Du stellst ihm keine Fragen. Du sprichst ihn nicht an, wenn er dich nicht anspricht", sagt Kim Chol Ung. "Sollten wir ihm zufällig begegnen, so etwas kann passieren, dann verbeuge dich tief vor ihm. So tief, dass Rücken und Beine im rechten Winkel zueinander stehen. Rede ihn mit ›Eure Exzellenz‹ an. Wenn du dich dann aufrichtest und wieder emporblickst, wirst du in das Sonnenlächeln unseres Geliebten Führers schauen." Es sei ein tröstliches Lächeln, geerbt vom Vater und vom Großvater. Es gebe dem Land Hoffnung und Kraft, Millionen seien für dieses Lächeln den Heldentod gestorben.

Der neue Luxus von Pjöngjang: Klicken Sie auf auf das Bild für eine Fotostrecke © Martin Sasse

"Ein Heineken?", fragt Kim Chol Ung, der bewegt ist von seinen eigenen Worten. Er hebt sein Glas auf Nordkoreas Führer. Kim Chol Ung ist einer meiner zwei offiziellen Begleiter, mit denen ich an diesem Tag im Frühsommer auf dem Restaurantdeck eines neuen Ausflugsschiffes in Pjöngjang sitze. Prachtvoll und leer wie an jedem anderen Tag, seit der Geliebte Führer es bauen ließ, liegt das Schiff am Ufer des Taedong. Ich bin hierher gereist, um Nordkoreas neuen Herrscher, den "Marschall" und "neuen leuchtenden Stern", besser zu verstehen. Kim Jong Un. Über ihn ist nicht viel mehr bekannt als sein Name, dass er Mao-Anzüge trägt und den USA und der halben Welt mit der Auslöschung durch seine Atomraketen droht. Selbst sein Alter ist umstritten. Angeblich ist er 30.

Wer ist dieser Unbekannte, der 24 Millionen Menschen mit absolutistischer Gewalt regiert? Was hat er vor mit seinem Land?

Auf dieser Reise folge ich seinen Spuren, besuche Tag für Tag die Orte, die er besucht hat, studiere seine Taten und Werke. Deshalb sitze ich jetzt in diesem schwimmenden Palast und warte auf die Abenddämmerung.

Der Schiffsrumpf beginnt zu glühen und dann die ganze Stadt, die dunkelste der Welt, wie es bis vor Kurzem hieß. Noch vor zwei Jahren war sie auf Satellitenbildern ein schwarzes Loch. Bei meinem letzten Besuch 2005 sah ich nur wenige funktionierende Straßenlaternen. Pjöngjang war die Stadt ohne Strom. Doch nun ist Licht in der nordkoreanischen Metropole. Fenster für Fenster leuchtet auf.

Damals wirkte die Stadt wie ein orwellscher Albtraum, aus dem jedes private Leben verbannt schien. Plätze dienten Aufmärschen und sonst nichts. Für den Einzelnen war hier kein Raum, bloß für das Kollektiv. Jetzt durchbrechen immer mehr Glasbauten den gleichförmigen Beton, den Kim Jong Uns Vater und Großvater über die Stadt gegossen hatten. Abends erstrahlt die Skyline in bunten Neonfarben. Ein Propaganda-Schauspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Meine Begleiter sehen zu mir herüber und genießen den Moment.

"Es hat sich viel verändert", sage ich zu Kim Chol Ung. "Nein", entgegnet er harsch. "Es gibt keine Unterschiede zwischen dem jungen und dem alten Führer. Es gibt nur Kontinuität."

Die Demokratische Volksrepublik Korea ist nach wie vor einer der verschlossensten Staaten der Welt. Über kaum eine Nation ist im Ausland weniger bekannt. Der Fotograf Martin Sasse und ich gehören zu den ersten westlichen Journalisten, die seit dem Ausbruch der Krise im Frühjahr einreisen dürfen. In den zwei Wochen, die wir in Nordkorea verbringen, stehen wir unter unausgesetzter Beobachtung. Ich bin angehalten, in der Öffentlichkeit eine blaue Armbinde zu tragen, damit ich für jeden erkennbar bin – als würde ich als Westeuropäer nicht sowieso sofort auffallen. Ich bin niemals alleine. Das Hotelzimmer ist vermutlich verwanzt – bei meiner letzten Reise hatte ich Abhörgeräte in einer Kammer neben der Rezeption gesehen. Jemand hatte die Tür offen stehen lassen.

Von überall her schallt Marschmusik: Eine Stadt im patriotischen Taumel

Diesmal höre ich von Ausländern, die in Pjöngjang leben, im Mobiliar der Hotelzimmer seien Videokameras eingebaut. Meine Begleiter bitten mich freundlich, das Hotel nicht ohne sie zu verlassen. Das Gepäck wird in unserer Abwesenheit durchsucht, die Vorhängeschlösser am Koffer des Fotografen werden geknackt.

"Ich bin kein Aufpasser"

Unsere beiden Begleiter sind mit uns ins Hotel gezogen und wohnen auf derselben Etage. Den einen, O Jin Myong, 43, der sich gerne Jinny nennen lässt, kenne ich von meiner letzten Reise. Er hat in der DDR studiert, ist Sohn eines Professors für Lyrik und spricht fast tadellos Deutsch, seine Frau nennt er seinen "weißen Elefanten", er selber ist schmal wie ein Bleistift und stets zu einem Scherz bereit, nur nicht über den Geliebten Führer. O Jin Myong raucht Kette, Zigaretten der Marke Kohyang – "Heimat". "Wieso soll ich länger leben, wenn ich es dann nicht genießen kann", sagt er. Den Obersten Führer hat er bereits einmal gesehen, zufällig, mit einer Delegation wie unserer. Sie wollten im Stadtzentrum eine Parade besuchen, da sei er, dessen Name in den Staatsmedien immer fett gedruckt wird, aus einem Wagen direkt vor ihnen gestiegen. "Ein toller Moment", sagt O Jin Myong ohne die Hoffnung, dass ich seine Begeisterung nachempfinden kann. O Jin Myong hat es aufgegeben, Ausländer, die Nordkorea besuchen, von seiner Sache zu überzeugen. Jahrelang müht er sich nun schon mit ihnen ab.

