In der Nacht seiner Entführung hat Sabri S.* gerade noch Zeit, seiner Freundin ihr Kind in den Arm zu drücken. Es ist der 5. Mai 2012, kurz nach ein Uhr früh. Seine Kidnapper fesseln ihn und verfrachten ihn in den Kofferraum eines Wagens. In einem Wald außerhalb Berlins werfen sie ihn zu Boden, treten und schlagen ihn. Immer wieder fordern sie Sabri S. auf, jene Aussage, die er bei der Polizei gemacht hat, zurückzuziehen. Es geht um den Überfall auf ein Geschäft, und sie glauben, S. habe einen ihrer Freunde belastet. Schließlich holt einer der Entführer einen halbmeterlangen Stock hervor, damit penetrieren die Männer ihr Opfer anal. Die Handykamera läuft mit. Zuletzt werfen sie Sabri S. im Stadtteil Neukölln aus dem Auto.

Eine grauenhafte Tat, egal, wer sie an wem verübt. Aber diese weist über den Einzelfall hinaus: Sie hat eine spezifische Vorgeschichte, eine Nachgeschichte und eine Frühgeschichte, die in der Summe ein drängendes Problem illustrieren – die Ablehnung des Rechtsstaats in Teilen arabischer und kurdischer Großfamilien, die in Deutschland zu Hause sind.

Die Vorgeschichte der Tat sieht so aus: Nur Stunden vor der Vergewaltigung nehmen die Täter an einer Versammlung teil. Alle entstammen demselben palästinensisch-libanesischen Clan, der den Berliner Behörden wohlbekannt ist: Er hat bereits mehrere "Intensivtäter" hervorgebracht. Die informelle Familienratssitzung findet im familieneigenen Clubhaus statt. Thema: die Aussage des Sabri S. "In aufgeheizter Stimmung wird besprochen, dass man S. zur Rücknahme seiner Angaben bei der Polizei zwingen müsse", stellt das Landgericht Berlin später in seinem Urteil fest.

Die Nachgeschichte: Vor Gericht spielt der Vater des Opfers die Tat überraschend herunter, alles sei bloß ein "Kinderstreich" gewesen. Schämt er sich? Eher nicht: Nach dem Vorfall hatte es zwischen den Familien des Opfers und der Täter "Versöhnungsgespräche" gegeben. Es herrsche wieder Frieden, behauptet der Vater, Geld sei keines geflossen. Das muss man nicht glauben. Das Gericht schreibt im Urteil, offenbar sei versucht worden, die "Aufklärung zu erschweren und die Tat zu verharmlosen".

Die Frühgeschichte: Alle drei Entführer sind seit ihrer Jugend kriminell. Der erste wurde mit 14 Jahren wegen versuchten Raubes und Diebstahls verurteilt, es folgten gefährliche Körperverletzung, versuchte Nötigung und der Überfall auf eine Tankstelle. Der zweite verübte als Halbwüchsiger wenige Tage nach einer Verurteilung wegen Körperverletzung einen Raub, es folgten Erpressung und eine zweijährige Jugendstrafe. Der dritte beging einen Raubüberfall während eines Freigangs von der Jugendstrafe, zu der er wegen Raubes, Erpressung und Diebstahls verurteilt worden war. Aus dem Urteil geht hervor, dass Sabri S. an dem Überfall, zu dem er aussagte, beteiligt gewesen war.

Kriminalität bei Heranwachsenden, Regelungen innerhalb des Clans und außerhalb der Justiz, Verabredungen zu Straftaten, die dem Clan-Interesse dienen: Das sind Konstellationen, die Polizei und Justiz seit Jahren Sorgen bereiten. Nicht nur Hardlinern. Sondern auch dem Berliner Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra, der für Organisierte Kriminalität zuständig ist und in Prozesspausen Angeklagten schon mal erklärt, was im Gerichtssaal passiert. "Ich mag kein Feindbilddenken", sagt Kamstra. "Aber auch keine Schönrederei. Die Herausforderung des Rechtsstaats durch diese Clans ist ein Problem, auch wenn von einer Kapitulation unsererseits keine Rede sein kann." Seine Behörde will das Thema nun verstärkt angehen und zum Beispiel mutmaßlich illegale Vermögen prüfen. Zuletzt kauften einschlägige Clans ganze Mietshäuser, das hat Misstrauen erregt.

Verbrechen - Yassin Musharbash über kriminelle Clans aus dem Libanon

Aber um welche Art Clans geht es eigentlich?

