Bedrohlich schwindet die Zeit im Sekundentakt. Man kann es hören: tack, tack, tack. Dann mahnt Jack Nicholson: "Bewahren Sie Ihre Fruchtbarkeit. Bestimmen Sie den passenden Zeitpunkt für Ihren Kinderwunsch von nun an selbst." Ausgerechnet mit der Synchronstimme des fiesen Hollywood-Opas Nicholson, der die Finger nicht von jungen Frauen lassen kann, wirbt das Münchner "Kinderwunsch Zentrum an der Oper" im Radio für seinen aktuellsten Service. Die potenziellen Kundinnen sitzen gerade beim Frühstück oder im Auto auf dem Weg zur Arbeit – da macht ihnen die Münchner Fertilitätspraxis dieses große Versprechen: Liebe Hörerinnen, Frauen wie Sie können ihre biologische Uhr ab jetzt anhalten.

"Der Werbespot läuft fantastisch. Das Thema trifft den Nerv." Der Reproduktionsmediziner Jörg Puchta klingt aufgeräumt. Gerade hat seine Praxis an der teuren Maximilianstraße noch größere Räume bezogen, mit edlem Parkett und bunter Kunst. Hier nehmen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch Platz. Doch neben dieser herkömmlichen Patientenschaft widmen sich Puchta und sein Team neuerdings mit topmoderner medizinischer Technik einer ganz neuen Klientel: Frauen nämlich, die eigene Eizellen einfrieren lassen wollen, um ihre Fruchtbarkeit für spätere Zeiten zu konservieren. Sogar ein eigenes Labor haben Puchta und seine Kollegen für diesen Zweck gegründet, die Tochterfirma "FertiProtekt an der Oper".

So offensiv wie sie propagiert kein anderes Kinderwunschzentrum in Deutschland die neue "Anti-Aging-Methode der Reproduktionsmedizin", wie Puchta es nennt. Die meisten Zentren präsentieren das Angebot der Eizellkonservierung nicht einmal auf ihrer Homepage. Dabei kann die immense Bedeutung der neuen Technologie keinem Experten entgangen sein: der Erhalt der weiblichen Fruchtbarkeit bis ins Alter. "Das ist zurzeit das spannendste Thema der Fertilitätsmedizin", sagt Michael von Wolff. Der Gynäkologe koordiniert FertiProtekt, einen Zusammenschluss von Kinderwunschmedizinern, die das Einfrieren von Eizellen anbieten. Rund hundert Frauen, schätzt von Wolff nach einer ersten Umfrage, haben davon 2012 im deutschsprachigen Raum Gebrauch gemacht.

Anders als Männern, die auch in fortgeschrittenen Jahren noch Kinder zeugen können, setzt das Alter dem Kinderwunsch der Frauen enge Grenzen. Schon vor dem 30. Lebensjahr beginnt die weibliche Fruchtbarkeit zu schwinden, ab Mitte dreißig stürzt sie regelrecht ab. Wer fünf Jahre später noch kein Kind geboren hat, dürfte in der Regel den Zeitpunkt für eine natürliche Familiengründung verpasst haben. "Mit 40 ist eine Frau alt – reproduktionsmedizinisch gesehen", sagt von Wolff.

Spätgebärende Hollywoodstars machen's vor

Entwickelt für Krebspatientinnen, hilft die Methode Frauen in Zeitnot

Das kann sich nun ändern. Während bislang nur noch die Eizellen fremder junger Spenderinnen halfen, wenn Frauen altersbedingt die Fähigkeit zum Kinderkriegen verloren hatten, so bricht nun die Zeit an, in der Frauen noch im Alter eigene Kinder austragen können. In den bunten Blättern und den Promi-Magazinen sind spätgebärende Hollywoodstars oder Mütter im Großmutteralter immer wieder ein beliebtes Thema. Ihre Mutterschaft beruht dabei fast immer auf der Technik der Fremdeizellspende. Dabei werden einer unfruchtbaren Frau die – mit dem Samen des Partners befruchteten – Eizellen einer fremden Spenderin eingesetzt. Die Frau gebiert das Kind, ist aber nicht die genetische Mutter. Solche Spenden fremder Eizellen sind in Deutschland verboten. Schätzungsweise einige Tausend Paare im Jahr suchen ihr Kinderglück daher im Ausland. Nun jedoch überwinden Ärzte die biologische Grenze der weiblichen Biologie: Sie frieren die Eizellen einer jungen Frau ein und legen damit ihre Fruchtbarkeit buchstäblich auf Eis. Will die Kundin in späteren Jahren dann ein Kind, wird sie zu ihrer eigenen Spenderin.