Den zweiten unserer Begleiter, den Mann, der mir das richtige Verbeugen beibringen will, habe ich erst zu Beginn dieses Besuches kennengelernt. Kim Chol Ung ist 35 Jahre alt und ist als Diplomatensohn zum Teil in der Schweiz aufgewachsen. Kim hofft noch und erklärt kindgerecht. Er scheint noch zum Staunen fähig, ein Patriot durch und durch.

Beide tragen den Inminbok, was übersetzt Volkskleidung heißt: die hochgeschlossene Uniform der Nomenklatura. Ohne O Jin Myong und Kim Chol Ung wäre ich nichts. Sie übersetzen, verschaffen mir Zugänge in diesem unzugänglichen Staat, streiten für mich am Telefon, stellen Anträge.

"Ich bin kein Aufpasser", sagt O Jin Myong. Er sagt, er wolle nur helfen. Würde man etwas anderes schreiben, wäre er gekränkt.

Wer von Peking nach Pjöngjang fliegt, reist vom Jahr 2013 ins Jahr 102. Der Großvater des Marschalls, Kim Il Sung, hat eine neue Zeitrechnung begonnen und die Geburt Jesu durch sein Geburtsjahr 1912 ersetzt, das er zum Jahr 1 erklärte. Pjöngjang machte er zu seinem Jerusalem.

Der Zutritt zur Stadt ist streng kontrolliert. Bewohner der Provinzen dürfen sie nur mit Ausnahmegenehmigung betreten.

An keinem Tag ist es still in Pjöngjang. Immer schallen Marschmusik und Lieder von Sieg und Kampf und Opfertod aus den Lautsprechern. Ein verordneter patriotischer Taumel in allen Restaurants, Cafés und Metrostationen.

In diesem Land der Rätsel und Absonderlichkeiten lebt eine Frau, die viele Rätsel in sich vereint. Ihr Name: Ri Kyong Sim. Ihr Alter: 22. Ihr Beruf: Verkehrspolizistin. Der Geliebte Führer hat ihr Anfang Mai den Titel "Heldin der Republik" verliehen, die höchste Ehrung des Regimes. Im Staatsfernsehen war zu sehen, wie sie in ihrer tintenblauen Uniform vor Tausenden Funktionären die Auszeichnung entgegennahm, unter Tränen. Immer wieder wird in den Medien ihr Bild gezeigt. "Jeder kennt sie", sagt O Jin Myong, der auch weiß, dass sie seit ihrer Ehrung im 26. Stock eines der neuen Wolkenkratzer wohnt.

Ri Kyong Sim ist die zweitbekannteste Frau Nordkoreas, nach der Gattin des Geliebten Führers. Die Propaganda setzt sie als Symbol des sozialen Aufstiegs in Szene: eine einfache Bürgerin, die zur Heldin wurde. Ein Volk feiert eine Frau – und weiß nicht, warum.

Im Fitnesszentrum fragte Kim, ob auch Brustvergrößerungen gemacht würden

Sie habe sich um das "Zentrum der Revolution" verdient gemacht, heißt es in den Medien. Das Zentrum der Revolution bedeutet im offiziellen Sprachgebrauch so viel wie: der Führer selbst.

Ausländische Experten haben verschiedene Theorien entwickelt. Eine lautet, Ri Kyong Sim habe einen Attentatsversuch auf Kim Jong Un verhindert. Eine andere, sie habe nur ein Propagandaposter des Marschalls vor einem Feuer bewahrt.

Ich sage O Jin Myong, dass ich sie treffen möchte. Er will sich um einen Termin bei ihr bemühen. "Könnte klappen", sagt er.

Eine andere strahlende junge Frau erwartet uns am nächsten Tag vor einem schillernden halbrunden Glasgebäude. Auch sie ist, wie O Jin Myong, dem Marschall leibhaftig begegnet, und das ist sogar dokumentiert.

Über der Tür hängt ein rotes Schild mit goldener Schrift. Es weist darauf hin, dass Marschall Kim Jong Un diesen Ort am 8. September 2012 besucht hat. Ursprünglich sollten hier Bergbaumaschinen ausgestellt werden. Aber dann entschied der Geliebte Führer, dass Pjöngjang einen Wellnesstempel braucht, weshalb die junge Frau nun Leiterin des einzigen Fitnesszentrums in Nordkorea ist. Sie führt uns die Treppe hinauf, an vergoldeten Prunklüstern vorbei, und bemerkt meinen Blick. "Vor denen blieb der Geliebte Führer auch stehen. Er fragte: Wofür braucht man das?"

Überall im Fitnessclub hängen rote Schilder wie am Eingang. Kim Jong Un war hier. Wir folgen der Spur der Plaketten. Der Geliebte Führer hat all das gesehen, was ich nun auch sehe. Crosstrainer, Stepper, Ergometer teuerster europäischer Hersteller.

Die Beschriftung der Schilder unterscheidet sorgfältig, ob der Geliebte Führer ein Kraftgerät ausprobierte oder nur inspizierte. Die Sitze und Handgriffe, die er berührte, wurden nach seinem Besuch mit rotem Stoff bezogen.

