SchlafkissenSiesta in Plüsch

Ein Schlafsack für den Kopf garantiert Ruhe auf Reisen – und jede Menge Aufmerksamkeit von Christine Dohler

Und wie stülpt man sich den Strauß jetzt über? Vor mir liegt eine graue Haube, das sogenannte Ostrich Pillow, zu deutsch: Straußenkissen. Es hat drei Öffnungen, zwei an den Seiten und eine in der Mitte. Damit ich noch Luft bekomme in dem plüschigen Sack, drehe ich das mittlere Loch intuitiv auf Mundhöhe. Drinnen ist es weich, warm und still. Wenn ich den Kopf auf einer Tischkante ablege, kann ich die Hände in die seitlichen Öffnungen stecken und habe meine Ruhe. Nur die Tatsache, dass ich mit dem Kissen auf dem Kopf nichts mehr sehen kann, macht mich ein bisschen nervös.

Zwei Designer haben das Kissen als Schreibtischschlafsack entwickelt, zum powernapping, der kurzen Auszeit am Arbeitsplatz. Auf die Idee gebracht hatte sie ein Kollege. Der pflegte sich für sein Nickerchen im Büro ein T-Shirt gewissermaßen falsch herum über den Kopf zu ziehen und die Hände von außen in die Ärmel zu stecken. Wer allerdings bei einem Unternehmen ohne etablierte Pausenschlafkultur arbeitet, wird mit diesem Ding mehr Aufregung als Entspannung produzieren. Also nehme ich das Kissen mit auf meine Urlaubsreise. Da kann man ja auch manchmal Ruhe brauchen.

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Der Steward auf dem Flug von Hamburg nach Barcelona blickt immer etwas hilflos drein, wenn er an mir vorbeiläuft – zumindest berichtet das später meine Reisebegleiterin, ich selbst sehe schließlich nichts. Vermutlich überlegt er, ob so ein Schlafhilfsmittel an Bord überhaupt erlaubt ist. Oder ob ich, gut getarnt, ein Attentat plane. Mit diesem Kissen bietet tatsächlich jeder einen kaum zumutbaren Anblick. Wer will schon Tiefseetauchern oder plüschigen Aliens in der Öffentlichkeit begegnen. Zudem vermitteln Straußenkissenträger den Eindruck, vollständig abgetaucht zu sein. Besonders sozial ist das nicht.

Ich dämmere für eine gute Stunde weg. Läge ich jetzt auf einer Parkbank und wachte nicht meine Begleiterin über meinen Schlaf, könnte man mir jetzt seelenruhig alle Sachen klauen. Als ich aufwache und das Kissen vom Kopf ziehe, sehe ich wahrscheinlich aus wie ein gerupftes Huhn. Die Sitznachbarn scheint mein konsequenter Rückzug befremdet zu haben. Schon während ich das Kissen wie ein totes Tier aus dem Handgepäck zog, tuschelten zwei Herren in der Nebenreihe verächtlich. Meine Freundin beobachtete allerdings auch, wie sie Beweisfotos knipsten. Offenbar betrachteten sie mich als eine besonders schräge Urlaubsimpression.

Andererseits: Gibt es nicht noch viel blamableres Reisegebaren? Menschen zum Beispiel, die sich T-Shirts um den Kopf wickeln, um der Zugluft der Klimaanlage zu trotzen, oder solche, die Schlafmasken mit Slogans wie "Do not disturb" tragen – von den zahllosen offenen Mündern und schlackernden Köpfen schlafender Menschen ganz zu schweigen. So schnell werde ich mich jedenfalls nicht entmutigen lassen.

Auf der Weiterreise wird mein Testobjekt immer dann nützlich, wenn sich eine von uns mal komplett absondern möchte: In Barcelona erbittet meine bisher skeptische Freundin nach einer viel zu großen Portion Mittagessen plus Eis den Strauß. Sie legt ihren Kopf zwischen die leeren Teller und Zeitschriften auf unserem Cafétisch und schläft sofort ein. Unterdessen komme ich mit unseren spanischen Tischnachbarn ins Gespräch, die schon seit einiger Zeit herübergeschaut haben – neugierig, aber nicht verständnislos. Das liegt zum einen daran, dass sie die urspanische Siesta-Tradition respektieren, zum anderen sehen sie das Ostrich Pillow nicht zum ersten Mal. Es wird ja in Madrid hergestellt. Während meine Freundin schläft, lasse ich mich von den Spaniern mit Insidertipps versorgen. Als sie verschwitzt wieder aufwacht, weiß ich längst, wo wir heute Abend Tapas essen werden. Und das haben wir, wenn auch indirekt, nur unserem Kissen zu verdanken.