Anne Prahl* ist so eine Frau. Sie nennt das Verfahren ihre "Familienversicherung". Während andere Geld fürs Alter zurücklegen, hat sie die eigenen Eier in einer Fruchtbarkeitsbank deponiert. Social freezing heißt diese Technik. Im Urlaub in den USA hatte Frau Prahl in einem Magazin darüber gelesen. Die in dem Artikel beschriebenen Frauen waren alle Mitte dreißig. "So alt bin ich ja auch schon", schoss es ihr durch den Kopf.

Bis zu diesem Tag war die Vorstellung, das Alter könnte ihr eines Tages irgendwelche Grenzen setzen, für Anne Prahl weit weg. Nach dem Architekturstudium war die Zeit wie im Flug vergangen. Auf Praktika folgten erste Jobs, dann zwei Jahre Ausland, bevor sie sich schließlich mit einem Büro selbstständig machte. In diesem beruflich erfüllten Leben hatten Kinder keinen Platz. Ein Bauprojekt reihte sich ans nächste. "Als Selbstständige musst du dich sehr sicher fühlen, um einen Auftrag auszuschlagen", sagt sie. Dabei war es für die Hamburgerin immer klar, dass sie einmal eine Familie haben würde. "Ich mit meinem Mann und zwei Kindern in einem Park" – dieses Bild von der Zukunft hatte sie all die Jahre im Hinterkopf. Erst bei jener Urlaubslektüre kam es ihr das erste Mal in den Sinn, dass die menschliche Biologie ihrem erträumten Familienprojekt den Garaus machen könnte.

Zurück in Deutschland, recherchierte Prahl im Internet, gab "social freezing" ein und landete in der Hamburger Praxis von Frank Nawroth. Der Gynäkologe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Einfrieren von Eizellen, die sogenannte Kryokonservierung von Oozyten war Nawroths Habilitationsthema. Lange Zeit galt diese eisige Technik als schwierig und wenig zukunftsträchtig. Denn anders als Spermien, die sich leicht in großen Massen einfrieren lassen, ist jede weibliche Keimzelle ein Unikat, bei dem die Langzeitaufbewahrung höchst heikel war.

Es bildeten sich dabei nämlich scharfkantige Kristalle, die später beim Auftauen fast immer die empfindlichen Zellwände beschädigt hatten. Die hoch komplizierte und teure Eizellkonservierung war deshalb lange Zeit ausschließlich krebskranken jungen Frauen vorbehalten. Um diesen Patientinnen zu helfen, hatte sich das Ärztenetzwerk FertiProtekt ursprünglich gegründet. Denn sie laufen Gefahr, durch Bestrahlung und Medikamente ihre Fruchtbarkeit zu verlieren.

Erst die neue Technik der Vitrifikation ("Verglasung") brachte den Durchbruch. Weil hier die Eizellen innerhalb weniger Sekunden schockgefroren werden, bilden sich die gefürchteten Kristalle nicht mehr. Und nun können auch Frauen behandelt werden, die den Kinderwunsch nicht aus medizinischen, sondern aus "sozialen" Gründen aufschieben wollen oder müssen: Weil ein Kind nicht in die aktuelle Lebensphase passt – oder weil der passende Partner fehlt.

"Damit sind wir Männern gegenüber nicht mehr im Nachteil"

Dem Arzt Frank Nawroth, der es zuvor immer mit schwer kranken Frauen zu tun gehabt hatte, haderte anfangs mit dem social freezing. Schließlich ist das Verfahren medizinisch nicht indiziert, sondern eine sogenannte Lifestyle-Therapie. "Vor fünf Jahren hätte ich das noch abgelehnt", sagt er. Mittlerweile denkt Nawroth aber anders: "Nach einer ausführlichen Beratung darf man diese Therapie auch gesunden Frauen durchaus anbieten, zumal die medizinischen Risiken gering sind."