Kim Jong Un habe angeregt, berichtet die Leiterin, vor jedem Kraftgerät einen mannshohen Spiegel anzubringen, damit man sich betrachten könne. Und so geschah es.

Jedes Wort dieses Mannes ist Gesetz. Seit den Tagen seines Großvaters herrschen Nordkoreas Führer durch sogenannte Vor-Ort-Anleitungen. Kim Jong Un absolviert an manchen Tagen vier davon. Stets an seiner Seite ist der Leiter des Guidance Department, des Amtes über allen Ämtern. Das Guidance Department protokolliert die Anweisungen des Oberhaupts und setzt sie in Direktiven um. Es ist der institutionalisierte Wille des Führers und besitzt die absolute Deutungsmacht.

Kim Jong Un hat seinem Volk Spaß verordnet

Mit der Kosmetikerin des Fitnesszentrums hat Kim Jong Un sich zehn Minuten lang unterhalten. "Ich war sehr aufgeregt", erzählt sie, während zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten zwei Damen bewegungslos auf ihren Pritschen liegen. Sie hat es damals auch dem Geliebten Führer erklärt – die Maschine links sprühe heißen Ozondampf auf das Gesicht der Frauen, das verhindere das Altern der Zellen. Aus dem Gerät rechts ströme blauer Ionendampf, der mache das Gesicht heller, was in Korea als attraktiver gilt. Kim Jong Un habe sie gefragt, was sie studiert habe und wo. Ob sie hier im Fitnesszentrum auch Brustvergrößerungen vornähmen. Ob sie auch von einer Maschine wisse, die Brüste nicht nur größer machen könne, sondern auch hängende Brüste wieder straff. "Was ist deine Meinung", fragte er sie, bevor er seinen Rundgang fortsetzte, "ist eine Frau schöner anzusehen, wenn sie sich zwar ihre Brüste vergrößern lässt, danach aber immer noch das gleiche Gesicht hat?"

Die Kosmetikerin, 34, errötet bei dieser Erzählung. Unter Kim Jong Il, seinem Vater, waren solche Dialoge undenkbar. Er galt als ernst und wortkarg.

Außer den beiden Damen sind kaum Besucher im Fitnesszentrum. Offiziell steht es jedermann offen, inoffiziell nur den Angehörigen der Elite. Und von ihnen wissen anscheinend nur wenige etwas mit den Kraftgeräten anzufangen. Zudem sind die Menschen zurzeit damit beschäftigt, Reis zu pflanzen. Schätzungen zufolge wird jedes Frühjahr die Hälfte der Stadtbevölkerung, quer durch alle Schichten, auf die Felder beordert, im Kampf gegen den Hunger. Noch immer sind 28 Prozent der Kinder und knapp zehn Prozent der gesamten nordkoreanischen Bevölkerung unterernährt.

Es geht den Nordkoreanern nicht gut, doch Kim Jong Un hat seinem Volk den Spaß verordnet, nach Jahrzehnten des Drills. Er investiert in neue Freizeitparks, kommandiert Zehntausende Soldaten zum Bau neuer Eislaufhallen und Schwimmbäder ab. Für ein Delfinarium ließ er eine hundert Kilometer lange Pipeline vom Westmeer ins Stadtzentrum von Pjöngjang verlegen. Damit die Tiere täglich frisches Salzwasser bekommen. In den Wohnvierteln ließ er Sportplätze, Volleyballfelder und Inline-Parcours anlegen, auf denen sich nun die Jugendlichen drängeln. Seit einem Jahr gibt es Rollerblades in Nordkorea, wo alles Westliche bis vor Kurzem als unmoralisch galt.

Woher plötzlich das Geld für all das kommt? "Weiß nicht", sagt O Jin Myong. Auch die Ausländer, die ich in Pjöngjang treffe und die hier seit Jahren leben, sind ratlos. Sie haben keine Ahnung, wovon der Marschall das alles bauen lässt, aber sie glauben zu wissen, wofür.

Der Geliebte Führer baut für die Elite Nordkoreas. Er baut um sein Überleben.

Jahrzehntelang lebte die Bevölkerung im Propagandaglauben, dass sie zu den wohlhabendsten Nationen zähle und alle ihre Nachbarn unter großer Armut litten. Dieser Glaube ist zerstört. Schmuggler, die Handel mit China treiben, und ausländische Spielfilme, die immer beliebter werden, lassen Informationen über die Außenwelt in die Volksrepublik sickern. Kim Jong Un muss den Kadern der Partei endlich das bieten, was sie unter einem Wirtschaftssystem wie in China und Südkorea längst hätten und irgendwann für sich einfordern werden. Luxus.

Das Tauwetter im Innern steht im harten Kontrast zur Eiszeit nach außen. Anfang März drohte Kim Jong Un den USA mit einem atomaren Erstschlag. Japan und die USA stellten Raketenbatterien auf, um sich vor Angriffen aus Nordkorea zu schützen. Südkorea und die USA ließen vor der Küste Flottenmanöver abhalten. Als Reaktion darauf drohte Nordkorea, den Süden in Flammen aufgehen zu lassen, sollte nur eine einzige Granate in seinem Gewässer niedergehen. Während wir im Land sind, feuert das Regime fast täglich Kurzstreckenraketen in Richtung Japan. Sogar China, der wichtigste Verbündete und der einzige, der dem Land neben Syrien und Laos blieb, schloss sich den UN-Sanktionen an. Anfang Mai fror China den Bankverkehr mit Nordkorea ein. Es signalisierte dem Geliebten Führer, dessen Antrittsbesuch in Peking eigentlich überfällig ist, er sei bis zur Klärung der Krise nicht willkommen.

