ZEITmagazin: Herr Lenz, damals habe ich ganz vergessen, Sie zu fragen, wie Sie eigentlich zum Mixen kamen. Darf ich das jetzt nachholen?

Westbam, alias Maximilian Lenz: Das begann mit DJing. Reiner Zufall war es, dass einmal zwei Platten gleichzeitig liefen, beide zufällig mit 120 Beats pro Minute und zufällig synchron. Das war ein lebensentscheidender Moment. Dazu habe ich gesagt: Verweile doch, du bist so schön, das will ich immer wieder haben. Zu Hause habe ich dann jeden Tag fünf Stunden lang geübt.

ZEITmagazin: Am Mixen interessiert mich nur die Technik. Und Techno ist für mich zum Davonlaufen. Aber Ihr neues Album "Götterstraße" hat mir gut gefallen. (Westbam blickt milde drein) Allerdings traue ich meinem Musikgeschmack nicht. Mir liegt, auch in der Klassik, das Eingängige. Arnold Schönberg zum Beispiel ist mir viel zu mühsam. Ich unterstelle mir, es gern gefällig zu haben. Ist "Götterstraße" gefällig?

Lenz: Gefälligkeit bei Pop ist etwas anderes. Gefällig könnte man nennen, was gleichzeitig frisch daherkommt und trotzdem eine gewisse Berechenbarkeit ausstrahlt. Das Denken in Kästchen von sechzehn Takten oder vier Akkorden schafft eine beruhigende Vorausschaubarkeit, die auch auf Bach und Beethoven zurückgeht. Und vom Computer nahegelegt ist.

ZEITmagazin: Sie haben gesagt, Mozart würde Sie nerven. Warum mögen Sie Bach und Beethoven, aber nicht Mozart?

Lenz: Ich bin kein großer Klassik-Konsument. Und Mozart ist mir zu hysterisch. Wenn mir jemand zu deutlich seine Virtuosität aufs Butterbrot schmieren will, bereitet mir das Unwohlsein. Bach ist einer, der genau wusste, was er macht, und jede Note sitzt, und jede Note hat nur ein bescheidenes Ziel, sie dient nicht dazu, zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist.

ZEITmagazin: Sie mögen ordentliche Musik?

Lenz: Ja, wobei es leider so ist, dass bei allem, was ich sage, das Gegenteil auch immer richtig ist. Ich komme tendenziell von unordentlicher Musik. Ich habe halt das ganze Spektrum ausprobiert, angefangen beim Krachmachen, wobei Krach sich unterteilt in tollen proletarischen Radau-Krach wie Motörhead oder Happy Hardcore Rave und tollen bürgerlichen Avantgardismus-Krach: Zwölftonmusik, Luigi Russolos Kunst des Krachs, Jeff Mills’ Detroit-Krach, Le Sacre du Printemps oder was auch immer.

ZEITmagazin: Irgendwann haben Sie Partituren lesen gelernt...

Lenz: Nee, nee (weist auf ein Keyboard). Ich kann nicht sagen, welche Note was ist. Ich weiß, es geht CDEFGAHC, aber welches war jetzt das C? Bis heute bin ich ein genialer Dilettant. Ich kann keine Harmonielehre. Ich kann keine Anlage anschließen, die hier kann ich nicht anmachen.

ZEITmagazin: Sie nennen "Götterstraße" Ihren "Zauberberg". Was meinen Sie damit?

Lenz: Mein Poetenfreund Rainald Goetz mag Thomas Mann ja so gar nicht: diese Art, sich eine Welt komplett auszuspinnen und gottväterlich in aller Komplexität und Breite etwas auszuerzählen. Mein Zauberberg ist, eine Clubwelt zu erfinden, durch die der Held stolpert. Nun begegnet er all diesen seltsamen Typen wie Iggy Pop, Kanye West oder Brian Molko, und die erzählen ihm etwas über Ausgehen, Feiern, Drogen und das ganze Leben im Allgemeinen. Die Statements kommen aus ganz verschiedenen Bereichen der Musikwelt und von verschiedenen Generationen. Unser Kunststück bei der Produktion besteht darin, dem Ganzen einen Rahmen zu geben. Dazu gehört, dass man sich selbst zurücknimmt und diese Aspekte atmen lässt.