Genau wie bei der Vorbereitung auf eine künstliche Befruchtung werden die Eierstöcke hormonell zur Überproduktion angeregt. Nun reifen statt einer einzigen Eizelle plötzlich bis zu dreißig heran. Anne Prahl injizierte sich die Hormone selbst. Sie setzte sich dafür eine Spritze, so wie es Diabetiker täglich tun. Nach zehn Tagen ließ sie sich in der Hamburger Praxis die reifen Eizellen unter einer kurzen Narkose absaugen. Von den Hormonen habe sie so gut wie nichts gemerkt, erinnert sie sich. Nach dem Eingriff eine kurze Erschöpfung: "Das war wie nach einer Zahn-OP." Sorgen oder Bedenken hatte sie nicht – tatsächlich sind die medizinischen Nebenwirkungen des social freezing mittlerweile überschaubar. Zu einer hormonellen Überstimulation, die früher manchmal vorkam und im schlimmsten Fall sogar tödlich endete, kommt es heute nur im extremen Ausnahmefall.

Für Anne Prahl ist das social freezing nur eine weitere Form der Selbstbestimmung: "Nun können Frauen selbst entscheiden, wie lange sie ein Kind bekommen wollen. Damit sind wir Männern gegenüber nicht mehr im Nachteil." Rechtliche Schranken stehen dem Einfrieren nicht entgegen. Anders als befruchtete Eizellen, also Embryonen, sind unbefruchtete Keimlinge gesetzlich nicht geschützt, da sie nicht als werdendes Leben gelten. Eine Frau kann mit ihren Eizellen machen, was sie will. So wie der Mann mit seinem Sperma.

Auch aus ethischen Gründen spricht prinzipiell nichts gegen die Einlagerung. Das machte der Theologe Hartmut Kreß von der Universität Bonn auf der Jahrestagung der deutschen Reproduktionsmediziner im Mai deutlich. Er resümierte: "Da die Pille und die künstliche Befruchtung inzwischen aus ethischer Sicht weitgehend akzeptiert sind, wäre es ein Widerspruch, das social freezing pauschal als ethisch nicht zulässig zu verurteilen."

So viel Aufgeschlossenheit darf man indes nicht voraussetzen. "Viele Freunde haben sich richtig aufgeregt", berichtet die 36-jährige Anna Rehler*. "Dabei benutzen wir doch für so viele Sachen moderne Medizin." Rehler hat sich schon einmal in der Praxis der Berliner Kinderwunschärztin Silke Marr Eizellen entnehmen und diese einfrieren lassen. Ende Juli will sie es erneut tun. Um einmal ausreichend Eizellen für jene Kinder zu haben, die ihr Freund und sie sich wünschen – später. "Die Freiheit, irgendwann Kinder zu bekommen, das ist der letzte Schritt zur völligen Gleichstellung von Mann und Frau." Der Pragmatismus ihrer Entscheidung habe viele irritiert, sagt Rehler, aber sie könne daran nichts Verwerfliches finden.

Ethisch dürfte die wichtigste Frage sowieso nicht sein, ob man die biologische Uhr anhalten darf – sondern wie lange man das darf. Denn sowohl medizinisch als auch sozial eröffnen die neuen Möglichkeiten Grenzbereiche: Zwar kann etwa eine gesunde 60-jährige Frau noch ein Kind austragen. Mit entsprechenden Präparaten vorbereitet, nimmt die Gebärmutter auch nach den Wechseljahren eine im Labor befruchtete Eizelle auf und lässt diesen Embryo heranwachsen. Doch mit dem Alter steigen die Risiken für Mutter und Kind, zum Beispiel für Schwangerschaftsdiabetes oder eine Frühgeburt.

Ebenso lässt sich darüber diskutieren, ob eine Frau im Omaalter eine geeignete Mutter sein kein. Indes müssen ältere Väter auf solche Fragen auch keine Antwort parat haben.