Die Welt fragt sich: Was hat Kim Jong Un vor? Kurz nach den Raketentests und der Schließung der gemeinsamen Sonderwirtschaftszone mit Südkorea zeigt er sich plötzlich wieder versöhnlich, stimmt Verhandlungen zu, willigt Mitte Juli in die Wiedereröffnung der Wirtschaftszone ein. Eine Politik der Widersprüche. Welchen Plan verfolgt dieser Kim Jong Un für sein Land? Gibt es überhaupt einen Plan?

Stolz zeigt eine Ärztin modernste Computertomografen von Siemens

Am nächsten Morgen regnet es in der Stadt, unser Bus stiebt durch tiefe Pfützen. Die Fußgänger haben sich Plastikfolien über den Kopf gezogen. An den Straßenrändern knien Tausende Menschen und stutzen mit winzigen Sicheln frische Rasensämlinge, Halm für Halm. Eine Order des Marschalls. Kim Jong Un, erläutert O Jin Myong, sei mit dem alten "Goldrasen" nicht mehr zufrieden gewesen, weil er ihn als zu wenig grün empfand. Der neue Rasen ist vom Typ Penn A-1, die Staatsmedien schreiben über die "Penn-A-1-Kampagne".

Die Arbeit wird von den "Inminban" organisiert, den Volkskomitees, erklärt mir O Jin Myong. Die Inminban sind in Einheiten zu je circa 30 Familien organisiert. Sie sind in ihren Wohnblocks für die Müllentsorgung und die Sauberkeit der Treppenhäuser zuständig. Ihre Vorsteherinnen, und dies erzählt mir O Jin Myong nun nicht mehr, registrieren alle auswärtigen Besucher. Sie zeigen außereheliche Verhältnisse an. Sie kontrollieren, ob in den Wohnungen die Siegel von den Radiogeräten entfernt und südkoreanische Sender gehört wurden.

Unterricht im Imitieren der "Ewigen Sonne der Menschheit"

Als wir aus unserem Bus steigen, stoßen wir wieder auf rote Schilder. Wir lesen: Am 11. November 2012 betrat der Marschall das Brustkrebsforschungsinstitut. Er war schon zum zweiten Mal da. Auf Videos von diesem Tag wirkt Kim Jong Un wie ein wiedergeborener Kim Il Sung. Der Geliebte Führer trug einen Strohhut wie einst sein Großvater, er verschränkte die eine Hand hinterm Rücken und hob die andere, um die Blicke des Publikums auf das Wesentliche zu lenken wie sein Großvater. Er bewegte sich im Wiegeschritt und kippelte beim Sprechen mit einem Fuß auf der Ferse wie sein Großvater. Als habe er Unterricht im Imitieren der "Ewigen Sonne der Menschheit" genommen.

Im ersten Stock zeigt uns eine Ärztin modernste Computertomografen von Siemens. So modern, dass sie noch gar nicht richtig wüssten, wie damit umzugehen sei, gesteht sie. Die rote Plakette des Geliebten Führers hängt neben dem deutschen Firmenlogo. Er habe so viel wissen wollen, erzählt die Ärztin. Er habe gefragt, wie oft man Frauen auf Brustkrebs untersuchen solle, welche Frauen vorbelastet seien, ob Ledige gefährdeter seien oder ob es nur eine Frage des Alters sei. Die Mutter des Marschalls, Ko Jong Hui, eine ehemalige Tänzerin, soll mehrmals an Brustkrebs erkrankt und während der Behandlung 2004 in Frankreich gestorben sein.

Gerüchte. Wie das meiste, was über den Marschall bekannt ist. Seine Stimme klingt auf YouTube-Aufnahmen überraschend sanft und fast jungenhaft. Als er 2012 seine erste Ansprache auf dem zentralen Kim-Il-Sung-Platz hielt, wirkte er auf eine fast sympathische Art nervös. Sein menschenscheuer Vater, der oft Sonnenbrille trug, hatte zeitlebens angeblich nur ein einziges Mal zu seinem Volk gesprochen. Es gibt nur wenige Tonaufnahmen seiner Stimme.

Kim Jong Un soll etwa 1,80 Meter groß sein und um die 90 Kilo wiegen. Über sein Alter kursieren widersprüchliche Aussagen. Einige sagen, er sei 1983 geboren, doch nach offizieller Lesart kam er 1982 zur Welt. Möglicherweise wurde das Jahr angepasst, um die Ähnlichkeit mit dem 1912 geborenen Kim Il Sung zu unterstreichen.

Den Großteil seiner Jugend verbrachte Kim Jong Un mit zwei Geschwistern unter Decknamen in Internaten in der Schweiz. Es ist anzunehmen, dass er Deutsch spricht, Englisch und Französisch. Kim Jong Un ist Fan der US-Basketball-Liga und empfing den ehemaligen NBA-Star Dennis Rodman zum Besuch.

Den Palast an den Hängen Pjöngjangs, in dem Kim Jong Un offenbar seine Kindheit verbrachte, ließ er 2012 komplett abreißen, die Fläche wurde mit ausgewachsenen Bäumen bepflanzt. Auf Satellitenaufnahmen ist an der Stelle jetzt dichter Wald zu sehen. Der Grund für den Abriss? Ein Rätsel.

"Ich habe mit ihr gesprochen", sagt O Jin Myong am Abend. Er hat die Telefonnummer der geheimnisvollen Verkehrspolizistin herausgefunden und ihr meinen Interviewwunsch vorgetragen. "Sie hat gesagt, sie werde es sich überlegen."

O Jin Myong ist aufgeregt, auch er ist neugierig auf die Prominente.

