Kinderkrankheit – irreführender als in diesem Fall kann ein Begriff kaum sein. Die Masern zählen zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten in der Geschichte der Menschheit. Eine von tausend Erkrankungen verläuft tödlich. Auch Jahrzehnte nach Beginn der weltweiten Impfkampagnen sterben noch immer jährlich mehr als 140.000 Kinder. Wieder und wieder werden Ausbrüche an Orten vermeldet, wo die Krankheit längst besiegt schien – wie jetzt im nordrhein-westfälischen Erftstadt.

Seit 1984 verfolgt die Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel, die Masern auszurotten. Theoretisch ist das kein Problem, es stehen wirksame Impfstoffe zur Verfügung. Praktisch gibt es Erfolge: Amerika gilt seit 2002 als masernfrei – von Alaska bis Feuerland. Auch Afrika und Asien gelingt es, die Verbreitung der Viren einzudämmen. In Europa sind es vor allem die Impfverweigerer, die die Seuche am Leben erhalten: Im ersten Halbjahr 2013 sind allein in Deutschland mehr als 1.000 Menschen an Masern erkrankt.

Die Spritze scheint verzichtbar: Im Zweifel sind ja die anderen geimpft

Dabei ist das geografische Muster verräterisch: In Großstädten wie Berlin oder München breitet sich die Krankheit häufiger aus als auf dem Land. Nicht nur, weil in Ballungsräumen größere Menschenmassen aufeinandertreffen, sondern auch, weil sich manch wohlsituierter Bildungsbürger der Aufklärung besonders renitent verweigert.

Im Zentrum der Ausbrüche stehen immer wieder Waldorfschulen, wie 2010 in Essen und Berlin, 2011 in Offenburg oder aktuell in Erftstadt bei Köln. In der Berliner Waldorfschule waren nur 70 Prozent der Schüler immunisiert. In Erftstadt konnte gerade einmal jeder vierte per Impfpass einen ausreichenden Schutz nachweisen. 18 Menschen sind bisher erkrankt. Die zuständige Gesundheitsbehörde arbeitet nun gemeinsam mit dem Schulträger daran, Schüler und Lehrer nachträglich zu immunisieren – der Ausbruch hat immerhin die Einsicht gefördert.

In diesem Jahr erkranken auffallend viele junge Erwachsene. Bei ihnen verlaufen die Masern oft schwerer als bei Kindern. Jeder vierte muss zur Behandlung in eine Klinik. Hier zeigen sich die Sünden der Vergangenheit: Zwanzig Jahre intensiver Impfung hatten die Krankheit deutlich eingedämmt. In den neunziger Jahren glaubten Eltern dann, ihren Kindern den unangenehmen Pikser ersparen zu müssen.

In einem Land, in dem niemand mehr an Pocken stirbt oder an Kinderlähmung leidet, verschiebt sich die Wahrnehmung der Risiken. Die Krankheiten sind schließlich nahezu ausgerottet. Dass konsequentes Impfen – "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" – zu diesem erfreulichen Zustand geführt hat, gerät in Vergessenheit. Und im Zweifel sind ja gottlob die anderen geimpft. Die Impfgegner übersehen beharrlich, dass sie durch ihre Verweigerung nicht nur die schützende "Herdenimmunität" gefährden, die es ihnen erst möglich macht, sich frei zu entscheiden. Sie setzen neben der Gesundheit ihrer eigenen Kinder auch das Leben jener Menschen aufs Spiel, die nicht geimpft werden können: Säuglinge und Immungeschwächte.

Selbst manche Ärzte scheinen den Schrecken der Infektion nicht mehr deutlich genug vor Augen zu haben: homöopathisch orientierte Pädiater, die schon die Verabreichung eines fiebersenkenden Zäpfchens als Kunstfehler ansehen und die Verschreibung von Antibiotika als persönliche Niederlage. Sie geben Eltern das Gefühl, die Wahl zu haben: Entscheiden sie sich gegen die Impfung, scheint das Infektionsrisiko überschaubar. Eine Entscheidung für die Spritze bedeutet hingegen, bei einem gesunden Kind ein Impfrisiko in Kauf zu nehmen, auch wenn es um ein Vielhundertfaches kleiner ist als das der Infektion.