ZEITmagazin: 1997 haben Sie in einem Interview gesagt, Techno sei die erste Musikform, die die Frage nach einer Welt außerhalb der Musik überwunden habe und auf den Augenblick setze. Und weiter sagten Sie: "Es ist der quälende Wille, von dem wir im Grunde befreit werden wollen."

Lenz: Das ist Schopenhauer.

ZEITmagazin: Klar. Aber die Absage an den freien Willen ist heikel. Das findet man im Zen, aber eben auch in der NS-Volksgemeinschaft.

Lenz: Das kenne ich! Dass die Leute nach einem Interview fragen: Was hattest du denn da genommen? Ich könnte mir vorstellen, dass es damals um Folgendes ging: Viele Leute stellen ihren eigenen Willen als den Höhepunkt des künstlerischen Daseins in den Vordergrund. Bei einem DJ heißt es dann: "Der hat sein Ding durchgezogen." Was konkret heißt: Die Leute haben es nicht verstanden, die Leute haben es nicht gemocht. Als DJ habe ich immer den Moment gesucht, wo die Frage sich nicht mehr stellt, ob es das ist, was ich will, oder das, was das Publikum will, wo sich eine eigene Logik einstellt und die Sache in Fluss kommt. Zum Thema "Was hat das mit dem Nationalsozialismus zu tun?": Ich hatte da nie Angst. Manche Leute singen gern im Chor oder gehen gern ins Fußballstadion und sind dann einfach kollektiv begeistert. Da hat es doch keinen Sinn, zu sagen: Jetzt sind wir alle begeistert, aber bei den Nazis waren wir auch alle begeistert. Mit der Schlussfolgerung gehe ich nicht mehr ins Fußballstadion, weil ich da zum Mitläufer werde. Von der Zwangsvorstellung sollte man sich lösen.

"Heute werden eher zu wenig Drogen genommen"

ZEITmagazin: Sie stammen aus dem tiefkatholischen Münster. Dann gingen Sie nach Berlin, angeblich, um dort katholische Theologie zu studieren. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Lenz: Ich war da eigentlich nicht zugegen. Mein Vater war gestorben, und ich bekam eine Halbwaisenrente. Ich habe schon studiert, aber eben etwas anderes.

ZEITmagazin: Aber Sie schwärmen von Benedikt XVI. und Franziskus. Meinen Sie das ernst?

Lenz: Meine Eltern waren Hippies, beide hatten Kunst studiert. Ich wurde als Kind mit dem Katholizismus nicht zu sehr belästigt. Und, ja, so ziemlich jede Veröffentlichung von Benedikt und Franziskus lese ich.

ZEITmagazin: Sie sind offenbar hart im Nehmen.

Lenz: Ich lese das mit großer Begeisterung. Ich könnte einen Vortrag darüber halten, was im Neuen Testament steht über die Kreuzigung und Auferstehung von Jesus Christus. Da lese ich die Geschichte von jemandem, der mit Pontius Pilatus verabredet, man möge ihn verschonen, er sei bereit, das Land zu verlassen. Der wird dann also nur kurz angenagelt, wird runtergeholt und darf während der Wochen der Rekonvaleszenz noch im Land bleiben, bevor er sich von dannen macht. Da gibt es dann die Episode mit Maria Magdalena, die kommt – er ist gerade "auferstanden" –, und sie will ihrem Rabbi um den Hals fallen. Aber er sagt: Bleib mal weg. Warum soll sie nicht näher kommen? Na, weil er noch ziemlich wacklig auf den Beinen ist.

ZEITmagazin: Interessant, wozu die Lektüre päpstlicher Schriften Sie inspiriert. Als Jugendlicher waren Sie ein Anhänger von Karl Marx.