Wie gern würde ich das Hotelgelände verlassen und einfach so mit den Leuten sprechen. Manchmal sitze ich morgens auf der Steinmauer am Parkplatz und überlege es mir. Ich stehe einfach auf und frage die Menschen, wie es sich wirklich lebt in diesem Staat. Was sie in Wahrheit von ihrem Geliebten Führer halten. Wie sie mit dieser ständigen Angst und dem allgegenwärtigen Misstrauen umgehen. Ob sie von den Konzentrationslagern und den 200.000 Insassen wissen, von den Folterungen und davon, dass die Polizisten weibliche Häftlinge systematisch missbrauchen. Vielleicht spricht ja der eine oder andere Englisch.

Das Hotelpersonal würde mich nicht aufhalten. Doch rasch würde ich von der Polizei oder vom Geheimdienst angehalten und nach Papieren gefragt werden. Sie würden meine Begleiter anrufen und sie bitten, mich auf einer Polizeiwache abzuholen. So ist es vielen Ausländern passiert.

Also bleibt es beim Morgenritual. Wir besteigen vor dem Hotel zu viert unseren 22-sitzigen Reisebus Marke Toyota Cruiser Deluxe. Kim Chol Ung nimmt neben dem Fahrer Platz, die Aktentasche mit den Genehmigungen legt er auf das Armaturenbrett. O Jin Myong sitzt eine Reihe hinter ihm, stellt einen Aschenbecher zwischen die Beine und wickelt das linke Hosenbein bis übers Knie hoch, er scheint das bequem zu finden. Er befüllt sein Feuerzeug mit Benzin des Herstellers Zorro Ultimative und raucht.

Bei meinem letzten Besuch in Pjöngjang fuhren so gut wie keine Autos auf den Straßen. Jetzt herrscht geradezu dichter Verkehr. Unser Fahrer flucht häufig, bremst überraschend, beschleunigt abrupt. Autos queren rücksichtslos, Fußgänger schauen sich nicht um. Alle müssen sich offenbar noch an den Verkehr gewöhnen. Durch die Busscheiben sehe ich viele chinesische Autos, die neuesten Mercedes-Modelle, vereinzelt Audi und BMW, viele mit schwarzen Militärkennzeichen.

"Woher kommt das Geld?", frage ich O Jin Myong wieder. "Weiß nicht", sagt er und sieht mir über seinen Brillenrand hinweg in die Augen.

Die Schattenwirtschaft hat die Staatswirtschaft im Reich der scheinbar absoluten Kontrolle längst überholt. Nach dem Zerfall des Ostblocks brach die Industrieproduktion in den neunziger Jahren um die Hälfte ein. Die Landwirtschaft zerfiel, es mangelte an Dünger, Strom und Diesel. Vermutlich eine halbe Million Koreaner starben zwischen 1995 und 2000 an Unterernährung, circa 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Um zu überleben, begannen die Landarbeiter, ungenutzte Flächen in privates Ackerland umzuwandeln, in So’to’ji , kleine und kleinste Felder. Bis unter die Gipfel sind die Berghänge urbar gemacht. Heute soll in den Provinzen knapp die Hälfte der Jahresernte von So’to’ji stammen.

Die Stadtbewohner reagierten auf die Krise mit dem halb legalen Aufbau privater Märkte. Experten gehen davon aus, dass mittlerweile 52 Prozent aller Läden und 60 Prozent aller Restaurants in Nordkorea privat finanziert sind. Tonju nennt man die neuen Geschäftsleute, "Meister des Geldes". Nur noch auf dem Papier unterstehen sie der jeweiligen Distriktverwaltung. Die wichtigste Währung Nordkoreas ist heute nicht mehr der Won, sondern der Yuan. Chinas boomende Wirtschaft sickert immer mehr nach Nordkorea ein. Seit dem Koreakrieg war Pjöngjang nicht mehr so abhängig vom großen Nachbarn.

Unter Kim Jong Il, dem Vater Kim Jong Uns, hatte der Staat noch versucht, die Privatwirtschaft unter seine Kontrolle zu bringen, zuletzt 2009 mit einer Währungsreform. Immer wieder scheiterte er. Kim Jong Un scheint den Kampf erst gar nicht zu versuchen, im Gegenteil. Es wirkt, als habe er die Liberalisierung nun selbst in die Hand genommen.

Der Kapitalismus im Reich der Kims ist eine schwere Geburt

Zu lange haben wir im Devisenrestaurant Sieg dem Getreideschnaps zugesprochen. O Jin Myong hat angeboten, heute einen Betrieb zu besuchen, der als Keimzelle des neuen Kapitalismus gilt, doch wir kommen eine halbe Stunde zu spät. "Koreanisches Sprudelwasser", sagt Kim Chol Ung zu dem 30-Prozentigen, der uns die Zeit hat vergessen lassen. Es gibt Schnaps zu Mittag, Schnaps zum Abendessen, der Fahrer trinkt zum Glück nur Bier. O Jin Myong krempelt im Reisebus das Hosenbein herunter und flucht. Am Betriebstor der "Kabelfabrik des 26. März" wartet der Chefingenieur und verbirgt seine Ungeduld nur mühsam.

O Jin Myong hat mich zuvor ins Bild gesetzt. Seit Dezember 2012 habe Marschall Kim Jong Un den Staatsbetrieben im Land freigestellt, die Löhne ihrer Beschäftigten selbst festzusetzen. Die Kabelfabrik habe damit begonnen und zahle gegenwärtig die höchsten Löhne in Nordkorea. Bis zu 140.000 Won, das sind 1.000 Dollar, verdiene dort ein Fabrikarbeiter im Monat – in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen 4.000 Won beträgt, knapp 30 Dollar. Andere Betriebe seien dem Beispiel der Kabelfabrik gefolgt und hätten den Verdienst auf umgerechnet mehrere Hundert Dollar erhöht.

