Mütter im Bundestag : Mama regiert

Mit Kindern an die Macht, geht das? Immer mehr junge Mütter sagen: Ja. Und wollen als Abgeordnete in den Bundestag.

Junge Mütter müssen eigentlich früh ins Bett. Ihre Nächte sind kurz und unruhig. Ihre Kinder träumen schlecht oder sind erkältet. Irgendein Problem gibt es immer. Eins, das auch die beste Politikerin nicht sofort lösen kann. Man sollte Susann Rüthrich danach fragen. Man kann es sogar jetzt noch tun, kurz vor Mitternacht, an einem Wochentag 2013.

Denn Rüthrich, 36, Mutter einer zweijährigen Tochter, ist noch wach. Sie sitzt am Schreibtisch, sie beantwortet Mails, sie erlaubt sich keine Pause. Wenn das Kind schläft, arbeitet sie. Susann Rüthrich wird zur Bundestagswahl im September für die SPD im Wahlkreis Meißen antreten. Als Direktkandidatin hat sie zwar kaum Chancen, ihr Wahlkreis ist der von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Aber Rüthrich steht ja auch noch auf Platz sechs der sächsischen SPD-Landesliste. 2009 schafften es die ersten fünf Kandidaten der Partei nach Berlin. Rüthrich will nun alles tun, damit es 2013 noch eine Kandidatin mehr wird. Sie macht Wahlkampf mit Kind. Was bislang gar nicht so üblich war.

Kann eine Mutter das schaffen: Wahlkampf, Politik, Familie? Susann Rüthrich beleidigt schon die Frage. "Natürlich wird der Wahlkampf anstrengend", sagt sie. "Und natürlich wird es für unsere Familie eine gravierende Umstellung, wenn es mit dem Sitz im Bundestag klappen sollte. Damit das funktioniert, müssen alle Beteiligten die Idee gut finden: mein Mann, meine Eltern, Schwiegereltern und Freunde."

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Frauen aus dem Osten in dieser Frage Vorkämpferinnen sind – Frauen von dort, wo Mütter, das sagt jede Statistik, nicht ewig zu Hause die Kinder betreuen. Stattdessen weiterhin anspruchsvollen Jobs nachgehen.

Wie dem der Politikerin. Klar ist: In einem Wahlkampf, in dem die Familienpolitik zu den wichtigen Themen gehört, setzen die Parteien bewusst auf junge Frauen. Selten bewarben sich so viele Mütter mit Kleinkindern um einen Platz im Parlament. Sie treten vor allem in den neuen Ländern an. Im Wahlkreis Dresden für die SPD: Ines Vogel – Mutter einer zweijährigen Tochter. In Brandenburg: Annalena Baerbock für die Grünen – ihre Tochter ist anderthalb. In Brandenburg hat die Linke Diana Golze nominiert, in Sachsen Parteichefin Katja Kipping – beide sind schon im Bundestag, bekamen im Laufe der aktuellen Legislatur Nachwuchs. Oder die Brandenburger CDU-Politikerin Katherina Reiche: Sie hat in ihrer Zeit als Abgeordnete drei Kinder geboren, wird sich nun wieder zur Wahl stellen.

Rüthrich sagt, sie sei es leid, dass gesetzte Abgeordnete darüber bestimmten, wie Familien in diesem Land leben. Sie wolle nicht, dass jene, deren eigene Familiengründung Jahrzehnte zurückliege, darüber befänden, welche Rahmenbedingungen junge Eltern heute benötigten. Rüthrich sagt, sie kenne diese Rahmenbedingungen besser. Sie arbeitet als Geschäftsführerin, leitet ein Netzwerk für Demokratie und Courage. Für sie hat es sehr praktische Bedeutung, wenn ein Streit um Kitaplätze geführt wird oder um flexible Arbeitszeiten. Nicht nur ideologische.

Rüthrich ist eine energische Frau, fix im Denken und schnell im Sprechen. "Ich habe nicht die tiefe Überzeugung, dass nur ich gut für mein Kind bin", sagt sie. "Unsere Tochter nimmt keinen Schaden, wenn sie abends auch mal von jemand anderem als Mama ins Bett gebracht wird." Papa zum Beispiel. Und sie hat auch, anders als noch immer viele ältere, vor allem westdeutsche Politiker, kein Problem damit, dem Staat Verantwortung für ihre Tochter zu übertragen. Das tiefe Misstrauen gegenüber staatlichen Kitas kann sie nicht nachvollziehen. Ebenso wenig die Glorifizierung der Mutterrolle, wie sie auch manche Kollegen ihrer eigenen Partei betreiben.

Diese jungen Politikerinnen sind pragmatisch. Sie leben, wie sie selbst es erlebt haben: Weil ihre eigenen Mütter arbeiteten, hat das auch für sie nichts Seelenloses. Deshalb sind sie etwa für den Kitaausbau, aber gegen das Betreuungsgeld. "Ja", sagt Rühtrich, "ich bin damit aufgewachsen, dass alle Mütter immer gearbeitet haben, die meisten in Vollzeit." Sie wolle daraus kein Leitbild machen. Aber sie erwarte Respekt.

