Piero ManzoniDer letzte wahre Avantgardist

Wie der Künstler Piero Manzoni mit großer Satire die Kunst vor sich selbst rettete. Eine Ausstellung in Frankfurt am Main von 

Endlich Kunst, die aufbaut, die stärkt, die satt macht! Stundenlang hatte Piero Manzoni vor seiner kleinen Kochplatte gesessen, hatte Eier gekocht, viele Eier. Ob sie weich waren oder hart und bläulich angelaufen, ist nicht überliefert. Nur dass Manzoni jedem Ei seinen Daumenabdruck mit Tinte aufdrückte, seine Signatur. Damit allen Vernissagegästen klar war: Sie verschlingen nicht einfach ein Hühnerprodukt, sie verschlingen Kunst! Wer klug war, brachte eine Prise Salz mit.

Auf Fotos sieht man ihn noch heute vor seinem Topf sitzen, ein rundliches Kerlchen in schwarzem Anzug und mit Krawatte, sehr beflissen bei der Sache. Eine Szene, die von Loriot stammen könnte, einzig Evelyn Hamann fehlt, in der Rolle der zufrieden seufzenden Kunstgenuss-Genießerin. Heute ist Piero Manzoni (1933 bis 1963) kaum mehr bekannt, dabei war er der beste und einzig wahre Satiriker unter den Nachkriegskünstlern. Mehr noch, er war der letzte Avantgardist.

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Als solchen kann man ihn jetzt in einer wunderbaren Frankfurter Ausstellung (bis zum 22. September) entdecken, die noch einmal die vielen Facetten dieses ungemein produktiven Künstlers vorführt, der sich selbst zum obersten Schöpfer erkor. Gleich am Eingang steht ein verrosteter Riesenwürfel, ein Sockel, nur steht er verkehrt herum. Oder steht er doch richtig? Die Aufschrift in Bronzelettern kann jedenfalls nur entziffern, wer den Kopf verdreht. Es handelt sich, steht dort, um den Socle du Monde, um das Postament des Planeten.

Man muss sich das vorstellen: Nicht irgendein Werk, sondern die Welt als Ganze hat Manzoni hier aufgesockelt. Fehlt nur noch ein galaktischer Sammler, der das Exponat in sein galaktisches Museum stellt. Damit der Sockel nicht länger hilflos in der Luft oder besser ins leere Universum ragt – und die Erde endlich als das gewürdigt wird, was sie ist: ein unüberbietbares Kunstwerk.

Manche halten das für einen Scherz, minder lustig. Doch hat Manzoni mit seinem Socle (den man eigentlich nicht im Museum, sondern nur unter freiem Himmel zeigen darf) das vollendet, was der Jahrhundertkünstler Marcel Duchamp einst begann: Nicht nur ein Flaschentrockner oder ein Urinoir, sondern die Welt mit allem, was darauf kraucht und fleucht, kann Kunst sein, wenn der Künstler es will. Radikaler, anmaßender hatte das bislang kein anderer gedacht. Ihm war 1961 das ultimative Konzeptkunstwerk gelungen und damit eigentlich auch das letzte. Kurze Zeit darauf, mit gerade mal 29 Jahren, starb er an den Folgen seiner Trunksucht.

Für Manzoni hatte sich erfüllt, woran er über Jahre gearbeitet hatte, mit nicht farbigen Bildern oder Ballon-Skulpturen, vom Publikum, aber auch von vielen Kollegen misstrauisch beäugt. Vor allem als seine Merda d’Artista in Serie ging, als er 90 Dosen Künstlerscheiße produzierte, um sie für den Gegenwert von jeweils einer Unze Gold zu verkaufen, hatte er sich die meisten Sympathien verscherzt. Heute kosten sie sechsstellige Summen, damals erwiesen sie sich als unverkäuflich. Es war die hohe Zeit des Kunstglaubens, man huldigte der Abstraktion, dem Geistigen & Erhabenen. Da kam Manzoni und erdete das Abgehobene mit seiner speziellen Form von Ausdruck – Künstler-Reliquien in Warenform.

Es war der ebenso absurde wie verspielte Versuch, der Kunst eine neue Wesentlichkeit abzugewinnen. Sie sollte so essenziell erscheinen wie Essen und Ausscheiden oder auch wie das Luftholen. In dicken, weißen Luftballons füllte Manzoni seinen Atem ab, denn auch das war für ihn eine Form der unmittelbaren, der wahrhaft authentischen Kunsterfahrung. Ihn lockte, so wie viele seiner Kollegen zu jener Zeit, das Totale. Es war das Erbe der Avantgarde, alles zu umgreifen, das ganze Leben einzufangen. Doch – und das unterscheidet Manzoni von allen Missionaren der Kunst – verwechselte er das Totale nie mit dem Totalitären. Er wahrte zu sich selbst spöttische Distanz.

Leserkommentare
  1. Macht doch einfach mal eine auf und guckt rein... OMG!

  2. Kaufen Sie sich doch eine Dose und dann los!
    Vergessen Sie die Weltpresse und einen Notar nicht, vielleicht noch einen Chemiker zur Bestimmung.

  3. ist aus der Nachsicht beantwortet, wenn der Künstler und sein Werk 50 Jahre nach seinem Ableben kaum mehr bekannt sind.
    Dann war es wohl doch eher kurzweilige Unterhaltung, gegen die nichts spricht, die aber nicht überhöht werden muss.

    • Mari o
    • 24. Juli 2013 9:56 Uhr

    -kriegskünstlern.Er hat wirklich alle genarrt.Niemand findet es komisch,sogar die Deutsche Bundespost nicht.Das ist Satire in Höchstform
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Beuys_Briefmarke_2.jpg

  4. Wenn ich recht erinnere habe ich diesen Satz vor über 4 Jahrzehnten in dem Buch "Kitsch, Kunst und Konventionen" (oder so ähnlich) gelesen.

  5. En 1993, à Marseille, lors d’une performance dans la galerie de Roger Pailhas, l'artiste français Bernard Bazile fait ouvrir une boîte qu'il avait emprunté à l'artiste Ben. Selon Bernard Bazile, en assignant à sa boîte une valeur supérieure à celle de 30 grammes d'or, Ben, comme un grand nombre de propriétaires de boîtes, en dénaturait le sens. Cette boîte, une fois ouverte, a ensuite été achetée à Ben pour 30 000 $ et revendue aux enchères publiques, en 2006, pour 24 000 €. La boîte de conserve contenait en fait une autre boîte, plus petite, à l’intérieur.

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