Löhne wurden in Nordkorea bisher eher symbolisch gezahlt. Sie waren eine Art Taschengeld. Die meisten Dinge, die zum Leben gebraucht wurden – Wohnungen, Lebensmittel, Kleidung –, erhielten die Menschen über Gutscheine.

O Jin Myong kennt die Kabelfabrik gut. Der Chefingenieur und das Kulturkomitee des Außenministeriums, für das O Jin Myong arbeitet, haben beim Bau von Wohnungen für die neureichen Arbeiter geschäftlich miteinander zu tun. Unweit des Werksgeländes soll für anderthalb Millionen Dollar ein 25-stöckiges Hochhaus entstehen. Das Kulturkomitee soll ausländische Investoren werben. Deshalb ist O Jin Myong so interessiert daran, mir die Fabrik zu zeigen.

Ein geheimnisvoller britischer Anwalt, seit neun Jahren Gast in Suite 313

Der Chefingenieur führt durch die Produktionshallen und zeigt Kupferkabel, Aluminiumkabel, Glasfaserkabel. Nach dem Rundgang fällt er im Besprechungszimmer seufzend in einen Polstersessel – und bleibt stumm.

"Frag nicht direkt nach den Lohnerhöhungen", hatte O Jin Myong mir vorab geraten. Ich schaue meine Begleiter hilflos an. "Sag ihm, wie bedeutend sein Betrieb ist", rät O Jin Myong. Zögernd erzählt der Chefingenieur schließlich von den Reformen. Und davon, dass der Staat noch nie so viele Kabel von ihnen angefordert habe. Es werde ja überall so viel gebaut. "Wir haben 1.500 Mitarbeiter. Sie sind jetzt noch motivierter. Das ist doch die Natur des Menschen", sagt der Chefingenieur. Ein Satz, der ihn früher den Kopf gekostet hätte. Er lacht, legt den Kopf zur Seite, sieht sehr unglücklich und zugleich sehr stolz aus.

Der Kapitalismus im Reich der Kims ist eine schwere Geburt, doch O Jin Myong wirkt am Ende des Gesprächs geradezu beschwingt. Er will mir etwas zeigen. Er führt mich zu einem Grundstück neben der Kabelfabrik, auf dem das Hochhaus für die Arbeiter entstehen soll. Nebenan gibt es schon eine Investitionsruine. Ein Chinese wollte hier mehrere Wohnblocks errichten. Er hatte 300 Kleinwagen als "Geschenke" an Kadermitglieder ins Land geschickt, wurde dann aber wegen Korruptionsvorwürfen in China verhaftet.

O Jin Myong ist ganz in Unternehmerlaune. Das Kulturkomitee plant, ein deutsches Restaurant in Pjöngjang zu eröffnen. O Jin Myong liebäugelt mit der Paulaner-Kette als Partner.

Auch Kim Chol Ung, der zweite Begleiter, hat Pläne. Er will in Deutschland Volkswirtschaft studieren und hat dafür auch die Genehmigung seiner Vorgesetzten. Im Auftrag des Instituts für Seltene Erden versucht er Kooperationspartner in Deutschland zu finden. Ob ich vielleicht helfen könne? Eine Delegation von Bergbau-Ingenieuren besucht mich im Hotel. Zu sehr seien sie von China abhängig geworden, klagen sie. Die Chinesen zahlten ihnen nur einen Bruchteil der international üblichen Preise, weshalb sie sich jetzt direkt an europäische Kunden wenden wollten. Meinen Besuch betrachten sie als eine der raren Gelegenheiten, mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen. Das Kulturkomitee von O Jin Myong ist in diesen Monaten offenbar damit beschäftigt, ein Wirtschaftsnetzwerk aufzubauen, mit eigenen Einnahmen, eigenen Firmen, wie die Genossen in Chinas Kommunistischer Partei.

An diesem Abend ruft die geheimnisvolle Verkehrspolizistin O Jin Myong zurück. Sie bittet darum, ihr vorab unsere Fragen zu schicken. O Jin Myong strahlt.

"Du darfst nie deine Konzentration verlieren", schärft mir spätabends an der Hotelbar der Wirtschaftsanwalt Michael A. Hay ein. Meine Begleiter sind bereits ins Bett gegangen. Der Brite ist in meinem Hotel der einzige Ausländer aus dem Westen. Er lebt seit 23 Jahren in Pjöngjang und seit neun langen Jahren in Suite 313.

"Ich habe schon viele Ausweisungswellen überstanden", flüstert er. Er wisse auch nicht, was in den Köpfen der Koreaner vorgehe, aber er habe im Laufe der Jahre Antennen entwickelt, die ihn fühlen ließen, wann er "zu weit gegangen" sei.

Oft beginnt Hay einen Satz, bricht ihn ab und hebt bedeutungsvoll die Augenbrauen. "Richtmikrofone", haucht er mir ins Ohr. Einen Tisch weiter sitzt ein junger Mann, der uns demonstrativ anstarrt. Hay ist völlig betrunken, wie jedes Mal in diesen zwei Wochen, wenn ich ihn treffe. Er ist der einzige in Nordkorea zugelassene ausländische Anwalt. Viel zu tun hat er nicht, gegenwärtig bearbeitet er einen einzigen Fall, doch er hofft auf den Wirtschaftsboom. Darauf, dass Nordkorea eines Tages zu einem Joint-Venture-Eldorado wie China wird. "Und wer wird dann an diesem Tag schon da sein? – Michael A. Hay!"