Auf dem Rückflug bin ich wesentlich entspannter. Schon in der Abflughalle schert sich niemand um die Frau mit der Monstermütze. Trage ich sie inzwischen vielleicht mit einer souveräneren Haltung? Ein deutscher Anzugträger rauscht mit Business-Trolley vorbei und spricht etwas zu laut in sein Handy: "Jetzt sehe ich endlich auch mal jemand mit diesem Kopf-Schlafsack!" Als sei das Kissen schon ein völlig alter Hut. Dabei fühlte ich mich bisher als kühner Trendsetter.

Information

Das Ostrich Pillow gibt es im Internet unter www.studiobananathings.com; 80 Euro

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn aus dem Kissen ein Massenphänomen würde und plötzlich jeder eines haben wollte. Man kennt das ja: modische Fehlgriffe, die eine breite Mehrheit aus irgendwelchen Gründen auf einmal als schick empfindet. Wie diese hässlichen, klobigen Gummisandalen, die eine Zeit lang sämtliche Fußgängerzonen bevölkerten. Ein Flugzeug voller Kopfschlafsackträger allerdings, das wäre eher wie eine Kunstperformance zum Thema Vereinzelung und soziale Kälte. Während ich unter meiner Plüschglocke vor mich hin fantasiere, verpasse ich um ein Haar meinen Flug: Es gab einen kurzfristigen Gate-Wechsel. Der Ausruf war zunächst nicht bis zu mir vorgedrungen.

Im Flugzeug löst mein Kissen noch einmal große Emotionen aus. "Hammer!", ruft meine Sitznachbarin, und wieder klickt der Auslöser einer Handykamera, während ich mir den Strauß vom Kopf puhle. Die junge Frau möchte meine Kopfbedeckung unbedingt selbst ausprobieren. Allerdings nicht aus modischen Gründen. Sie kommt gerade von einem Musikfestival in Barcelona und sehnt sich dringend nach Ruhe. Ich betrachte ihr müdes Gesicht und verstehe vollkommen, warum die Vogel-Strauß-Taktik manchmal das einzig Wahre ist.

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Leserkommentare
  1. ... der Plüsch aus der Überschrift. Aber man ist ja nicht verwöhnt ...

  2. 2. Schade

    Der Elefantenmensch machte er nie einen anderen Film

    Eine Leserempfehlung
  3. Vielleicht ist der Einsatz auf einem Kurzstreckenflug nach Barcelona auch übertrieben, aber für einen Transatlantik Nachtflug hätte ich so was gerne. Auf jedenfall besser als Schlafmaske und Ohropax, die doch nicht soviel bringen wie erwünscht.
    Was mich noch interessieren würde, wie gut ist die Schallisolierung? Oder braucht man da drunter immer noch Ohropax um seine Ruhe zu haben?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Davon können sie ausgehen, die Polsterung ist nicht dick genug, um wirklich für Stille in lauteren Umgebungen (Flugzeug,Bahn) zu sorgen.

  4. Davon können sie ausgehen, die Polsterung ist nicht dick genug, um wirklich für Stille in lauteren Umgebungen (Flugzeug,Bahn) zu sorgen.

    Antwort auf "Find ich gut"
  5. Ich glaube, ich werde mir so ein Ding mal bestellen. Was andere (wildfremde) Passagiere denken, kann einem ja vollkommen egal sein, wenn man dafür frisch und erholt aus dem Flugzeug steigen kann. Ich habe auf Langstreckenflügen Probleme zu schlafen und das nervt! Vielleicht hilft ja die Totalabschottung.

  6. ich habe die ganze Zeit herzlich gelacht...Herrlich geschrieben...!

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