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Auf den allerersten Blick wirkt das Sujet des neuen Buches von Peter Schneider recht konventionell. Schneider, Jahrgang 1940, beugt sich über die Zeit der eigenen Kindheit. Eine Idee, die nicht wenigen Schriftstellern an der Schwelle zum Alter in den Sinn kommt. Und nicht wenige Bücher, die sich dieser Idee verdanken, beginnen damit, dass der Autor Erinnerungsmaterial hervorkramt. In der Regel Fotos oder Briefe. In der Regel befinden sie sich in einem Schuhkarton. Man könnte es die Urszene jener autobiografischen Kindheitsprosa nennen, an der die deutsche Literatur wahrlich keinen Mangel leidet.

Natürlich ist das einem erfahrenen Schriftsteller wie Peter Schneider bewusst. Dennoch beginnt sein Buch mit der Schuhkarton-Episode – aus gutem Grund. Denn die Briefe, die Schneider jahrzehntelang aufbewahrte, bei jedem Wohnungsumzug mitschleppte und doch nie in die Hand nahm, diese Briefe werden nicht als dramaturgisches Alibi bemüht. Sie sind der Anlass des Buches selbst. Es heißt Die Lieben meiner Mutter, und es behandelt keineswegs Kindheitserinnerungen mehr oder weniger konventioneller Art. Es berichtet von der Annäherung an eine fremde Frau, es ist der Versuch des Psychogramms einer Unbekannten: der eigenen Mutter. Sie starb, als Peter Schneider acht Jahre alt war, im Jahr 1948. Das Bild, das sie in seinem Gedächtnis hinterließ, ist matt, fast nichtssagend. Und das Interesse an ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft, am Konvolut ihrer Briefe, fand im Lauf eines umtriebigen Schriftstellerlebens keinen Raum. Mag sein, dass Peter Schneider sich auch scheute, die Briefe zu lesen, weil er die Herausforderung, ja den Schock erahnte, der ihm aus ihrer Kenntnis erwuchs.

Jetzt liest er sie. Und begegnet einem Frauenleben, das mit den tragischen Schicksalen einer Anna Karenina oder einer Emma Bovary weitaus mehr zu tun hat als mit der Mütterideologie des Nationalsozialismus. Tragisch, weil die Mutter nach einer frühen Heirat kurz nacheinander vier Kinder bekam und damit heillos überfordert war. Tragisch, weil diese Überforderung durch den Zweiten Weltkrieg, die Flucht von Sachsen nach Bayern in den Jahren 1944/45, durch auszehrenden Hunger, durch wiederkehrende Unterleibserkrankungen ins schier Unmenschliche gesteigert wurde. Tragisch, weil die Mutter für den Stau ihrer Sehnsüchte und ihres unbestreitbaren künstlerischen Potenzials inmitten ihres verhinderten Lebens nur ein einziges Ventil fand: die Amour fou, die Verausgabung an ebenso leidenschaftliche wie übersteigerte Männergeschichten.

Vor allem um einen Mann geht es. Er heißt im Buch Andreas. Er ist der Hauptadressat der Briefe und der Kollege und beste Freund des Ehemannes Heinrich. Über Jahre hin, von den späten dreißiger Jahren bis nach 1945, lebt die Mutter in einer zermürbenden Ménage-à-trois, die verblüffend unbürgerlich auch insofern war, als sie ohne Lügen und Heimlichtuerei auskam.

Heinrich, ein Dirigent und Komponist, ist bis in jedes Detail über das Auf und Ab der Affäre mit dem politisch geschmeidigeren Opernregisseur Andreas informiert, der die Geliebte am ausgestreckten Arm verhungern lässt. In der Nachkriegszeit reüssiert Andreas in Hamburg als Intendant, erntet Ruhm und Erfolg. Da lebt Peter Schneiders Mutter schon nicht mehr. Ihre Todesursache hat keinen Namen. Sie starb, schreibt der Sohn, wohl an Erschöpfung, an einem Seelenzustand, auf den er nur zögerlich den medizinischen Begriff Depression anwendet. Sie starb, denkt man beim Lesen seines Buches, wohl auch an der tragischen Fallhöhe zwischen Lebensillusion und Lebenswirklichkeit.

Schneider zitiert die teils poetisch berückenden, teils pathetisch schwer überspannten Liebesbriefe der Mutter nur passagenweise. Sie sind das Zeugnis einer glücklosen Glücksabsolutistin, wie kein Romanautor sie besser hätte erfinden können. Obwohl der Sohn durch die Fundstücke vieles erfährt, was er jahrzehntelang nicht wusste, bleibt die Mutter für ihn doch ein Rätsel, für das die Briefe ein schönes Sinnbild liefern. Denn sie sind in Sütterlinschrift verfasst, die Schneider nicht lesen kann. Eine Bekannte hilft ihm beim Entziffern und beim Verkraften des Briefinhalts. Der ruhige Ton ihrer Kommentare kontrastiert den ruhelosen, ja hysterienahen Ton der Mutter.

Dies ist eines der mit souveräner Hand eingesetzten literarischen Mittel, die zum Gelingen dieses Buches beitragen. Dass es aus dem Wust der Autobiografien weit hinausragt, hat aber noch einen anderen Grund: seine exemplarische Bedeutung. Peter Schneider erzählt hier vom Fall eines Liebeswahns. Aber so privat, so persönlich diese Geschichte auch ist, so unverkennbar vollzieht sie sich im Schatten des politischen Wahnsystems der NS-Zeit. In dieser Verknüpfung eines Einzelfalls mit historischer Zeitgeschichte liegt die Leistung autobiografischer Literatur. Vielleicht ist es doch so, dass ein Autor dafür ein gewisses Alter erreichen muss.