Das Schöne in diesem Fall: Die Pikanterie geschieht auf Wunsch des Hausherrn. Stephan Kunz, der Leiter des Churer Kunstmuseums, leistet sich den Coup vor dem Abriss des Nationalparkmuseums, das seinem Haus seit 1981 für wechselnde Ausstellungen dient. Das Ende der Geschichte des sogenannten Sulzer-Baus bedeutet nämlich den Anfang einer neuen Zeitrechnung für das Kunstmuseum. Nach über 40 Jahren politischem Seilziehen um die bauliche Erweiterung des Hauses sollen Worten Taten folgen. 2014 wird das Nationalparkmuseum abgerissen und an seiner Stelle ein Neubau erstellt, der dem Kunstmuseum den seit Jahrzehnten ersehnten zusätzlichen Platz schafft. Als Ergebnis eines Wettbewerbs wurde das Projekt des Architekturbüro Barozzi Veiga aus Barcelona favorisiert. In der Schweiz sind die Architekten keine Unbekannten, sie gewannen 2011 auch den Wettbewerb für das kantonale Kunstmuseum in Lausanne. 28 Millionen Franken soll das Ganze kosten. Viel Geld für die Churer Regierung. Und wäre im richtigen Moment nicht der richtige Visionär aufgetaucht, wer weiß, ob das Kunstmuseum in der ehemaligen Villa Planta auf den Erweiterungsbau nicht nochmals 40 Jahre warten müsste. Denn auf der Prioritätenliste der Regierung war die Investition wiederholt auf die hintersten Ränge gerutscht. Und das, obwohl der Kantonsbaumeister bereits 2009 für den sensiblen Ort hinter der Villa Planta vollmundig "Weltklasse-Architektur" versprach.

Doch plötzlich geht alles, und es geht sogar schnell. Zu verdanken ist das einem Zürcher Patrizier mit Liebe zu Graubünden: Henry Carl Martin Bodmer, Harro genannt.

Der edle Gönner hat der Regierung eine Spende von 20 Millionen Franken gemacht. Er stammt aus der Bodmer-Dynastie und führt die milliardenschwere Abegg-Holding, die auf seinen Urgroßvater Carl Julius Abegg-Arter zurückgeht, den Gründer von Schweizer Rück sowie Elektrowatt. Harro Bodmer selbst hat in Flims mehrere Jahre seiner Kindheit verbracht. Das Geld, gute zwei Drittel der Gesamtkosten, soll in den Erweiterungsbau investiert werden, und bitte schön rechtzeitig. Herr Bodmer, er ist über 80, möchte die Eröffnung des Museums noch erleben. Das Bündnerland braucht Visionäre. Heute wie einst. Der Pionier des Nationalparks ist ein Geistesbruder von Bodmer, stammt aber aus den eigenen Reihen: Steivan Brunies aus Cinuos-chel, einer winzigen Häuseransammlung in der Oberengadiner Gemeinde S-chanf. Wenn der Nationalpark nächstes Jahr sein Jubiläum feiert, wird man auch seiner gedenken, und das ist mehr als angebracht. Steivan Brunies (1877 bis 1953) war ein außergewöhnlicher Mensch mit außergewöhnlichen Talenten. Brunies wuchs in einem Engadin auf, in dem noch der Braunbär lebte, der Fischotter sowieso, nicht aber der Rothirsch und der Steinbock. Sie wurden hier wieder angesiedelt – dank seiner Vision.

Steivan Brunies studierte in Breslau und in Zürich Zoologie und Botanik und schuf beispielsweise 60 Tafeln über einheimische Tiere und Pflanzen, die in jeder Engadiner Schule dafür sorgten, dass die romanischen Bezeichnungen naturkundlicher Details nicht verloren gingen. Für ihn war klar, dass das Gebiet um den Ofenpass durch die Abgeschiedenheit und Artenvielfalt als Nationalpark prädestiniert war. Er bereitete dessen Gründung vor und war der erste Sekretär des Schweizerischen Bundes für Naturschutz, heute Pro Natura, der mit dem Ziel lanciert wurde, den Park zu finanzieren.

Mit der Gründung des Nationalparks am 1. August 1914 war Brunies während 30 Jahren dessen erster Oberaufseher. Und noch im hohen Alter ging er auf Pirsch gemeinsam mit dem Sohn des letzten Engadiner Berufsjägers – und mit seiner Kamera. Visionäre braucht das Bündnerland. Sie stammen besser nicht aus Zürich. Und wenn doch, dann hat der Zürcher wahrscheinlich bloß den Bündner kopiert.