Die "Idealpatientin" ist Anfang 30

Länder wie Spanien oder Belgien schreiben bei der Eizellfremdspende für die Empfängerinnen ein Höchstalter vor: Es liegt zwischen 40 und 50 Jahren. In Deutschland sind die Grenzen bei der Eizellkonservierung verschwommen. FertiProtekt empfiehlt, eine "Rückgabe der Eizellen" zwecks künstlicher Befruchtung nach dem 50. Lebensjahr "zu vermeiden". Netzwerkkoordinator von Wolff wünschte sich eine restriktivere Altersgrenze. Aber: "Das war nicht durchsetzbar."

Wichtiger als ein verbindliches Höchstalter erscheint von Wolff ohnehin, die Ärzte zu einer umfassenden Beratung zu verpflichten. Dabei geht es weniger um Ethik als um Verbraucherschutz. 2.000 bis 3.000 Euro kostet das Einfrieren pro Zyklus jeweils, hinzu kommen die Kosten für die Hormonbehandlung sowie rund 250 Euro jährlich für die Lagerung.

Ein Drittel der Patientinnen glaubt, sie werden die Eizellen nie brauchen

In den meisten Fällen bleibt es nicht bei einem Mal. Mindestens 20 kerngesunde Eizellen muss eine Frau auf Eis legen, um später gute Chancen auf eine Schwangerschaft zu haben. Auf eine so hohe Zahl kommen innerhalb eines Behandlungszyklus jedoch nur sehr junge hormonbehandelte Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.

"In dieser Phase denkt allerdings niemand ans Kinderkriegen", sagt Isabel Kossmann, "das ist ja gerade das Problem." Die 36-Jährige arbeitet in einer Werbeagentur und hat ihre Eizellen in der Münchner Praxis von Jörg Puchta einfrieren lassen. Im Rückblick wundert sie sich, wie lange das Kinderkriegen in ihrem Freundeskreis kein Thema war – und wie schnell jetzt plötzlich alle drüber reden. "Wenn die Erste schwanger wird, fragen die anderen: Und ich?" Kürzlich ließ eine Freundin – die früher nie Kinder gewollt hatte – sich von ihr die Adresse des Münchner Zentrums geben. Sie hatte auf einmal Angst, als Einzige ohne Nachwuchs dazustehen.

Psychologische Rückversicherung ist ein zentrales Motiv. Das fand auch Dominic Stoop von der Freien Universität Brüssel bei einer Befragung von Frauen heraus, die Eizellen eingelagert haben: Dass sie diese niemals brauchen werden, glaubte etwa jede Dritte. Neun von zehn sagten, dass sie es wieder tun würden – allerdings wünschten sich mehr als zwei Drittel, sie hätten es zu einem früheren Zeitpunkt getan.

Denn der optimale Alterskorridor für das social freezing ist schmal. Frieren die Frauen ihre Eizellen in sehr jungen Jahren ein, sind ihre Erfolgschancen zwar groß, doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Fruchtbarkeitsreserve auch jemals nutzen werden, ist gering. Denn die meisten haben ja noch jede Menge Zeit, auf natürliche Weise eigene Kinder zu bekommen. Warten die Frauen aber zu lange, lohnt sich der Aufwand nicht mehr unbedingt: Zum einen geben die Ovarien kaum noch befruchtungsfähige Eizellen her. Zum anderen ist von der geringen Ausbeute ein hoher Anteil unbrauchbar. Denn je älter die Frauen, desto größer die Gefahr von Chromosomenstörungen.

"Wenn eine 40-Jährige zu mir kommt, kann ich das Verfahren meist nicht mehr mit gutem Gewissen empfehlen", sagt der Reproduktionsmediziner von Wolff. Seine "Idealpatientin" ist Anfang 30. Dann sei die Erfolgschance gut und der Kinderwunsch noch nicht verzweifelt. Manche Patientin verlässt die Praxis nach der Beratung allerdings ganz ohne Behandlung – dafür aber mit dem festen Vorsatz, den Nachwuchs nicht im Labor zu zeugen. Sondern im Bett.

* Namen der Frauen geändert

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