Kaum jemand weiß mehr über diese Großfamilien als der Berliner Migrationsforscher Ralph Ghadban. Männer, die heute als stadtbekannte Kriminelle gelten, hockten in den Achtzigern als Jugendliche bei ihm auf der Beratungsstelle der Diakonie für Araber. Später, als Anstaltsbeirat in der Justizvollzugsanstalt Tegel, traf er jene, die auf die schiefe Bahn geraten waren. Er schrieb eine Dissertation über Berlins Libanon-Flüchtlinge.

Ghadban ist selbst gebürtiger Libanese. Als die Flüchtlinge Mitte der Siebziger hier ankamen, war er einer der Ersten, die erkannten, dass viele von ihnen weder Palästinenser noch Libanesen waren – sondern zu einer ethnischen Gruppe gehören, die nach ihrem arabischen Dialekt Mahallamis genannt wird. Sie stammen aus dem Südosten der Türkei, lebten jedoch schon Jahrzehnte im Libanon. Die Libanesen betrachten die Mahallamis als Kurden, sie selbst lehnen diese Zuschreibung zum Teil ab. Tatsache ist, dass das Clan-Denken bei ihnen sehr ausgeprägt ist. "Schon im Libanon lebten sie in Ghettos. Sie waren aufeinander angewiesen, was die Sippenstruktur stärkte", sagt Ghadban. "In Deutschland wurde der Zusammenhalt durch das Asylrecht weiter verfestigt: Sie durften nicht arbeiten, es gab keine Schulpflicht, folglich kaum Interaktion mit der deutschen Gesellschaft und nie ein Bürgerbewusstsein."

In diesem "Stammesdenken" sieht Ghadban den Grund für die hohe Kriminalitätsrate in manchen Mahallami-Clans: "Alles außerhalb der Sippe wird als Feindesland betrachtet. Denn die eigenen Regeln gelten dort nicht. Und andersherum." Und deswegen darf man rauben und stehlen? "Ja", sagt Ghadban, "denn das Bewusstsein, etwas Falsches zu tun, besteht nicht. Es gibt nur ein Bewusstsein für Wir und Die. Es geht darum, den Besitz der Sippe zu mehren." Einige Clans hätten sich so regelrecht in kriminelle Vereine verwandelt: "Weil es einfach war – und profitabel." Bei einigen Palästinensern unter den Libanon-Flüchtlingen greifen laut Ghadban ähnliche Muster, nur abgeschwächt. Eine Öffnung des Milieus erkenne er nicht.

Die Berliner Behörden stufen ein gutes Dutzend Clans mit oft Hunderten Mitgliedern als problematisch ein, fast alle sind Palästinenser oder Mahallamis. Bis zu 20 Prozent der Mitglieder dieser Clans seien kriminell, schätzt ein Berliner Ermittler, insgesamt bis zu 800 Personen. In Bremen, dem zweiten Ballungsraum, sind laut Polizei von 2.590 Mahallamis 1.300 polizeibekannt, was freilich viel heißen kann. Es geht oft um Raub, Diebstahl, Drogen – vor allem aber um Gewalt, häufig untereinander. Da sind Revierkämpfe oder Schlägereien, müssen Beleidigungen gerächt oder Schulden und Schutzgeld eingetrieben werden. "Mafiaähnliche Strukturen in der Nähe der Organisierten Kriminalität" nennt es ein Ermittler.

Das alles mündet in Hunderte Ermittlungsverfahren jährlich, gegen die kleinen Schläger, gegen die großen Dealer, gegen alles dazwischen – und spätestens an diesem Punkt manifestiert sich, was Staatsanwalt Kamstra "Herausforderung des Rechtsstaats" nennt und der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) eine "Provokation".

Manchmal bedeutet das sogar Gefahr für Leib und Leben. Zum Beispiel für Klaus-Dieter Schromek. Seinen letzten Prozess gegen Angeklagte aus einem polizeibekannten Clan musste der Vorsitzende Richter am Landgericht Bremen unter Polizeischutz führen. Es gab "Anzeichen für eine Bedrohung", mehr möchte er nicht sagen. "Stellen Sie sich selbst vor, Sie und Ihre Familie könnten sich nicht mehr sicher fühlen", sagt Schromek. "Wer das eine Weile erlebt hat, fragt sich unweigerlich, ob er es wieder erleben möchte." Was Schromek andeutet, klingt so plausibel wie banal – und ist doch von besonderer Bedeutung.