Warum, zum Beispiel, würden Politikerinnen, wenn sie eine Abendveranstaltung besuchten, immerzu gefragt, wer gerade ihr Kind betreue? "Männer fragt das kein Mensch", sagt die Dresdner SPD-Frau Ines Vogel, deren Sohn so alt ist wie Susann Rüthrichs Tochter, zwei Jahre. Vogel sagt: Sie habe keine Lust mehr auf Kritik unter dem Deckmäntelchen der Besorgnis. Mütter in der Politik seien eine Zumutung, die alle Seiten aushalten müssten: Sie erwarte von ihrer Partei Verständnis, wenn sie mal nicht kommen könne, weil ihr Sohn krank sei. Oder wenn sie, weil kein Babysitter da sei, ihr Kind mit in eine Sitzung bringe. Auf Parteitagen und bei Gremiensitzungen setzte Vogel vor ein paar Jahren eine obligatorische Kinderbetreuung durch. "Das haben viele damals als Zumutung empfunden. Heute ist es selbstverständlich", sagt sie. "Meine Partei muss sich daran gewöhnen, dass sich das Leben ihrer Leute nicht nur um Politik dreht. Letztlich macht uns das reicher."

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Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Frauen und Tierhaltung

Das ist ja nun eben das Problem: bei Frauen wird nur darüber berichtet, wie sie die Kinder managen und nicht darüber, ob sie sonst noch was in der Birne haben.

Und (das bezieht sich nun auf die Diskussion um die "biologische Identität") diese leidigen Vergleich mit der ach so guten Tierhaltung gegenüber all den Rabenmüttern die vom Staat gezwungen werden, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, kann ich nun wirklich nicht mehr hören. Erstens zeichnet sich der Mensch eben dadurch aus, dass er eine starke soziale Gemeinschaft bildet, in der die Arbeit aufgeteilt werden kann (wie auch bei anderen Säugetieren die ganze Herde oder Gruppe darauf achtet, dass der Nachwuchs nicht unter die Räder kommt) und das kommt auch den Müttern und den Kindern zu Gute.

Und zweitens kann man nun wirklich nicht behaupten, dass in Deutschland die Tiere besonders artgerecht gehalten werden. Da möchte ich aber mal die Kälber und Ferkel sehen, die mit ausreichend Platz und Beschäftigung so lange wie sie mögen bei ihren Müttern bleiben. Also bitte nicht behaupten, dass es in Deutschland den Tieren besser als den Kindern geht! Wir Menschen haben glücklicher Weise tatsächlich die Wahl in welchem Familienmodell wir leben wollen.

Ich würde sagen,

es liegt daran, dass immer mehr Omas und Opas bis über die 65 hinaus selbst Vollzeit arbeiten gehen müssen, dass desweiteren Oma und Opa sehr häufig nicht in derselben coolen Stadt wohnen wie die Jung-Eltern und dass die Kitas, gerade in den größeren Städten, nachweislich gewaltige Qualitätsdefizite haben. War bei uns am Land früher und jetzt für unsere Kinder und Enkel, die im selben Dorf wie wir wohnen, auch kein Problem, sich auszuhelfen. Aber wir schaffen ja soeben (schon wieder) den neuen Menschen, und dem fehlen diese (igitt) altruistischen Eigenschaften.

das dachte ich auch.

"Was für ein unangenehmer, herablassender Unterton gegenüber Frauen, die gerne zu Hause sind, sich um ihre Familie kümmern und in freier Entscheidung nicht das Bedürfnis haben, die Art von Karriere anzustreben, die die Autorin offenbar für die Erfüllung hält. Und, man glaubt es nicht, trotzdem politisch sind, und den Tag nicht auf Tupper-Parties verbringen."

es muss ja wirklich was bösese und schlimmes sein, wenn man gerne mutter ist und sich gerne um seine kinder kümmert.#
eine solche intoleranz würde ich niemals wählen.
auch kann ich nichts babei finden, politikern diese arbeit zu übelassen, die jene erfahrung schon hinter sich haben, und damit nicht auf 20 baustellen herumgesprungen sind und diese erfahrung ausgekostet haben um sie später einzubringen.
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letztendlich ist auch das nur eine blüte der schnellerhöherweiter-mentalität, nach der man mutter, vater, chef, politiker und wasweißichnochwasalles sein muss, und das alls bis 40 anstatt eines mal richtig zu machen und im passenden alter die richtigen stationen für sich zu wähhlen und leben zu dürfen.

"Ostfrau" - die bessere Frau?

Ich arbeite selbst mit einigen Frauen zusammen, die im Osten aufgewachsen sind. Die Älteren haben für jüngere Mütter kaum Verständnis und jüngere, die noch keine Kinder haben, tönen, dass sie selbst schon als Einjährige in der Kita waren und das genauso machen würden. Kaum haben sie dann Kinder avancieren sie nicht selten zu "alleinerziehende Mutter" mit Kind unter 3, denen der Gesetzgeber Erhalt der Lebensstellung durch Betreuungsunterhaltsansprüche garantiert und denen er erzählt, dass Erwerbstätigkeit vor dem 4. Lebensjahr unzumutbar sei. Fr. Baerbock, werden Sie diese Behauptung richtig stellen?
Das Wissen um solche Rechte ist bei jungen Müttern an meinem Arbeitsplatz extrem gut ausgeprägt und wird genutzt. Plötzl. besteht gar nicht mehr das Interesse, früh wieder zu arbeiten und die einst so engagierte Vorreiter-Ostfrau mutiert zur Rundumversorgerin des Kindes in totaler Abhängigkeit von einem Mann und dessen Einkommen. Geheiratet wird eher selten und vllt. - um den Ton des Artikels aufzugreifen - hat das was damit zu tun, dass das in D keine Vorraussetzung mehr ist, um eine Wohnung zu bekommen oder, drei Jahre eben nicht arbeiten zu müssen und trotzdem für den eigenen Unterhalt gesorgt sein kann. Der Artikel spricht von gut ausgebildeten Frauen, was aber ist mit den anderen? Für die kann das Modell Mutter attraktiver sein als für zu wenig Geld zu arbeiten. Mütter in den Bundestag - ist okay. Aber bitte auch in andere Bereiche als Familie.