Auch wer nicht an Gott glaubt, wird von den Worten des Papstes berührt gewesen sein. Da stand Franziskus auf der kleinen italienischen Insel Lampedusa, die man deshalb kennt, weil Jahr für Jahr Tausende Flüchtlinge aus Afrika dort stranden und Jahr für Jahr Tausende Flüchtlinge dies Ziel erst gar nicht erreichen. In den letzten Jahrzehnten sollen 20.000 auf ihrer Flucht ertrunken sein. "Wer ist der Verantwortliche für das Blut dieser Brüder und Schwestern?", fragte Franziskus.

Ja, wer eigentlich? Ihre Regierungen, die Kriege führen? Die Menschenschlepper, die sie ohne Trinkwasser in löchrige Boote setzen, wissend, dass sie vielleicht untergehen werden? Die Flüchtlinge selbst womöglich, weil sie sich und ihre Familien auf so eine Todesreise schicken? Franziskus’ Antwort tat weh: In einer Welt der Globalisierung seien wir in die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" geraten. Wer verantwortlich sei? "Niemand! Wir alle antworten so: Ich bin es nicht, ich habe nichts damit zu tun, es werden andere sein, sicher nicht ich."

Dieses System, in dem Bürokraten doch nur geltende Gesetze befolgen, hat in Europa einen Namen: DublinII heißt es, beschlossen auf einem Treffen der Innenminister in der irischen Hauptstadt vor zehn Jahren. Vor Kurzem wurde DublinII reformiert – aber man hat eine Chance vertan, ein System der Verantwortungslosigkeit zu ändern. Denn der Kern des Abkommens bleibt gleich: Flüchtlinge müssen in der EU dort ihren Antrag stellen, wo sie zuerst ankommen. Reist ein Afghane über Ungarn nach Österreich ein, erklären sich die Österreicher für nicht zuständig.

Nun könnte man einwenden, dass daran nichts Falsches sei: Lasten muss man doch verteilen, ein Land wie Österreich oder Deutschland ist nicht unendlich reich, und schon gar nicht kann es jeden aufnehmen, der herkommen will. Und wer wirklich um sein Leben bangt, dem wird ein Abschiebelager in Ungarn schon recht sein. Wir sind es ja nicht, die die Flüchtlinge so schlecht behandeln. Es werden andere sein.

Aber erstens sucht keine Flüchtlingsflut Europa heim: 44 Millionen Flüchtlinge gibt es weltweit, eine viertel Million sucht Asyl in der EU. Zweitens ist das europäische Asylsystem kompliziert. Dass eine Familie, die gerade aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, versteht, warum sie frühmorgens von der Polizei abgeholt und nach Ungarn gebracht wird, ist unwahrscheinlich. Drittens ist es ungerecht: Ausgerechnet die reichen Länder schieben ihre Verantwortung auf die ärmeren ab, nämlich die an der EU-Außengrenze.

"Herrschaft des Niemand" nannte die Philosophin Hannah Arendt die Staatsform der Bürokratie. "Verantwortliche ohne Namen und Gesicht" nennt sie der Papst – und meint uns alle. Die Folgen sehen so aus: In Belgien wird ein Afghane nach Griechenland abgeschoben, denn von dort war er eingereist. Die belgischen Behörden wissen, wie die Zustände für Flüchtlinge in Griechenland aussehen: Sie werden obdachlos oder werden in Gefängnissen eingepfercht. Doch die Belgier erklären sich für nicht zuständig – siehe DublinII. Bis der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schließlich beide Länder, Griechenland und Belgien, wegen "Verletzungen des Verbots unmenschlicher und erniedrigender Behandlung" verurteilt.

In Italien hausen geflohene Afrikaner auf der Straße und werden dorthin zurückgeschickt, sobald sie weiterreisen. Die Slowakei hat selbst während zweier blutiger Tschetschenienkriege, trotz Tausender Anträge nur elf Tschetschenen als Flüchtlinge anerkannt. Und immer wieder werden in Europa Familien auseinandergerissen, weil die Behörden bei der Abschiebung nur den Vater antreffen und lieber nur ihn mitnehmen als niemanden. In Ungarn werden Flüchtlinge eingesperrt, in Polen steckt man auch Kinder in "Verwahrungszentren", die Knästen gleichen.

Die europäischen Regierungen haben über Jahrzehnte ein System geschaffen, das immer besser darin wird, Flüchtlinge abzuhalten. Die Organisation Frontex, geschaffen, um die Außengrenzen der EU zu bewachen, hat 2005 ein Budget von knapp sechs Millionen Euro gehabt – sechs Jahre später beträgt es über 80 Millionen. Ihre Beamten patrouillieren auf dem Mittelmeer oder an der Grenze zur Ukraine, sie können illegalen Flüchtlingen die Einreise verdammt schwer machen, aber sie können nicht alle aufhalten. "Wenn Leute kommen wollen, dann werden sie es schon irgendwie hinkriegen", sagte vor zwei Jahren der Leiter von Frontex. "Wir können sie nicht erschießen."

Aber wir lassen sie ertrinken. Wer Flüchtlingen an die Küste hilft, könnte des Menschenhandels bezichtigt werden. Also weichen die großen Schiffe den Booten aus. Denn niemand will verantwortlich sein.