Der Pater und das tote Reh

Als es passierte, war ich noch sehr jung, elf oder zwölf Jahre alt. Wir übernachteten auf einer großen Holzhütte, die zu unserem Internat gehörte. Die Hütte war auf einem Berg, vier Stunden zu Fuß entfernt, aber dort oben war eine andere Welt, es gab nur die Bäume und die Wiesen und den Himmel und nichts sonst.

Es hatte die ganze Nacht geschneit. Am Morgen trat ich vor die Tür, ich sollte Holz für den Kamin holen. Das Reh lag hinter dem Holzstapel. Es lebte noch, sein linker Hinterlauf war in der Eisenfalle eingeklemmt, der Knochen war gesplittert, und es hatte zu viel Blut verloren. Wir hatten die Falle auf dem Dachboden gefunden. Wir hatten sie aufgeklappt und Sonnenblumenkerne und Haferflocken davorgelegt, wir hatten uns vorgestellt, dass wir einen Wolf fangen würden oder einen Bären. Eigentlich hatte keiner daran geglaubt, dass wir überhaupt etwas fangen würden, weil solche Dinge ja nie funktionieren. Aber jetzt lag dort das Reh, und wir waren schuld. Ich rief den Pater und die anderen.

Der Pater war ein alter Mann. Er war im Krieg gewesen und erst danach zu den Jesuiten gegangen. Er sagte nichts. Er nahm einen Stein, kniete sich in den Schnee und schlug den Schädel des Rehs ein. Dann ging er in die Hütte, holte Schaufeln und gab sie uns. Wir gruben den ganzen Tag, der Boden war hart gefroren, aber es war gut, etwas für das Reh zu tun, das wir getötet hatten. Schließlich standen wir vor dem Erdhaufen, in dem das Reh jetzt lag. Wir waren müde, und wir schämten uns. Der Pater sagte nichts von einem Geschöpf Gottes, er stellte auch kein Kreuz auf, und er sprach kein Gebet. Er hatte noch Blut an seiner Soutane und an seinen Händen. Er sagte nur einen einzigen Satz an diesem Tag. "Wir alle", sagte der Pater, "haben nur dieses eine Leben." Ich habe das nie wieder vergessen.
Ferdinand von Schirach, Schriftsteller

Von Klauns und Clowns

Dritte Klasse, Dorfschule, Mitte der fünfziger Jahre: "Wie heißt der Spaßmacher im Zirkus?", fragt Herr Dehmlow, unser neuer Lehrer, der uns bis zum Ende der vierten Klasse begleiten sollte. Volker sagt: "Klaun." Ich, Leseratte, spreche es so aus: "Klowen." Unser Lehrer kommentiert nicht. Wir sollen beides an die Tafel schreiben. Volker schreibt, konsequent: Klaun. Ich: Clown. Herr Dehmlow lobt uns beide. "Sehr gut! Von Volker haben wir gelernt, wie die Engländer das Wort aussprechen, und C-l-o-w-n schreiben sie es." Eines von vielen Beispielen dafür, wie Herr Dehmlow es immer schaffte, den Schülern Selbstbewusstsein zu geben und flexibel auf sie einzugehen. Er selbst war kleinwüchsig, schon in der dritten Klasse überragten ihn einige Jungen. Durch die Auflösung einer Schule im Nachbarort waren wir nun deutlich über 50 Kinder in der Klasse, aber er hatte nie Disziplinprobleme, und er musste keinen einschüchtern. Im Gymnasium staunten die Lehrer, was wir an Grammatikkenntnissen und Rechenfertigkeiten mitbrachten.
Barbara Hajek arbeitet im Korrektorat der ZEIT

Öffnung einer Welt

Mein Deutschlehrer Werner Klose hat in mir die Lust auf Literatur geweckt. Bevor ich zu ihm an das Gymnasium in St. Peter-Ording kam, hatte ich schon zwei Internate verlassen müssen. Ich galt als etwas anstrengendes Kind. Aber Herr Klose hatte eine eigene Leidenschaft, zu schreiben und über Literatur zu reden. Er hat Bücher vorgeschlagen, die ich lesen könnte, und mich ermutigt, selber zu formulieren. Zum Beispiel hat er unsere Arbeiten bei einem Schreibwettbewerb eingereicht. Die Frage war: "Die Welt im Jahr 2000 – wie stellst du sie dir vor?" Mit meinem Aufsatz habe ich gewonnen.

Später las ich begeistert in den Schulferien in Portugal Goethes Wahlverwandtschaften . Ich war euphorisch und wollte meinem Lehrer diese ganz besondere Entdeckung vermitteln. Zurück aus dem Urlaub, fragte ich: "Herr Klose, kennen Sie eigentlich Goethe?" Er schmunzelte und sagte: "Schon mal gehört." Aber er hat mich ernst genommen, weil er verstanden hat, was in mir vorging. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben. Und es hat mir eine Welt geöffnet. Ich weiß noch, wie unendlich es mich verunsichert hat, als ich einen anderen Lehrer bekam. Ich fiel in Deutsch sofort auf eine Drei oder Vier – ich hatte nicht mehr diesen Zugang.
Iris Berben, Schauspielerin

Der Radikale

Ich hatte in einem Schweizer Gymnasium einen Deutschlehrer, der anfangs einfach wortlos das Zimmer verließ, wenn er merkte, dass wir den Text nicht gelesen hatten. So brachte er mich zum Lesen. Ich habe es nie bereut.
Peer Teuwsen leitet die Schweiz-Seiten der ZEIT

Fernsehen als Hausaufgabe

Eines Tages gab mir meine Gemeinschaftskundelehrerin Frau Mogg – eine sozialdemokratische Stadträtin – die Hausaufgabe, zwei Wochen lang die TV-Nachrichten zu verfolgen und die wichtigsten Themen vor der Klasse zusammenzufassen. Das war für mich damals ungefähr so spannend wie Kartoffelschälen. Aber ich riss mich zusammen und bekam am Ende richtig Spaß an meinem Referat vor der Klasse. Danach verfolgte ich auch ohne Auftrag der Schule weiter Nachrichten – im TV und auch in unserer Lokalzeitung, aus der ich einzelne Artikel ausschnitt und aufbewahrte. Eine Eigenschaft, die mich übrigens bis heute begleitet. Frau Mogg machte aus mir also einen Newsjunkie. Und ich lernte bei ihr viel über unser Gesellschaftswesen, die Kommunalpolitik, Frauenrechte... Dafür bin ich ihr dankbar. Nur mit Helmut Schmidt, Nato-Doppelbeschluss und Atomkraftwerken konnte ich schon damals gar nichts anfangen. So war schnell klar: Die SPD ist nichts für mich – Politik aber sehr wohl.
Cem Özdemir, Vorsitzender der Grünen