"Wenn ein Richter Polizeischutz benötigt, kann das verheerend wirken", sagt Karen Buse, Präsidentin des Oberlandesgerichts Bremen. "Wenn schon ein Richter Angst hat, wie wirkt das erst auf einen Bürger, der eine Aussage machen soll? Ich hoffe sehr, dass Zeugen nicht irgendwann denken: In so einem Prozess sage ich nicht aus."

Diese Sorge ist nicht nur theoretisch. Allein in Niedersachsen stehen zwei Staatsanwälte und ein Richter unter Polizeischutz; die Angeklagten entstammen Clans, die aus dem Libanon eingewandert sind. Ein Zeuge lebt im Schutzprogramm.

Dass Zeugen Angst haben, ist Alltag in Clan-Prozessen. Und auch, dass Clans versuchen, sie zu beeinflussen: durch Drohungen, Gewalt oder Geld. "Es ist unerträglich, wenn regelmäßig Zeugen eingeschüchtert werden", sagt der Berliner Senator Heilmann. Das beste Rezept, das die Justiz bisher gefunden hat: möglichst rasche Vernehmungen – bevor Dritte an die Zeugen herantreten.

Die Clan-Mitglieder sagen so gut wie nie gegeneinander aus. Eher belasten sie sich selbst: Mitunter sucht der Familienrat ein Mitglied aus, das gesteht. Nach dem Motto: Besser du drei Jahre als ich sechs.

Es kommt auch vor, dass Täter und Geschädigte die Justiz einträchtig ins Leere laufen lassen, weil sie das Problem selbst regeln wollen. Da kann es Schwerverletzte gegeben haben, können Schüsse gefallen sein: Keiner hat’s gesehen. "Ein staatlicher Prozess zählt nichts", sagt ein Sozialarbeiter, der im Clan-Milieu gearbeitet hat. "Denn er schafft Gewinner und Verlierer. Doch wenn man sich untereinander einigt, kann es zwei Gewinner geben." So wanderten offenbar schon sechsstellige Beträge von Clan zu Clan.

Manchmal binden die Clans Vermittler ein: selbst ernannte "Friedensrichter" oder von beiden Seiten akzeptierte Unterhändler. "Selbst bei Delikten wie Raub, Vergewaltigung oder Kindesentführung werden sie eingeschaltet. Diese Delikte müssten alle vor ein ordentliches Gericht", klagt Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Mustafa "Charly" Özbek, Glatzkopf und Marlboro-Raucher, ist ein solcher Vermittler. Sein Hauptjob ist allerdings in einer Anlaufstelle für Obdachlose der Evangelischen Kirche in Bremen. Özbek sagt, er helfe, weil man ihn darum bitte, um mehr gehe es nicht. Dass er in einem früheren Leben säumige Schuldner traktiert und als Türsteher Discoeingänge bewacht hat, verschafft ihm Respekt – und den Ruf, bei Konflikten nicht gleich nach der Staatsmacht zu rufen. Typische Fälle, bei denen er geholt werde, seien Streitfälle zwischen Männern, die in Gewalt auszuarten drohten; manchmal gehe es um weggelaufene Mädchen, die er über sein Netzwerk suchen helfe. Geld erhalte er nicht – und bei "großen Sachen" rate er dazu, zur Polizei zu gehen, beteuert er. Das war indes nicht immer so: "Früher habe ich das gemacht und dabei Verfahren ins Leere laufen lassen." Özbek ist eine schillernde Figur, schwer einzuschätzen. Aber mit Sicherheit gibt es problematischere Vermittler als ihn. In Berlin tauchen sie nach Schlägereien mitunter schon vor der Polizei im Krankenhaus auf, um Kunden zu akquirieren.

"Von Kapitulation kann keine Rede sein"

Der Rechtsstaat befindet sich so in einem permanenten Wettlauf um die Wahrheit. Gerichtspräsidentin Buse mahnt: "Das Monopol der Rechtsprechung darf uns nicht entgleiten."

