Im blütenweißen Kittel

Warum erinnert man sich noch jenseits der 50 an bestimmte Lehrer? Weil sie besonders fies, streng oder unfähig waren? Nichts davon trifft auf Elfriede Profft zu, meine Chemie- und Biologielehrerin. Was war es dann, das ihre nachhaltige Wirkung erklärt?

Nie betrat sie den Chemiesaal ohne ihren blütenweißen Kittel. Allein diese Uniform – und sie trug diesen Kittel wie eine Uniform! – hob sie ab von anderen Lehrern und Lehrerinnen dieser Schule vor den Toren Heidelbergs. Der Kittel bedeutete: Hier bist du im Labor, hier betreiben wir strukturiertes Denken. Diese leidenschaftliche Naturwissenschaftlerin bog uns bei, dass Chemie die Welt zusammenhält. Uns pubertierend-phlegmatischen Girlies! Wie schaffte sie das? Sie machte keine Mätzchen, sie biederte sich nicht an. Sie teilte komplexe Themen in begreifbare Module. Spannende Module. Wir verketteten also Polypeptide. Wir bauten Laugen zu Salzen (oder war es umgekehrt?) um. Wir spazierten durch das Periodensystem der Elemente, als sei es die Heidelberger Altstadt.

Erschien sie ohne Kittel, war Biologie dran. Mendel, Ernst Haeckel, Crick & Watson, alles gute Bekannte. Als Christiane Nüsslein-Volhard 1995 den Nobelpreis erhielt, fiel mir sofort Frau Profft ein: dass sich Genetik mit dieser Fruchtfliege Drosophila melanogaster besonders gut erforschen lässt – na, logisch. Heute wird viel darüber gegrübelt, wie Mädchen für technische und naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern seien. Profft war nicht nur der festen Überzeugung, dass jeder darin gut sein kann. Sie ermutigte uns Mädchen auch dranzubleiben. Immer hat das nicht geklappt. Im mündlichen Abitur hätte ich mich auf eine bessere Note prüfen lassen können. Ich habe gekniffen. Sie nahm es zur Kenntnis, schweigend. Tut mir leid, Frau Profft.
Anna von Münchhausen, Textchefin der ZEIT

Das erste Auditorium

Als Fünftklässler schrieb ich einen Roman; eine abenteuerliche Geschichte von Machtspielen und Verrat. Die gestohlene Krone lautete der Titel. Meine Mitschüler erhielten darin Rollen: als Königinnen und Könige, als Geistliche oder Fürsten, als Ritter oder Gesandte. In den Pausen las ich das neueste Kapitel vor, stets umringt von meinen Klassenkameraden, die darauf brannten, zu erfahren, was als Nächstes mit ihnen passierte. Irgendwann bekam das mein Deutschlehrer Dr. Dirk Detlefsen mit. Er wurde neugierig und bat mich, ihm das Buch zu zeigen, aus dem ich da immer vorlas. Ich erklärte verlegen, es sei kein richtiges Buch, sondern etwas, das ich selbst geschrieben hätte. Er nahm das Manuskript in die Hand und begann darin zu blättern. Ich wagte kaum zu atmen und war mir sicher, dass er mich auslachen würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Dr. Detlefsen sah mich begeistert an und lobte mich sehr. Und ab sofort sollte ich nicht mehr in den Pausen daraus vorlesen müssen, sondern zu Beginn einer jeden Deutschstunde, wenn alle Schüler auf ihren Plätzen saßen und lauschten. So erhielt ich mit zehn Jahren mein erstes Auditorium. Und eine Ermutigung, die ich nie vergessen werde. Die besten Lehrer sind diejenigen, die ihren Schülern Flügel verleihen.
Bastian Sick, Autor und Sprachkritiker

Auf den zweiten Blick

Jede einzelne Stunde mit Frau Hitschmann hat genervt. Bei anderen Lehrern meldete man sich ab und zu und schrieb ordentliche Klausuren, dafür wurde man in Ruhe gelassen und konnte sich der Entfaltung des eigenen Lebens widmen, das war der Deal. Frau Hitschmann dagegen nahm in ihren Englisch- und Geschichtsstunden vornehmlich diejenigen dran, die sich nicht meldeten. So musste der Zurückhaltende mehr sagen, der Ahnungslose sich anstrengen. Wer etwas nicht konnte, wurde so lange traktiert – fürsorglich, fast liebevoll –, bis er sich die Mühe machte, über den Stoff nachzudenken. Sie mutete jedem ihren Mindeststandard zu, und der war verdammt hoch. Wir hätten heute viel weiter kommen müssen, sagte sie am Ende jeder Stunde.

