Wirtschaftsspionage : Die Krisengewinner

Deutsche Unternehmen fürchten die Spionage internationaler Geheimdienste. Ein Glücksfall für die deutsche Sicherheitsindustrie

Wenn Peter Rost abhörsicher telefonieren will, zückt der Produktchef von Rohde & Schwarz SIT sein Top Sec Mobile. Wie ein älterer, etwas zu groß geratener MP3-Player sieht das Verschlüsselungsgerät aus – mit schwarzer Hülle und mattgrünem Display. Darunter aber steckt deutsche Hochsicherheitstechnologie. Rost verbindet das Chiffriergerät per Bluetooth-Funk mit seinem Mobiltelefon und tippt die Nummer des Empfängers. Ein Knopfdruck auf dessen Top Sec Mobile, ein Knopfdruck auf Rosts Apparat – und wer immer die Internetleitung zwischen den beiden anzapft, hört statt Stimmen nur mehr ein Rauschen. Selbst die Geheimdienste könnten den Code nicht knacken, behauptet der 44-Jährige.

Rosts Kryptologen wissen, wie man professionelle Lauscher draußen hält. Einige von ihnen waren selbst mal welche. Für die DDR-Staatssicherheit entzifferten sie die Funksprüche des Klassenfeindes. Sie taten das so gut, dass sie nach der Wende mit Helmut Kohls Hilfe die Seiten wechselten: zur Auffanggesellschaft Rohde & Schwarz SIT, um fortan für die Bundesrepublik zu chiffrieren. Bald baute die Berliner Firma das erste abhörsichere Kanzlerhandy, wurde offizieller Sicherheitspartner der Bundesrepublik, belieferte Bundeswehr, Innenministerium, BND, selbst die Nato mit Verschlüsselungsgeräten für Telefone, Funkgeräte und Computernetzwerke.

In jüngster Zeit öffnet sich Rohde & Schwarz SIT nun für die freie Wirtschaft. Ob Banken, Bahnbetreiber, Strom- oder Automobilkonzerne: Private Kunden sollen künftig verstärkt Geheimdiensttechnologie vom Berliner Adlershof kaufen. Schon länger machen Dax-Chefs ihre Handys mit Verschlüsselungstechnik von Rohde & Schwarz SIT oder dem neuen Kanzleramtslieferanten Secusmart abhörsicher. Nun nehmen die Anbieter den Mittelstand ins Visier. "In der Vergangenheit ging es für die Industrie hauptsächlich darum, Angriffe einzelner Hacker oder kleiner krimineller Organisationen abzuwehren", sagt Rost. "Jetzt wächst der Bedarf, sich auf einem ähnlich hohem Niveau zu schützen wie Staatsorgane und Geheimdienste." Genau diese Institutionen halten viele Unternehmen für ihre neuen Ausspäher. Erst recht, seit sie Bescheid wissen über Prism und Tempora, jene Datensammelprogramme englischer und amerikanischer Geheimdienste, die in den vergangenen Wochen bekannt wurden, weil Exspion Edward Snowden die Welt darüber informierte.

Die Enthüllungen über elektronische Massenüberwachung sowie angezapfte Internet-Knotenpunkte und transatlantische Datenleitungen haben auch die deutsche Wirtschaft alarmiert. Branchen wie Luft- und Raumfahrttechnik, Automobil-, Maschinen- oder Rüstungsindustrie bangen um ihren Wissensvorsprung. Kaum jemand glaubt noch, dass die angloamerikanischen Geheimdienste ausschließlich den Staatsfeinden nachspähen. Anbieter von Verschlüsselungstechnik, Sicherheitsberater, deutsche Rechenzentren: Sie haben beste Aussichten, Gewinner dieser Vertrauenskrise zu werden.

"Gerade die Fokussierung auf den Süden und Westen von Deutschland, in denen viele unserer ›Hidden Champions‹ sitzen, lässt die Sorge aufkommen, dass auch gezielt Wirtschafts- und Industriespionage betrieben wird", sagt Rainer Glatz, Datensicherheitsexperte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau mit Blick auf offenbar regional konzentrierte Spähvorhaben der Amerikaner und Briten. Bernd Schmidbauer drückt es noch deutlicher aus: "Unter dem Deckmantel der Terrorabwehr" finde im großen Stil Wirtschaftsspionage statt, zitiert die Deutsche Welle den langjährigen Geheimdienstkoordinator des Kanzleramts. "Ausgerechnet Amerikaner und Briten, die immer von fairem Wettbewerb reden, durchbrechen mit solchen Lauschaktionen sämtliche Regeln." Deren Geheimdienste haben den Auftrag, das "wirtschaftliche Wohlergehen" des Staates zu fördern, der BND hat ihn nicht.

Verfassungsschutz geht von Milliardenverlusten aus

Schon lange leidet Deutschlands Wirtschaft unter dem organisierten Datenklau. Zwischen 30 und 60 Milliarden Euro verliert sie laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz Jahr für Jahr durch das Ausspionieren von Produktionsplänen, Konstruktionszeichnungen und Kundenlisten. Bislang hatte die Behörde vor allem Hacker aus Russland und China als Feinde ausgemacht. Westliche Nachrichtendienste seien nicht aktiv in systematischer Wirtschaftsspionage, hieß es bis vor nicht allzu langer Zeit.

Um sich zu schützen, verlagerten viele Firmen sensible Informationen über das Internet in die sogenannte Cloud: externe Onlinespeicher und ferne Rechenzentren, wo oftmals US-Unternehmen für wenig Geld Speicherplatz vermieten. Wie Snowdens Enthüllungen nun zeigen, hat die NSA sehr weitreichenden Zugriff auf diese Datenbanken. Und so rät selbst der amerikatreue deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich: "Wer fürchtet, dass seine Kommunikation in irgendeiner Weise abgefangen wird, sollte Dienste nutzen, die nicht über amerikanische Server laufen."

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