Was tun? Der Stadtstaat Bremen kümmert sich intensiv um Clan-Kriminalität, seit er 2010 durch teils hysterische Medienberichte aufgeschreckt wurde. Zunächst wurde festgestellt, dass tatsächlich überdurchschnittlich viele Mahallamis kriminell aufgefallen waren. Seitdem hat sich allmählich ein Konzept herausgebildet: eine Politik der harten Hand gegen die Kriminellen unter ihnen – Angebote an alle anderen. "Man kann nicht alle Clan-Mitglieder über einen Kamm scheren", sagt LKA-Chef Andreas Weber. "Nur mit Law and Order ist das Problem nicht zu lösen." Die Hansestadt entsendet jetzt Kulturmittler in Brennpunkte: um Kontakt zu halten, aber auch um gegenüber Ämtern zu vermitteln. Bei Razzien agiert die Stadt umso robuster. Mit Erfolg, findet Buse, die 2010 als Staatsrätin an der Initiative mitwirkte: "Die Lage deeskaliert, auch wenn die Kriminalitätsrate bei den Clan-Mitgliedern immer noch in keinem Verhältnis zur Durchschnittsbevölkerung steht."

Arnold Mengelkoch, der Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln, vertritt ähnliche Ideen. Er verweist darauf, wie das berüchtigte Rollberg-Viertel vor dem Kippen bewahrt wurde: "Jeder Angriff wurde angezeigt, egal ob Mädchentreff, Kneipe oder Beratungsstelle, alle machten mit. In den Jugendclub darf heute nur rein, wer seinen Namen nennt und per Handschlag die Regeln akzeptiert." Auch an den Schulen gelte "null Toleranz". "Wir haben das Problem nicht gelöst", sagt Mengelkoch. "Aber von Kapitulation kann keine Rede sein." Die Justiz könne indes noch lernen: "Es dauert immer noch zu lange, bis es zum Prozess kommt. Die Bestrafung muss zeitnah erfolgen, sonst wirkt sie nicht."

Mengelkoch weiß, wovon er spricht: Vor einigen Jahren sah er am U-Bahnhof minderjährige Drogendealer und fotografierte sie. Sofort kamen sechs junge Männer auf ihn zu, "wie Raptoren". Sie rempelten ihn an, zogen ein Messer, er sollte die Bilder löschen. "Ich arbeite beim Bezirksamt", entgegnete Mengelkoch, "ich schau nicht weg." Sie schlugen ihn. Erst zweieinhalb Jahre später fand der Prozess statt. Die Dealer waren zwischen 12 und 16 Jahre alt gewesen. Sogenannte "Kügelchenjungs" im Dienste eines der verrufensten Clans der Stadt. "Heute", sagt Mengelkoch, "verkauft der älteste seinen Stoff am U-Bahnhof Hermannstraße."

Solche "Kügelchenjungs" werden eigens aus dem Libanon eingeschleust – vor allem von einem bestimmten Clan, der die Kinder laut Informanten aus seiner erweiterten Verwandtschaft rekrutiert. Hier angekommen, müssen sie 10.000 Euro für die Schleusung durch Heroinverkauf abarbeiten. Weil sie so jung sind, landen sie nicht gleich im Knast, wenn sie erwischt werden: Das ist ihr Wert. Werden sie doch verurteilt, gibt es genug Nachschub. Die Eltern spielen oft mit, weil die Jungs Geld nach Hause schicken. Für die Hintermänner ist das fast risikofrei – und der Profit gewaltig.

Nur beim Drogenhandel dürfte die Clan-Kriminalität Dimensionen erreichen, die sich mit den Geschäften anderer krimineller Gruppen, auch deutscher, vergleichen lassen. Doch gegen Clans lässt sich schwerer ermitteln – auch darum herrscht eine gewisse Frustration bei Polizei und Justiz. Keine mafiöse Gruppe respektiert den Rechtsstaat. Aber Werkzeuge wie verdeckte Ermittler oder Kronzeugen helfen im Clan-Milieu kaum.

Eine Besserung der Lage ist so lange nicht absehbar, wie in den Clans ein Mangel an positiven Vorbildern herrscht. Darin sind sich alle einig: der Polizist, der Sozialarbeiter, der Integrationsexperte, selbst Clan-Mitglieder. "Im Moment", sagt eine junge Frau aus einer einschlägigen Familie, "gibt es praktisch nur den kriminellen Cousin mit Geld, BMW und Mädchen als Vorbild – oder den arbeitslosen Cousin ohne Ansehen." Das müsse sich ändern. Dann könne, so hofft sie, der Begriff "arabische Großfamilie" vielleicht wieder das bedeuten, was er für sie trotz allem immer noch meint: Geborgenheit.

*Name geändert

Mitarbeit: Albrecht Metzger, Heinrich Wefing