Wir bedachten ihren Enthusiasmus damals mit gutmütigem Augenrollen. Und wir gestanden es uns nur widerwillig ein: Was auf den ersten Blick langweilig und unzugänglich erschien, war nach Frau Hitschmanns Beharrlichkeit oft faszinierend und beherrschbar. Seit ihrem Unterricht widme ich mich vielen unangenehmen Dingen mit Vorfreude – wissend, dass sich hinter der abweisenden Fassade meist ein Schatz versteckt.
Christian Heinrich, ZEIT-Autor

Die weggeworfenen Butterbrote

Eng und dunkel war das Klassenzimmer unserer katholischen Religionslehrerin Hedwig Eschenbaum. Und ein geheimnisvoller Ort, vier Jahre lang, vom ersten Schultag an im August 1966. Durch das schmale Nordfenster drang spärliches Licht auf die für uns viel zu hohen Schreibpulte mit den tief ins Holz eingeritzten Kritzeleien und seltsamen Inschriften, die wir nicht lesen konnten. Nur in diesem Raum der Grundschule in Kirchheimbolanden waren die Tischplatten noch schräg und hatten eine Stützkante, damit Schiefertafeln, Hefte und Malstifte nicht herunterfielen. Die Bänke, dunkel und eng, erzwangen kerzengerades Sitzen und stammten aus einer fernen Zeit.

Fräulein Eschenbaum, grau melierte Kurzhaarfrisur, anthrazitfarbenes Kostüm, erzählte stets leise, in sanftem Ton – und es wurde immer irgendwie hell in diesem tristen Raum. Mit Buntstiften malten wir König Salomon, die goldene Stadt Jerusalem mit zwölf Toren und Engel auf der Himmelsleiter in die Schulhefte. Der Tag der Auferstehung, wenn Gräber sich öffnen und die Verstorbenen in weißen Gewändern emporsteigen, war mein Lieblingsbild, das in seiner naiven Klarheit mir heute noch jede Furcht vor dem Tod nimmt. Heiter und licht, frei von Zensurendruck und Versagensangst, bleiben diese zwei Wochenstunden, auch nach fast fünfzig Jahren in den Erinnerungsträumen.

Nur einmal war alles anders, als Fräulein Eschenbaum hereinstürmte und zwei Butterbrotpäckchen auswickelte, die sie nach der großen Pause im Papierkorb auf dem Schulhof gefunden hatte. Mit rauer, bebender Stimme sprach sie zu uns Kindern von Krieg, Hunger und ihrem Vater, der sterben musste, weil er nichts zu essen hatte. Vom Krieg hatten wir noch nichts gehört. Unsere Lehrerin weinte. Und wir, die Sechsjährigen, weinten auch.

Brot kann ich bis heute nicht wegwerfen.
Ellen Dietrich leitet die Bildredaktion der ZEIT

Mörderisches Herzklopfen

In der Volksschule hatte ich eine Lehrerin, Frau Müller, die bemerkte, wie gierig ich aufs Lesen und Vorlesen war. Also hat sie mich zum Vorlesewettbewerb angemeldet. Wochenlang habe ich geübt. An die Geschichte, die ich vorlesen sollte, erinnere ich mich bis heute: Ladislaus und Annabella . Als ich dann endlich auf der Bühne saß, habe ich unter meinem mörderischen Herzklopfen ganz genau gespürt, wie sich beim Vorlesen die Geschichte von mir löste, anfing zu schweben und in den Köpfen der Zuhörer neue Gestalt annahm. Das war ein so eindrückliches Erlebnis, dass ich wahrscheinlich von da an dem Geschichtenerzählen verfallen bin. Danke, Frau Müller.
Doris Dörrie, Regisseurin und Schriftstellerin

Hebbert, der Eishockeyheld

Eines Nachmittags kurz nach Weihnachten gurkte ich mit meinen ersten Schlittschuhen am Rande der Eisbahn in der Essener Gruga-Halle herum. Die Stimme, die mich von hinten ansprach, kannte ich fürchterlich gut aus dem Lateinunterricht: "Na, Wolfgang?" Mein Klassenlehrer Herbert Küsters lockerte nach Schulschluss seine Beine. Er nahm mich an die Hand, schleuderte mich ein paar Runden lang zwischen den anderen Läufern hindurch. Eine halbe Stunde später war ich schon ganz gut auf den Kufen.

Nach der gleichen Methode brachte uns "Hebbert" ab Sexta – damals hatten Schuljahrgänge noch anständige Bezeichnungen – die lateinische Sprache nahe. Aus heutiger Sicht war sein pädagogischer Eros vielleicht von etwas raubeiniger Prägung. Um uns fürs Pauken zu motivieren, ließ er die Bankreihen in "Vokabelturnieren" gegeneinander antreten. Und als der Klassenarsch Westermeyer ihm einmal besonders blöde kam, schickte er ihn mit einer Ohrfeige aufs Linoleum – wir anerkannten die ansatzlose Ausführung aus der Hosentasche heraus.