In diesem "Stammesdenken" sieht Ghadban den Grund für die hohe Kriminalitätsrate in manchen Mahallami-Clans: "Alles außerhalb der Sippe wird als Feindesland betrachtet. Denn die eigenen Regeln gelten dort nicht. Und andersherum." Und deswegen darf man rauben und stehlen? "Ja", sagt Ghadban, "denn das Bewusstsein, etwas Falsches zu tun, besteht nicht. Es gibt nur ein Bewusstsein für Wir und Die. Es geht darum, den Besitz der Sippe zu mehren." Einige Clans hätten sich so regelrecht in kriminelle Vereine verwandelt: "Weil es einfach war – und profitabel." Bei einigen Palästinensern unter den Libanon-Flüchtlingen greifen laut Ghadban ähnliche Muster, nur abgeschwächt. Eine Öffnung des Milieus erkenne er nicht.

Die Berliner Behörden stufen ein gutes Dutzend Clans mit oft Hunderten Mitgliedern als problematisch ein, fast alle sind Palästinenser oder Mahallamis. Bis zu 20 Prozent der Mitglieder dieser Clans seien kriminell, schätzt ein Berliner Ermittler, insgesamt bis zu 800 Personen. In Bremen, dem zweiten Ballungsraum, sind laut Polizei von 2.590 Mahallamis 1.300 polizeibekannt, was freilich viel heißen kann. Es geht oft um Raub, Diebstahl, Drogen – vor allem aber um Gewalt, häufig untereinander. Da sind Revierkämpfe oder Schlägereien, müssen Beleidigungen gerächt oder Schulden und Schutzgeld eingetrieben werden. "Mafiaähnliche Strukturen in der Nähe der Organisierten Kriminalität" nennt es ein Ermittler.

Das alles mündet in Hunderte Ermittlungsverfahren jährlich, gegen die kleinen Schläger, gegen die großen Dealer, gegen alles dazwischen – und spätestens an diesem Punkt manifestiert sich, was Staatsanwalt Kamstra "Herausforderung des Rechtsstaats" nennt und der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) eine "Provokation".

Manchmal bedeutet das sogar Gefahr für Leib und Leben. Zum Beispiel für Klaus-Dieter Schromek. Seinen letzten Prozess gegen Angeklagte aus einem polizeibekannten Clan musste der Vorsitzende Richter am Landgericht Bremen unter Polizeischutz führen. Es gab "Anzeichen für eine Bedrohung", mehr möchte er nicht sagen. "Stellen Sie sich selbst vor, Sie und Ihre Familie könnten sich nicht mehr sicher fühlen", sagt Schromek. "Wer das eine Weile erlebt hat, fragt sich unweigerlich, ob er es wieder erleben möchte." Was Schromek andeutet, klingt so plausibel wie banal – und ist doch von besonderer Bedeutung.

"Wenn ein Richter Polizeischutz benötigt, kann das verheerend wirken", sagt Karen Buse, Präsidentin des Oberlandesgerichts Bremen. "Wenn schon ein Richter Angst hat, wie wirkt das erst auf einen Bürger, der eine Aussage machen soll? Ich hoffe sehr, dass Zeugen nicht irgendwann denken: In so einem Prozess sage ich nicht aus."

Diese Sorge ist nicht nur theoretisch. Allein in Niedersachsen stehen zwei Staatsanwälte und ein Richter unter Polizeischutz; die Angeklagten entstammen Clans, die aus dem Libanon eingewandert sind. Ein Zeuge lebt im Schutzprogramm.

Dass Zeugen Angst haben, ist Alltag in Clan-Prozessen. Und auch, dass Clans versuchen, sie zu beeinflussen: durch Drohungen, Gewalt oder Geld. "Es ist unerträglich, wenn regelmäßig Zeugen eingeschüchtert werden", sagt der Berliner Senator Heilmann. Das beste Rezept, das die Justiz bisher gefunden hat: möglichst rasche Vernehmungen – bevor Dritte an die Zeugen herantreten.

Die Clan-Mitglieder sagen so gut wie nie gegeneinander aus. Eher belasten sie sich selbst: Mitunter sucht der Familienrat ein Mitglied aus, das gesteht. Nach dem Motto: Besser du drei Jahre als ich sechs.

Es kommt auch vor, dass Täter und Geschädigte die Justiz einträchtig ins Leere laufen lassen, weil sie das Problem selbst regeln wollen. Da kann es Schwerverletzte gegeben haben, können Schüsse gefallen sein: Keiner hat’s gesehen. "Ein staatlicher Prozess zählt nichts", sagt ein Sozialarbeiter, der im Clan-Milieu gearbeitet hat. "Denn er schafft Gewinner und Verlierer. Doch wenn man sich untereinander einigt, kann es zwei Gewinner geben." So wanderten offenbar schon sechsstellige Beträge von Clan zu Clan.

Manchmal binden die Clans Vermittler ein: selbst ernannte "Friedensrichter" oder von beiden Seiten akzeptierte Unterhändler. "Selbst bei Delikten wie Raub, Vergewaltigung oder Kindesentführung werden sie eingeschaltet. Diese Delikte müssten alle vor ein ordentliches Gericht", klagt Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Mustafa "Charly" Özbek, Glatzkopf und Marlboro-Raucher, ist ein solcher Vermittler. Sein Hauptjob ist allerdings in einer Anlaufstelle für Obdachlose der Evangelischen Kirche in Bremen. Özbek sagt, er helfe, weil man ihn darum bitte, um mehr gehe es nicht. Dass er in einem früheren Leben säumige Schuldner traktiert und als Türsteher Discoeingänge bewacht hat, verschafft ihm Respekt – und den Ruf, bei Konflikten nicht gleich nach der Staatsmacht zu rufen. Typische Fälle, bei denen er geholt werde, seien Streitfälle zwischen Männern, die in Gewalt auszuarten drohten; manchmal gehe es um weggelaufene Mädchen, die er über sein Netzwerk suchen helfe. Geld erhalte er nicht – und bei "großen Sachen" rate er dazu, zur Polizei zu gehen, beteuert er. Das war indes nicht immer so: "Früher habe ich das gemacht und dabei Verfahren ins Leere laufen lassen." Özbek ist eine schillernde Figur, schwer einzuschätzen. Aber mit Sicherheit gibt es problematischere Vermittler als ihn. In Berlin tauchen sie nach Schlägereien mitunter schon vor der Polizei im Krankenhaus auf, um Kunden zu akquirieren.