Diese Reise hätte ich nie gemacht. Doch dann war da dieser irre Satz. "Die Bahn, die hat den Fall des Eisernen Vorhangs einfach verschlafen!" Und es folgte in leicht süffisantem Ton die Aufforderung: "Fahren Sie mal mit dem Zug von Berlin nach Breslau. Sie werden schon sehen!"

Berlin–Breslau? Wäre doch gelacht. Ein Werbezettel der Bahn gibt die Fahrtzeit mit drei Stunden an – das klingt besser als Fliegen, und billiger ist es allemal. "Drei Stunden?" Die Frau hinter dem Schalter guckt erstaunt auf den Prospekt, den ich ihr hinhalte. "Das war ganz früher mal. Mit dem Zug dauert die Reise nicht unter fünf", sagt sie und setzt hinzu: "Nehmen Sie den Bus. Der ist schneller." Die Bahn will, dass ich Bus fahre? Die Frau stellt mir dann schließlich doch das Zugticket aus. Und sie wünscht mir: "Viel Glück!"

Mittwochmorgen, halb zehn, Bahnhof Berlin-Südkreuz: Sicherheitshalber habe ich noch eine große Flasche Wasser gekauft und einen Stapel Zeitungen. Der Wunsch der Ticketverkäuferin wirkt nach. Pünktlich fährt der Zug auf den Bahnsteig, doch kaum im Wagen, höre ich: "Pünktlich an kommen der nie!" Die jungen Männer, die in dem dunkelbraun gepolsterten polnischen Großraumwagen sitzen, jeder eine Bierflasche in der Hand, sind so laut wie selbstsicher. "Mit dem Auto wären wir schneller. Billiger. Und hätten abfahren können, wann wir wollen", murrt einer. Na super!

Kurz vor der Reise hat mich auch Eike Arnold noch gewarnt, und ich kam mir schon vor, als ob ich nach Sibirien reisen werde. Arnold arbeitet beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, er kennt sich mit dem kleinen Grenzverkehr aus und ebenso mit den üblichen Verspätungen: "Heute waren es nach Breslau wieder eineinhalb Stunden." Die Bahnchefs hätten einfach kein Interesse an den Strecken gen Osten. Als Reiselektüre hat er mir eine dicke Broschüre mitgegeben und den Satz: "Sie werden schon sehen."

Bis Cottbus geht es im Zuckeltempo, zwei Stunden dauert die Fahrt, das aber fahrplanmäßig. Links grasen Pferde, rechts drehen sich die Windräder müde im Kreis, an manchen Stellen ist die Strecke eingleisig. Wir warten, bis der Gegenverkehr durch ist. Im Bistrowagen langweilt sich die Bedienung. Dann wird der abgekoppelt.

Ein paar Minuten später, kurz vor der Grenze bei Forst, steht der Zug schon wieder. Passagiere steigen aus, um zu rauchen. "Die Polen haben ein anderes Elektrizitätssystem, deswegen brauchen wir jetzt eine andere Lok", erklärt der Schaffner. Er blinzelt entspannt in die Sonne.

Stimmt nicht, könnte ich antworten, denn die Wahrheit hat mir Eike Arnold schon verraten, und sie ist auch leicht zu erkennen: Es gibt keine Oberleitungen. Die Bahn hat die letzten Kilometer bis zur Grenze nicht elektrifiziert, deshalb muss eine Diesellok den Zug ziehen, bis in Polen wieder eine E-Lok übernimmt.

Auch an anderen Übergängen fehlen die Oberleitungen. Zwar hat der polnische Botschafter schon mal öffentlich gebeten, damit doch bitte, bitte schneller zu machen. Und in Sachsen haben die Polen eine Strecke auf ihrer Seite sogar bis an die Grenze elektrifiziert. Alles vergeblich.