Lenz: Das ergab sich aus dem Hippietum meiner Eltern. Die klassenfreie Gesellschaft wollten die Hippies ja auch. Aber ich bin dann bald abgedriftet.

ZEITmagazin: In Richtung Nietzsche und Schopenhauer, die kamen in unserem Gespräch von 1987 schon vor.

Lenz: Das findet in der Jugend generell statt, dass man Philosophie für sich entdeckt. Damals jedenfalls war das noch nicht freakig. Heute wäre ein Teenie, der Platon liest, wahrscheinlich doch schon sehr barock. Also sprach Zarathustra fand ich grandios.

ZEITmagazin: Ihre Lieblingsautoren, Nietzsche, Schopenhauer und Thomas Bernhard, waren alle ziemlich pessimistisch und haben vom Menschen nicht allzu viel gehalten.

Lenz: Schopenhauer hätte ich menschlich eine Katastrophe gefunden und er mich auch. Ich glaube nicht, dass wir eine gute Wohngemeinschaft abgegeben hätten.

ZEITmagazin: Und dennoch sind Sie fasziniert von diesen Autoren.

Lenz: Gerade Bernhard liebte doch das Leben. Nietzsche feiert auch das Menschsein. Mit derselben Hassliebe wie ich und wie wir alle, oder nicht? Ich muss aber gestehen, dass ich Nietzsche schon lange nicht mehr gelesen habe. Überhaupt haben die Philosophen ganz schön gelitten, nicht nur bei den Teenies, auch bei mir. Kants Idee, dass man sich trauen soll, seinen eigenen Verstand zu benutzen, ist ja eigentlich ganz gut, hat sich aber nicht durchgesetzt.

ZEITmagazin: Wie wäre es mit soziologisch interessierter Philosophie? Habermas...

Lenz: ...und Luhmann! Richtig! Die Gesellschaft der Gesellschaft. Ein ungeheures Werk. Habe ich nur angefangen.

ZEITmagazin: Was nützt Ihnen die Philosophie im Musikgeschäft?

Lenz: Wenig. Aber das ist nicht Schuld der Philosophie. Das ganze Musikgeschäft hat sich verändert. Bis Ende der neunziger Jahre konnten wir das als eine dufte Truppe betreiben. Heute geht das nicht mehr, da ist man gezwungen, erst mal ein Wirtschaftsunternehmen zu sein. Die moderne Technik, das Internet, aus dem man sich alles runterladen kann, hat es mit sich gebracht, dass man mit kleinsten Gewinnmargen rechnen muss. Sehr stressig!

ZEITmagazin: War die DJ-Szene so von Drogen bestimmt wie der Rock ’n’ Roll?

Lenz: Ja, aber es hat nicht so viele Drogentote gegeben. Die Leute hatten ja aus der bösen Erfahrung der anderen gelernt. Meine Kritik am DJing von heute ist nicht, dass zu viele Drogen genommen werden, sondern eher zu wenig. Wenn alles nur noch kalkuliert und durchorganisiert ist und die DJs sich als Geschäftsreisende verstehen, wird es irgendwie unromantisch. Es gibt ein Maß von Nüchternheit, wo ich mich frage, was das noch zu tun hat mit dem rauschhaften Zustand einer Party. Madonna zum Beispiel: Es ist schon toll, wenn jemand sieben Stunden am Tag Gymnastik macht und alle seine Steps auswendig kennt. Aber ich möchte mir auch andere gut geölte Maschinen nicht angucken. Ich finde das glatt, langweilig und irgendwie trostlos. Lieber sehe ich echte Menschen spielen und dann auch stolpern. Oder gar scheitern.

ZEITmagazin: Sie achten aber schon auf Ihre Gesundheit?

Lenz: Ich habe meine liebe Frau und zwei Kinder. Ich treibe keinen Sport, aber ich bleibe auch nicht gleich stehen, wenn ich im Flughafen auf ein Laufband komme.