörtern. Als ich um ein Haar eine schwarze Nacktschnecke zertrete, mahnt er: "Mehr Achtsamkeit!" Das Gleiche gilt auch für Waldameisen und für spitze oder lockere Steine. Stets geht es sowohl um den eigenen sicheren Tritt, um sich den Fuß nicht zu verletzen, als auch um das, was von unseren Füßen zertreten werden könnte.

Leserkommentare
  1. weiter so!

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  2. Ein wunderbarer Artikel. Als ob ich dort wäre. Und die geschichtlichen Bezüge finde ich immens wichtig.
    Die Schneckenachtsamkeit (vgl. Seite 1 unten) konnte ich selbst schon mal erleben. Achtsam gehen lernen bringt das mit sich. Wandern und meditieren im Sonnenhaus Beuron (www.sonnenhaus-beuron.de) im archaisch-wunderschönen Tal der jungen Donau - das bringt mit sich, dass man einer Hummel beim Nektarsammeln helfen möchte und sich um jede Weinbergschnecke ängstigt, die von einem achtlosen Wanderschuh zertreten werden könnte.

    Eine Leserempfehlung
  3. Vielen Wanderern der Karanken sind bereits auf- und nahe der Wege vorzufindende bläulich-grüne Kaffebohnen aufgefallen.

    Es lohnt sich diese Bohnen aufzusammeln - um daraus ein wohlschmeckendes Heißgetränk zuzubereiten.
    Herrliche Duftaromen !

    Es handelt sich um den seltenen Kopi Luwak Austriae,
    der in Hochgebirgsregionen vom wandernden Fleckenmusangpiefke ausgeschieden wird.

    Unbedingt aufsammeln und im aromageschützten Behältnis transportieren.

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  4. ... hat jemand dem Burkhard Straßmann eingeflüstert, er könne schreiben. Diese/r jemand hat sich geirrt. Aber als dieser Irrtum offenbar wurde, war es schon zu spät. Und die ZEIT-(online)-Leser müssen das nun ausbaden.

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    ...einfach mal nichts schreiben. Und das gilt nicht für den Autor, sondern für sinnbefreite Kommentare.

  5. ...einfach mal nichts schreiben. Und das gilt nicht für den Autor, sondern für sinnbefreite Kommentare.

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    ... Herrn Straßmann ;-)

  6. barfuß würde ich nicht gehen. Dann schon eher Fivefingers (Barfußschuhe): der Fuß ist geschützt, und dennoch spürt man den Boden. Aber gewohnt sein muss man das Barfußgehen schon, wenn man auf Wander- oder Trekking-Partie geht.
    Ein Wanderstock (nicht zwei Stöckchen) ist immer eine gute Idee. Man klappt ihn nur aus, wenn man ihn braucht (steilere An- oder Abstiege), ansonsten bleibt er im Rucksack.
    Ebenso empfehlenswert ist auf jeden Fall Funktionskleidung - sie ist leichter, man schwitzt nicht darin (wie in Wolle, die außerdem nicht jeder verträgt) und ist schnell trocken nach einem Regen. Nasse Baumwolle oder Wolle ist super geeignet, sich eine Verspannung zu holen, wenn man in der Pause kalt wird.

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    Natürlich schwitzt man in Funktionsbekleidung genau so viel, wie ohne, genau so viel nackt usw., die Bekleidung hat keinen Einfluss auf biomechanische Prozesse im Körper. Entscheidend, ist was dann passiert: liege ich (fast) nackt am Strand, dann verdampft der Schweiß, ohne dass ich ihn bemerken würde. Trage ich darüber konventionelle Bekleidung z. B. aus Baumwolle, dann sammelt sich der Schweiß auf der Hautoberfläche, verdunstet eher langsam durch die Kleidung und fällt mir auf. Trage ich funktionelle Bekleidung aus div. optimierten Kunstfasern, dann wird der Schweiß schneller von der Hautoberfläche in die Bekleidung aufgesogen und dort auf einer größeren Fläche verteilt und kann schneller verdunsten, was den Effekt hat, dass ich glaube, weniger zu schwitzen (es fällt mir weniger auf) und außerdem trocknet die Kleidung schneller und macht ein T-Shirt-Wechsel am Gipfel weniger notwendig. Und in dem ewig gestrigen Belächeln von Funktionskleidung und sonstiger Ausrüstung steckt immer der Denkfehler, dass die bisherige Bekleidung ja auch gut war. Nein, war sie eben nicht, sie war eher sogar ziemlich schlecht. Am besten wäre es, sich nur nackt zu bewegen. In Situationen, in denen das schwierig ist, sollte die Bekleidung so wenig wie möglich stören bzw. beeinflussen. Und genau das kann Funktionskleidung eben am besten: am wenigsten stören.

