Ehemalige NSA-Abhörstation auf dem Teufelsberg in Berlin. Von dort belauschte der US-Geheimdienst früher den Warschauer Pakt © Reuters/Pawel Kopczynski

In einer legendären Szene in Casablanca echauffiert sich Humphrey Bogart über die plötzliche Schließung seines Cafés durch den Polizeichef Renault, der sich dem Nazi-Major Strasser beugen musste. Renault heuchelt "Ich bin schockiert, schockiert! Ich habe gerade erfahren, dass hier gespielt wird!" In diesem Moment wieselt der Croupier herbei: "Hier sind Ihre Gewinne, Sir."

So ähnlich darf man sich die hiesige Empörung über die Abhör-Orgie der NSA vorstellen. Freunde abhören, "das geht gar nicht", poltert Merkel-Sprecher Seibert. Doch. Jeder hört beim anderen mit. Vom damals sehr begrenzten Stand der Technik – angezapft wurde vorweg der Richtfunk – berichtete die ZEIT schon 1980 im Dossier Operation Großes Ohr. Wie heute wurden Muster ("Meta-Daten") mit Schlüsselwörtern aus der Flut gefischt. Seitdem sind die Computer tausendmal besser geworden.

Die "Freunde" haben voneinander profitiert. Der BND wusste mehr über den Warschauer Pakt als die CIA. Ein NSA-Tipp vereitelte 2007 einen Terroranschlag der "Sauerland-Gruppe". Frankreichs DGSE sammelt en massevon England ganz zu schweigen. Seit je gilt das Prinzip des plausible denial – des "glaubhaften Dementis". Kein Präsident oder Kanzler will so genau wissen, was seine Dienste treiben. Erst recht nicht, wenn der eigene von anderen erfährt, was er selber nicht abgreifen darf oder kann.

Bloß gilt die eiserne Regel: "Lass dich nicht erwischen!" Der Spiegel fabuliert von einem "Staatsverbrechen" und fordert Asyl für Snowden. Merkel soll Obama ihre Freiheitsmedaille vor die Füße werfen, rät der Ex-Chefredakteur. Frankreich, das ausgiebig in Amerika spioniert, will die Gespräche über den atlantischen Freihandel stoppen, von dem die EU am meisten profitieren würde. Es geht aber nicht nur um Heuchelei in Wahlkampfzeiten, sondern, wie immer in der Politik, um Güterabwägung.

Was die Amerikaner mit ihrem galaktischen Staubsauger holen, teilen sie (gewiss dosiert) mit dem BND. Das mag manchmal an der Legalität vorbeischrammen, ist aber nützlich, wenn man die gewaltigen Kosten für eine "Deutsche Sicherheitsagentur" scheut, die checkt, was die Russen in der Rüstungspolitik oder in Syrien treiben, wer von hier aus in ein pakistanisches Terror-Camp zieht. Dieses Geschäft könnte Berlin stoppen; nur bliebe das Große Ohr so offen wie zuvor.

Doch müsste ein "philosophisches" Problem die USA genauso quälen wie die EU: Wie viel ist genug? Und wie lange? Selbst Abraham Lincoln ließ im Bürgerkrieg die Telegrafen überwachen. Wild wucherte die Binnenspionage in den Weltkriegen – der Zweck heiligte die Mittel. Aber die autoritären Übergriffe wurden danach wieder zurückgestutzt. Nicht so im "Krieg gegen den Terror", in dem erlaubt ist, was technisch möglich ist. Es verschwimmt die Grenze zwischen dem totalitären und dem "guten", schützenden Staat.

Freilich sitzen Amerika und Europa hier im selben krängenden Boot. Wenn die Heuchelei-Arien verklungen sind, sollten die "Freunde" nüchtern über die gemeinsame Bedrohung ihrer Freiheit nachdenken. Der Terror triumphiert, wenn die Sicherheit zur Obsession wird, die sich unaufhörlich ausweitet und alle anderen Werte erstickt. Denn das Ziel des Terrors ist die grenzenlose Angst, die alles rechtfertigt – der furchtbarste Feind des liberalen Rechtsstaates.