Zu Besuch in der Kaderschmiede des Militärs

In der Hauptstadt der Geheimnisse ist auch der Anwalt geheimnisvoll geworden. Hay hat wenige Aufträge und schweigt sich darüber aus, wer ihn bezahlt, scheint aber nicht unter Geldmangel zu leiden. Sein großes Thema sind die Frauen. Er finge ja gern etwas Ernsthaftes an, er sei jetzt über 50, sagt er, es werde Zeit. Hay hat über eine Vermittlungsagentur zwei 40-jährige Kandidatinnen auf den Philippinen ausfindig gemacht, die will er demnächst besuchen. Er lebe wie im Kloster. Denn Ehen zwischen Nordkoreanerinnen und Ausländern seien bei Lagerstrafen verboten. Selbst Flirts würden bestraft. "Ich möchte auch nicht, dass Ausländer einheiraten", sagt mein Begleiter Kim Chol Ung am nächsten Tag beim Mittagessen. "Ich möchte nicht, dass wir unsere Identität verlieren wie die Südkoreaner. Wir wollen unsere Rasse rein halten. Wir im Norden sind die wahren Koreaner."

In den Propagandaschriften des Regimes ist häufig die Rede von der child race. Diese Rasse sei kindlich rein, unschuldig und deswegen sehr verletzlich. Daher brauche sie einen Führer, ihr höheres Ich, das all ihre wertvollen Eigenschaften verdichte. Nur mit der Hilfe dieses Führers könne die verletzliche Rasse überleben.

Zu Besuch in der Kaderschmiede des Militärs – Nordkoreas West Point

Schon zu Ostblockzeiten schottete Nordkorea sich ab, auch vom sozialistischen Ausland. Binationale Ehen wurden verboten, bereits geschlossene Verbindungen wieder gelöst.

Der nordkoreanische Staat ist nicht nur ein Relikt des Stalinismus. Seine ideologischen Wurzeln reichen noch weiter zurück. Die Idee der Reinheit der Rasse hatten die Nordkoreaner von ihrer einstigen Kolonialmacht übernommen: dem japanischen Kaiserreich. So wie die Japaner den Fuji zum heiligen Berg erhoben, machte Nordkoreas Staatsgründer Kim Il Sung den Vulkan Paektu zum Zentrum des Landes. Der Glaube an die eigene Einzigartigkeit ist ein wichtiger Grund, warum das Regime des "kindlichen Kaisers" so lange bestehen konnte. Seine hartleibige Existenz lässt sich nicht nur mit Angst und Unterdrückung erklären.

O Jin Myong hat die Fragen an die Verkehrspolizistin geschickt. Wir haben uns auf harmlose Fragen geeinigt, die die 22-Jährige nicht erschrecken sollen. Zum Beispiel: Macht Ihnen der Beruf noch große Freude? Wie muss der Mann aussehen, den Sie heiraten wollen? Letztere Frage war O Jin Myongs Idee.

In unserem Reisebus nehmen wir ein weiteres Mal die Spur des Marschalls auf. Wir fahren dorthin, wo die Führung dieses Militärstaates geformt wird. An nur wenigen Orten liegt das Selbstverständnis von Nordkoreas Generälen so offen wie in der Manyongdae-Revolutionsschule.

Es handle sich um ein Internat für Waisenkinder, sagt O Jin Myong, als der Bus durch das Tor fährt. Er ist ein Meister der Untertreibung. Dieser Ort ist eine der wichtigsten Kaderschmieden des Militärs, die nordkoreanische Version von West Point. Kim Jong Il hat hier während des Koreakrieges einen Teil seiner Kindheit verbracht.

"Wir mögen Journalisten eigentlich nicht", sagt der Offizier Kim Sun Taek zur Begrüßung und lächelt. Vor zehn Jahren hätten sie letztmals Reporter aus dem Westen empfangen.

Die Schule besteht aus vier tempelartigen weißen Gebäuden. 900 Jungen werden hier unterrichtet. Es heißt, ihre Eltern seien im Einsatz für die Revolution gestorben. Mit elf Jahren kommen die Schüler hierher und bleiben, bis sie 19 sind.

"Kinder, seid nicht traurig", tröstet ein Zitat von Kim Il Sung, das groß über dem Haupteingang prangt. "Ich bin jetzt euer Vater."

Kolossal steht dieser Vater mit seinem Sohn Kim Jong Il auf einer gewaltigen Freitreppe über ihnen. Ein Kunstwerk, elfeinhalb Meter breit, vier Meter hoch, fünf Kinder aus Bronze drängeln sich sehnsüchtig an die Führer.

Der Offizier, der keine Journalisten mag, führt uns eine Stunde lang durch leere Räume. In den Schlafsälen stehen Doppelstockbetten mit Matratzen, hart wie Bretter. Jeweils am Kopfende liegen zwei Wolldecken und ein Laken. Zahnputzbecher und Plastiksandalen werden in zwei Kommoden aufbewahrt. "Wo haben die Kinder ihre privaten Sachen?", frage ich. "In dieser Schule leben die Kinder nicht einzeln", antwortet der Offizier, "sie leben im Kollektiv." Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Wir. Die Kinder, die nicht traurig sein sollen, besitzen weder Spielzeug noch Teddybären, nur die Uniform, die sie am Leib tragen.

Für fünf Minuten wird mir der Blick auf eine Schulklasse gestattet. Kahl geschorene Zwölfjährige beugen sich über Mathe-Gleichungen. Einmal zieht eine Gruppe von Schülern, die vom Musikunterricht kommt, über den Sportplatz zur Kantine. Auf einem Flur stehen sieben Jungen in einer Reihe und grüßen militärisch stramm. Die Pausenwache. Auch die Jüngsten tragen Uniformen mit Rangabzeichen. Zwei Balken für den Klassensprecher, einen für seinen Stellvertreter.