    Das stimmt so nicht mit den Materialien.

    Baumwolle ist wirklich furchtbar, die saugt sämtliche Flüssigkeit vom Körper direkt auf und nasse Baumwolle klebt am Körper und wärmt nicht mehr, wenn sie nass ist.

    Wolle, saugt auch große Mengen Flüssigkeit auf, und dickere Teile werden schnell sehr schwer und trockenen ausgesprochen langsam. Allerdings wärmt Wolle auch noch, wenn sie komplett durchgeweicht ist (und Wolle ist das einzige Material, das das so kann). Insofern ist sie optimal für Base Layer Klamotten. Nimmt man Merino-Wolle ist auch das Kratzen nur ein geringes Problem, noch besser wird es wenn Seide da rein gemischt ist. Ein weiterer Vorteil von Wolle ist übrigens, dass man an warmen Tagen nicht nach 10 Minuten so stinkt als hätte man sich die letzten 10 Tage nicht gewaschen, sondern mehr so nach einer Woche.

    Ich bin kein Fan von Kunstfaser, grade weil die Flüssigkeit so schnell vom Körper wegtransportiert. Das ist finde ich wenn es in strömen regnet und relativ kalt ist ganz nett. Bei warmen Wetter ist mir damit aber immer zu schnell warm. Und man stinkt wirklich bestialisch in dem Zeug.

    Schwitzen tut man übrigens mit oder ohne Kleidung, das hängt rein davon ab wie viel Wärme man produziert und wieviel von der Wärme an die Umgebung abgegeben wird. Deswegen versucht man vor allem im Winter schwitzen zu vermeiden, in dem man Schichten auszieht, wenn man anfängt zu schwitzen.

  7. - nur heisst der Liebstöckel nicht Luststock sondern Luschstock, mit doppeltem sch - und Windisch als Mischform zu bezeichnen geht auf die Nazi-Propaganda zurück, das Windische wäre keine echte Sprache und könne deshalb ausradiert werden. Es ist in Wahrheit der slowenische Dialekt nördlich der Karawanken der nie von den nationalistischen Linguisten des 19. und 20. Jh. bereinigt wurde. Verzeihliche Fehler - Norddeutschland ist geographisch und kulturell weit weg - aber eben Fehler.

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    Redaktion

    Ja das ist ein weites Feld, da kloppen sich Linguisten mit Historikern, Kulturwissenschaftler mit Slawisten, was ist Windisch? Ich habe mich daran orientiert, was die Leute in der Gegend von Windisch Bleiberg ( Slovenj Plajberg) sagten: dass sie stolz sind, drei Sprachen zu sprechen, Deutsch, Slovenisch und "Karawankenfranzösisch" (d.i.Windisch). Wie Nationalisten kamen die mir nicht vor. Nur Lutschstockschnaps haben alle gern getrunken.

  8. ... aber vertreibt die Dogmatiker aus den Bergen!

    Jetzt also nur noch barfuß.

    Es gibt derartig viele Spielarten von Bewegung im Gebirge, wie es unterschiedliche Menschentypen gibt.
    Ich werde auch weiter mit schweren Bergstiefeln (zusätzlich zu Pickel, Steigeisen, Kunstfaserseil und Funktionskleidung) hochgerüstet auf Gletschertour gehen, weil es mein Sicherheitsbedürfnis verlangt, vielleicht am nächsten Tag in Zehenschuhen im Tal herumlaufen um mich danach in viel zu enge Kletterschuhe zu zwängen.
    Dazu trage ich mal Baumwolle, mal Merino oder Funktionsfaser.

    Das Schöne daran: den Bergen um mich herum ist das egal.

    Nur vielleicht nicht "dem Meister Karl" - weil er mit mir kein Geld verdienen wird.

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