Dem Arzt Frank Nawroth, der es zuvor immer mit schwer kranken Frauen zu tun gehabt hatte, haderte anfangs mit dem social freezing. Schließlich ist das Verfahren medizinisch nicht indiziert, sondern eine sogenannte Lifestyle-Therapie. "Vor fünf Jahren hätte ich das noch abgelehnt", sagt er. Mittlerweile denkt Nawroth aber anders: "Nach einer ausführlichen Beratung darf man diese Therapie auch gesunden Frauen durchaus anbieten, zumal die medizinischen Risiken gering sind."

Genau wie bei der Vorbereitung auf eine künstliche Befruchtung werden die Eierstöcke hormonell zur Überproduktion angeregt. Nun reifen statt einer einzigen Eizelle plötzlich bis zu dreißig heran. Anne Prahl injizierte sich die Hormone selbst. Sie setzte sich dafür eine Spritze, so wie es Diabetiker täglich tun. Nach zehn Tagen ließ sie sich in der Hamburger Praxis die reifen Eizellen unter einer kurzen Narkose absaugen. Von den Hormonen habe sie so gut wie nichts gemerkt, erinnert sie sich. Nach dem Eingriff eine kurze Erschöpfung: "Das war wie nach einer Zahn-OP." Sorgen oder Bedenken hatte sie nicht – tatsächlich sind die medizinischen Nebenwirkungen des social freezing mittlerweile überschaubar. Zu einer hormonellen Überstimulation, die früher manchmal vorkam und im schlimmsten Fall sogar tödlich endete, kommt es heute nur im extremen Ausnahmefall.

Für Anne Prahl ist das social freezing nur eine weitere Form der Selbstbestimmung: "Nun können Frauen selbst entscheiden, wie lange sie ein Kind bekommen wollen. Damit sind wir Männern gegenüber nicht mehr im Nachteil." Rechtliche Schranken stehen dem Einfrieren nicht entgegen. Anders als befruchtete Eizellen, also Embryonen, sind unbefruchtete Keimlinge gesetzlich nicht geschützt, da sie nicht als werdendes Leben gelten. Eine Frau kann mit ihren Eizellen machen, was sie will. So wie der Mann mit seinem Sperma.

Auch aus ethischen Gründen spricht prinzipiell nichts gegen die Einlagerung. Das machte der Theologe Hartmut Kreß von der Universität Bonn auf der Jahrestagung der deutschen Reproduktionsmediziner im Mai deutlich. Er resümierte: "Da die Pille und die künstliche Befruchtung inzwischen aus ethischer Sicht weitgehend akzeptiert sind, wäre es ein Widerspruch, das social freezing pauschal als ethisch nicht zulässig zu verurteilen."

So viel Aufgeschlossenheit darf man indes nicht voraussetzen. "Viele Freunde haben sich richtig aufgeregt", berichtet die 36-jährige Anna Rehler*. "Dabei benutzen wir doch für so viele Sachen moderne Medizin." Rehler hat sich schon einmal in der Praxis der Berliner Kinderwunschärztin Silke Marr Eizellen entnehmen und diese einfrieren lassen. Ende Juli will sie es erneut tun. Um einmal ausreichend Eizellen für jene Kinder zu haben, die ihr Freund und sie sich wünschen – später. "Die Freiheit, irgendwann Kinder zu bekommen, das ist der letzte Schritt zur völligen Gleichstellung von Mann und Frau." Der Pragmatismus ihrer Entscheidung habe viele irritiert, sagt Rehler, aber sie könne daran nichts Verwerfliches finden.

Ethisch dürfte die wichtigste Frage sowieso nicht sein, ob man die biologische Uhr anhalten darf – sondern wie lange man das darf. Denn sowohl medizinisch als auch sozial eröffnen die neuen Möglichkeiten Grenzbereiche: Zwar kann etwa eine gesunde 60-jährige Frau noch ein Kind austragen. Mit entsprechenden Präparaten vorbereitet, nimmt die Gebärmutter auch nach den Wechseljahren eine im Labor befruchtete Eizelle auf und lässt diesen Embryo heranwachsen. Doch mit dem Alter steigen die Risiken für Mutter und Kind, zum Beispiel für Schwangerschaftsdiabetes oder eine Frühgeburt.

Ebenso lässt sich darüber diskutieren, ob eine Frau im Omaalter eine geeignete Mutter sein kein. Indes müssen ältere Väter auf solche Fragen auch keine Antwort parat haben.