Gilbert Dietrichs Komfortzone liegt unter einer Tarnkappe. Selbst unsichtbar sein, aber alles sehen können. Die perfekte Beobachtersituation, ohne an diesem ganzen sozialen Gewirr teilzuhaben. Gilbert Dietrich ist introvertiert. Und: Dietrich ist Chef. Er führt ein 30-köpfiges Team an, er leitet die Personalabteilung eines Leipziger IT-Unternehmens mit 1.800 Mitarbeitern. Sein Tag startet oft mit einem Treffen in der obersten Chefetage, es folgen Telefontermine, Teammeetings mit der Personalentwicklung und etliche Besprechungen. Das ist eigentlich kein Ort für den Rückzug, für Tarnkappenträger.

Unsere Berufswelt erscheint auf den ersten Blick wie ein Biotop für Extrovertierte: Es gibt Konferenzen, Netzwerktreffen oder After-Work-Partys. In Brainstormingrunden werden Ideen entwickelt, die Büros sind riesig mit offenen Fluren und Türen, die Mitarbeiter werden ermutigt, laut von sich reden zu machen. Die Selbstdarsteller und Alphatiere sind die Siegreichen. Wer sich gut vermarkten kann, der schafft’s, so steht es in den Karriereratgebern. Aber was ist mit den Introvertierten? Ist Gilbert Dietrich, der introvertiert und ein erfolgreicher Chef ist, eine Ausnahme?

Die Unterschiede zwischen den Lauten und den Leisen sind in der Forschung unumstritten. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung benannte sie 1920 zum ersten Mal. Introvertierte sind wegen ihrer höheren Gehirnaktivität neuronal leichter überstimuliert und brauchen deswegen mehr Ruhe und Rückzugsräume; Erkenntnisse, die vor allem auf den Harvard-Psychologen Jerome Kagan zurückgehen. "Ich bin schnell erschöpft, wenn ich unter Leuten bin", sagt Gilbert Dietrich. Er ist 39 Jahre alt, 1,91 Meter groß, trägt Hemd zu Bluejeans mit Turnschuhen. Er mag keine Partys oder Netzwerkveranstaltungen. Manchmal fällt es ihm da schwer, den Mund aufzumachen. "Ich bin nicht so der Redenschwinger." Auf dem Weg in sein Büro nimmt er lieber die Treppe, um dem Small Talk im Fahrstuhl auszuweichen. Dietrich braucht Zeit für sich, um Dinge in Ruhe zu durchdenken. Dabei hat er einen Vorzeigelebenslauf, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin und an der Brown University in Rhode Island, USA, Germanistik und Philosophie, seine Professoren förderten ihn, er war Leistungssportler, gewann Auszeichnungen und Preise. Später zog er nach Irland, um für den Internetriesen Google als Projekt- und Personalmanager zu arbeiten. Schon dort hat er ein Team geleitet. "Zufall", behauptet Dietrich. "Typisch Intro", sagt Sylvia Löhken, Kommunikationswissenschaftlerin und Coach für Intro- und Extrovertierte, "die werben nicht gern für sich." Eine zurückhaltende, in sich gekehrte Persönlichkeit müsse die Karriere nicht ausbremsen, solange die eigenen Stärken richtig genutzt werden. Wie sehr unsere Kultur die Leisen unterschätzt, zeigte die amerikanische Autorin Susan Cain in ihrem Buch Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt, das in den USA ein Bestseller war. Ohne Introvertierte, schreibt sie, hätte es weder Einsteins Relativitätstheorie, Chopins Klavierstücke oder die Filme von Steven Spielberg gegeben. Wissenschaft und Wirtschaft beginnen wieder das Potenzial der Stillen zu schätzen.

Das Potenzial der Stillen

"Gerade Introvertierte haben Qualitäten, die Chefs brauchen", sagt Sylvia Löhken: Sie können über ihr eigenes Ego hinaussehen und sind ausgezeichnete Zuhörer, eine wertvolle Eigenschaft bei Verhandlungen und bei Kundenkontakten. In einer Studie der Wharton School of Business der University of Pennsylvania, einer der anerkanntesten Wirtschaftsfakultäten weltweit, wurde untersucht, welche Unternehmen erfolgreicher sind, jene mit intro- oder extrovertierten Chefs. Die Studie belegt: Unternehmen, die viel Eigenverantwortung von ihren Mitarbeitern verlangen, sind dann besonders erfolgreich, wenn sie von introvertierten Chefs geführt werden. Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg beschreibt ihren leisen Chef Mark Zuckerberg als jemanden, der seinen Mitarbeitern viel Freiraum lässt.

Auch Gilbert Dietrich gehört zu den Ruhigen, Leisen in seiner Firma. "Gilbert, warum lässt du dich bei Meetings so an die Wand spielen?", fragte sein damaliger Vorgesetzter bei Google. Dietrich war in solchen Runden immer genervt von den Playern, die sich aufplusterten und andauernd um dieselben, ihm zu flach erscheinenden Argumente drehten. Ein paar Coachings und Persönlichkeitstest später war ihm klar: "Ich bin am äußersten Limit introvertiert." Schon als Kind war er lieber allein in der Natur unterwegs oder vergrub seine Nase in Büchern, hockte zu Hause, statt im Rudel Fußball zu spielen. Bei Google, sagt er, herrschte eine andere Unternehmenskultur. Sein Chef schätzte sein Können und gönnte ihm Auszeiten. Das wichtigste Erfolgsrezept sei, sagt er, sich selbst richtig zu kennen und seine Rolle zu finden. Heute achtet er darauf, dass er sich auch im Berufsalltag mal abschirmen kann, richtet sich vor oder nach wichtigen Terminen Teepausen ein.