Die künftigen Generäle werden in acht Fächern unterrichtet, etwa im "Studium der revolutionären Geschichte der großen Führer". In einigen Klassenzimmern stehen Panzermodelle in Originalgröße. Die Kinder lernen, wie sie mit der Panzerfaust und mit dem Granatwerfer umgehen.

Das vielleicht Erstaunlichste an der Waisenschule ist, dass die meisten Jungen in Wahrheit gar keine Waisen sind. Meist ist nur der Vater gestorben, bei einem Arbeits- oder einem Verkehrsunfall. Trotzdem, sagt der Offizier, seien Besuche der Mütter in den neun Schuljahren nicht gestattet. "Wozu sollte das gut sein?", fragt er. "Es fehlt den Kindern an nichts. Sie haben die Liebe des Führers."

Als Kim Jong Un die Schule besuchte, erzählt der Offizier, habe er eine geplante Theateraufführung der Schüler verhindert. "Es ist schon spät", soll er gesagt haben, "schickt sie zum Spielen."

Ausländische Beobachter glauben, dass hinter den Kulissen ein Machtkampf zwischen Partei und Militär tobt. Kim Jong Un hat drei Verteidigungsminister in Folge entlassen. Jedes Mal ohne Begründung. Den letzten, der im Mai dieses Jahres gehen musste, hatte er erst sechs Monate zuvor ins Amt gehoben.

"Hier sieht man ja gar nichts"

Angeblich verschiebt der junge Marschall die Gewichte zugunsten der Partei. Es wird geschätzt, dass Nordkorea bisher 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Unterhalt der Armee verwendete. Mit 1,2 Millionen Soldaten zählt sie zu den größten der Welt. Kim Jong Uns Vater hatte die Losung "Militär zuerst!" ausgegeben. Offenbar bricht der Sohn mit dieser Linie, auch wenn das, denkt man an das Atomprogramm, auf den ersten Blick paradox erscheint.

"Wir sind durch unsere Nuklearstreitkräfte unantastbar geworden", sagt Ryu Kyong Il, Europadirektor des Kulturkomitees und hochrangiger Vertreter des Außenministeriums. Wir treffen ihn zum Abendessen in O Jin Myongs Stammkneipe. Vor uns brutzelt Fleisch auf heißen Steinplatten, und Ryu fordert uns auf, uns freizumachen, wie es üblich ist, damit kein Öl auf die Kleidung spritzt. Wir ziehen unsere Anzughemden aus und sitzen fortan schwitzend da, in T-Shirt und Unterwäsche. O Jin Myong und Kim Chol Ung werden später noch Karaoke singen. Ryu wird sich darauf beschränken, begeistert Beifall zu klatschen.

"Wir haben gesehen, was mit Gaddafi geschah, als er seine Nuklearpläne aufgab", doziert Ryu. "Wir wären dumm, täten wir dasselbe."

Ryu hat in China studiert, ist konziliant, spricht gutes Englisch. "Die USA werden lernen, zu akzeptieren, dass wir Atomwaffen haben", sagt er. Geschützt von den Atomwaffen, könne Nordkorea jetzt Geld, das ansonsten für das Militär ausgegeben worden wäre, für den zivilen Aufbau verwenden.

Das Argument kennt man aus den Staatsmedien, vor zwei Monaten ist es dort zum ersten Mal aufgetaucht. Die Propaganda verkauft die Atombombe als Konjunkturprogramm.

Gibt Kim Jong Un den Generälen die Nuklearwaffe, um ihnen so viel wie möglich nehmen zu können?

Die Stunden des ständigen Überwachtwerdens und Überwachens zehren an den Nerven. Unsere Begleiter und wir reagieren immer gereizter aufeinander. "Ihr kennt die Regeln!", herrscht O Jin Myong den Fotografen an, der auf der Straße ein Bild machen will und übersehen hat, dass zwischen den Passanten Uniformierte sind, die man nicht fotografieren darf. Verboten sind auch Bilder von überfüllten Bussen, von den viele Hundert Meter langen Warteschlangen vor den Haltestellen. Verboten sind Bilder von Bauern, die mit dem Ochsenpflug die Äcker bestellen. Verboten ist es auch, Porträts des Geliebten Führers so abzufotografieren, dass Reflexionsstreifen das Bild verfremden. "Das habe ich dir schon tausendmal gesagt", zischt O Jin Myong in angespannten Situationen. Wie in einer schwierigen Ehe ist dann lange Schweigen zwischen uns.

Die Verkehrspolizistin sagt ab. O Jin Myong verspricht noch einmal pflichtschuldig, er werde es weiter versuchen. Doch unsere Zeit in dem rätselhaften Land ist vorbei. Den Geliebten Führer haben wir nicht gesehen, aber immer gespürt.

Es gab Momente auf dieser Reise, in denen die Fassade der Propaganda plötzlich aufbrach und das Leben durchschien, für einen Augenaufschlag nur, für einen Satz.

Im Zoo sind wir einem alten Mann begegnet. Wir schauten uns durch dickes Glas die Fische im trüben Aquarium an. Da drängte sich der Alte an uns heran und redete erregt auf mich ein. Schnell zog Kim Chol Ung mich von ihm weg.

"Was hat er denn gesagt?", wollte ich wissen.

Kim Chol Ung verzog das Gesicht und übersetzte dann doch: "Er hat gesagt, hier sieht man ja gar nichts."