Man sieht ihn gerade ständig im Kino und auf Plakaten, was all die Menschen sehr schätzen, die bei seinem Namen begeistert aufkreischen oder immer so merkwürdig über ihn reden, als hätten sie intim mit ihm zu tun. Die Zahl dieser Menschen, der Bewunderer Ryan Goslings also, wächst in diesen Tagen rasant. Das ist schwer zu verstehen, wenn man ihn das erste Mal sieht. Auf den ersten Blick ist das blonde Kumpelgesicht des Hollywoodschauspielers entweder leer oder unergründlich. Man würde ihm alles glauben, weil sich alles hineinlesen lässt. Seine etwas eng stehenden Augen, die sauberen, geraden Züge sind so harmlos hübsch, dass im Kino manchmal höhnisch gelacht wird, wenn er wieder einmal schrecklich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Genau das geschieht in Ryan Goslings Filmen oft und mit heftiger Gewalt. Durch seine vorbildliche Physis, diesen plastischsten Körper des Gegenwartsfilms, strömen widerstandslos Schläge, Ratlosigkeit, Liebe, ungefilterte Wahrnehmung und viel rotes Blut. So muss eine Ikone des Zeitalters von körperlosem Verkehr und chirurgisch regulierten Bodys aussehen.

Denn Ryan Gosling ist kein Charakter, sondern die ultimative Nullstelle. Er ist unser aller unendlich formbarer, aber immer noch aufs Neue schmerzender und blutender Körper. Insofern ist es bezeichnend, dass jetzt zwei Filme mit einer Einstellung anfangen, in der man ihn von hinten sieht, während er lässig irgendwo langgeht. Wie in The Place Beyond the Pines beobachtet man auch in Only God Forgives, der diese Woche ins Kino kommt, Goslings Nacken im Halbschatten und denkt, man müsste in ihn hineinkriechen und aus seinen Augen schauen, um zu verstehen, was eigentlich los ist.

Goslings Körper bedeutet erst einmal nichts, außer seine eigene, erdschwere Anwesenheit. Deshalb spielt der 32-Jährige oft Figuren, die sozial wenig zu verlieren haben. Meist tragen diese mit kleinen Verbrechen befassten Proleten so heruntergekommene Klamotten, dass er wie nackt wirkt. Und doch gibt es etwas Ähnliches dann bald in allen Läden zu kaufen.

Gosling war der saufende Anstreicher mit fiesen Geheimratsecken in Blue Valentine, in Gangster Squad ein kleiner Cop mit Fistelstimme, der einem Mafiaboss die Freundin ausspannt. In seinem bisher größten Erfolg Drive spielte er den archetypischen Mann ohne Namen, der kaum spricht, aber sehr gut Auto fahren kann. Erzählt wurde eine rührende Liebesgeschichte, die plötzlich in krasse Gewalt mündete, wofür es keine vernünftige Erklärung gab. Das Bindeglied war allein Goslings Körper, dem unheimlicherweise beides gleich selbstverständlich schien. Hinzu kam ein Soundtrack, dessen Songs zu Hits wurden, Slogans dieser archaischen Körperlichkeit, die daraufhin in allen Bars und Autoradios liefen.