DIE ZEIT: Mr. Tennant, Mr. Lowe, auf Ihrem letzten Album klangen Sie wie zwei Disco-Melancholiker, die sich zu elegischen Rhythmen Gedanken über das Verrinnen der Zeit machen. Jetzt rattern plötzlich wieder die Beats. Was ist passiert?

Neil Tennant: Das wissen wir auch nicht so genau. Immer wenn wir in die eine Richtung gehen, entsteht automatisch etwas, das in die Gegenrichtung führt. Nach der nachdenklichen Phase mit dem Album Elysium schlug das innere Pendel diesmal eben wieder in Richtung Dancefloor aus. Es ist ein Pet-Shop-Boys-Naturgesetz, wir können nichts daran ändern.

ZEIT: Wollten Sie dem Alterswerk noch einmal entkommen?

Tennant: Nein, wir sind so alt, wie wir sind.

Chris Lowe: Oder älter.

Tennant: Es stimmt aber, dass wir mit dem neuen Album Electric eine Menge Ballast abgeworfen haben. Es gibt weniger Text. Die Songstrukturen sind viel freier.

Lowe: Nicht immer nur Strophe, Refrain, Strophe, sondern ein durchgehender Flow.

Tennant: Wir sind auf unsere alten Tage experimentell geworden! Wie gesagt, geplant war das nicht, es ist einfach passiert, doch wenn uns während der Produktion etwas vorschwebte, dann war es die elektronische Tanzmusik der frühen Achtziger. Ich liebe diese sanft pulsierenden Basslinien, die kleinen Discoglöckchen, den Raum, den die Musik sich nimmt. Bei Axis, dem Eröffnungsstück, habe ich an die frühe Madonna gedacht: (haucht) "Turn it on! Electric energy!" Mit etwas Hall drüber ist das genau der Sound.

ZEIT: Das hört sich nicht nach Aufbruch an, sondern nach Wissenschaft: Disco mit Fußnoten.


Tennant:
Wirklich? Nun, es gibt jede Menge Referenzen auf Electric, in den Texten genauso wie in der Musik. Wenn man das konsequent durchgehen und Stück für Stück aufführen würde, käme tatsächlich ein riesiger Anmerkungsapparat zusammen. Falls Sie also auf so etwas abfahren, bitte. Uns ging es bloß darum, den Pionieren der Dance Music unseren Tribut zu zollen, Leuten wie Patrick Cowley, der große schwule Dancefloor-Hymnen geschrieben hat, oder Donna Summer. Donna, wir werden dich immer in Ehren halten!

ZEIT: Sind Sie inzwischen mehr Kuratoren als Musiker?

Tennant: Nein. Wir sind immer noch auf der Seite der Künstler.

ZEIT: Was ist aktuell geblieben am Sound der frühen Achtziger?

Tennant: Die Wärme, die er ausstrahlt. Das mit nichts zu vergleichende Gefühl, Teil einer tanzenden Menge zu sein. Die unkomplizierte Art, Spaß zu haben, indem man alles andere für einen Moment aufgibt. Die Befreiung vom Alltag durch die Musik... Chris, hab ich was vergessen?

Lowe: Als wir das erste Mal nach New York kamen, waren die Radiostationen steif und weiß. Mit Disco hat sich das alles verändert.

Tennant: Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass die Bee Gees einmal uncool waren. Aber das waren sie damals: Witzfiguren in zu engen Hosen.

Lowe: MTV weigerte sich, Videos von Diana Ross zu spielen!