BundesfreiwilligendienstEin Dienst, viele Hoffnungen

Im Osten Deutschlands arbeiten vor allem Ältere als Bundesfreiwillige. Warum ist das so? von 

Bundesfreiwilliger Werner Jacobi arbeitet in einer Kindertagesstätte in Schleswig-Holstein

Bundesfreiwilliger Werner Jacobi arbeitet in einer Kindertagesstätte in Schleswig-Holstein  |  © Carsten Rehder/dpa

Für Adrian Leeser ist sein Dienst eine Brücke. Er kann darauf im lockeren Schritt eines Teenagers vom Abitur ins Studium spazieren. Bei seiner gemeinnützigen Arbeit steht der groß gewachsene 19-Jährige allerdings oft bis zum Bauchnabel im Wasser und bringt Kindern das Schwimmen bei. Ist er nicht im Becken, läuft Leeser im roten Poloshirt mit der Aufschrift "DLRG Ausbildung" am Rand entlang, oder er ist als "DLRG Lebensretter" an der Küste.

Für Monika Volkmar ist ihr Dienst ein Rettungsseil. Sie hat danach gegriffen mit der Beherztheit einer Frau, die schon viel Erfahrung hat im Beruf. Das Seil gibt ihr Halt, so ist sie den Wellen des Arbeitsmarktes nicht gänzlich ausgeliefert. Wohin es sie zieht und wie lange es hält, weiß die 61-Jährige nicht. Doch sie mag ihre Tätigkeit im Pflegeheim sehr. Im Garten beschneidet sie Rosen, topft Pflanzen um und kümmert sich um die Kräuter. Im Haus reicht sie alten Menschen das Essen, liest ihnen vor, ist für sie da.

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Adrian Leeser und Monika Volkmar haben im September ihren Bundesfreiwilligendienst angetreten. Er bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Hamburg, sie in einem Seniorenpflegeheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im thüringischen Bad Langensalza.

So unterschiedlich sie sind, so beispielhaft stehen sie für ihre Region, für West und Ost.

Vor zwei Jahren endete in Deutschland die Wehrpflicht und mit ihr der Zivildienst. Um die entstandenen Lücken in sozialen Einrichtungen zu füllen, baute die Bundesregierung die bisherigen Freiwilligendienste aus und führte einen neuen ein: den Bundesfreiwilligendienst (BFD), der allen Altersgruppen offensteht. Die 35.000 BFD-Plätze waren wider Erwarten schnell besetzt. Doch der Dienst entwickelte sich im Osten und Westen des Landes unterschiedlich.

Die Zahlen, die das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) monatlich veröffentlicht, ergeben ein deutliches Bild: In einem Teil des Landes ist die große Mehrheit der Freiwilligen unter 27 Jahre alt, im anderen Teil des Landes 27 und älter. Die Trennlinie verläuft entlang der früheren Grenze zwischen BRD und DDR. Im Westen machen die Jüngeren und im Osten die Älteren jeweils gut drei Viertel der Freiwilligen aus. Nur in Berlin ist die Verteilung ungefähr hälftig. In Hamburg sind 85 Prozent der BFDler jung wie Adrian Leeser. In Thüringen erreicht die ältere Mehrheit 86 Prozent. Nur die wenigsten von Monika Volkmars Kollegen sind Rentner, die meisten sind wie sie im arbeitsfähigen Alter.

Warum engagieren sich Menschen mittleren Alters als Freiwillige? Und weshalb tun sie das überwiegend in den ostdeutschen Bundesländern?

Der Dienst

Vor zwei Jahren wurde die Wehrpflicht und mit ihr der Zivildienst ausgesetzt. Um die befürchtete Versorgungslücke im sozialen Bereich zu füllen, baute die Regierung vorhandene Freiwilligendienste aus und führte einen Bundesfreiwilligendienst ein, der allen Altersgruppen offensteht. So wollte man sichergehen, eine ausreichende Zahl von Interessenten zu erreichen. Die Nachfrage war unerwartet hoch.

Die Freiwilligen

Engagierte Bürger können ihren Dienst in sozialen Einrichtungen, aber auch in Sportvereinen, zoologischen Gärten oder Museen ableisten. Regulär dauert er 12 Monate, kann aber auf bis zu 24 Monate verlängert werden. Das Taschengeld beträgt zurzeit höchstens 348 Euro. Die Abkürzung Bufdi ist jetzt auch höchst offiziell: Vor zwei Wochen hat sie es in den neuen Duden geschafft.

Hinweise darauf gibt eine Studie der Hertie School of Governance und des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen der Universität Heidelberg zum "Experiment Altersöffnung im Bundesfreiwilligendienst". Die beiden Wissenschaftlerinnen, die die Studie durchgeführt haben, sehen einen Grund für den Ost-West-Unterschied in der Struktur des Arbeitsmarktes. Im Osten, wo die Arbeitslosenquote viel höher liegt als im Westen, werde der Dienst mitunter als Alternative zum Arbeitsmarkt oder zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie Ein-Euro-Jobs, Bewerbungstrainings oder Weiterbildungen betrachtet.

Auch Monika Volkmar suchte Arbeit, bevor sie im Haus an der Salza anfing. "Na, Sie haben es sich aber gemütlich gemacht", sagt sie zu zwei Seniorinnen auf der Terrasse. Die Frauen haben die Füße hochgelegt, strecken die Gesichter in die Sonne und schnarchen bereits, als Volkmar ein paar Tische weiter zu erzählen beginnt. Sie ist gelernte Mechanikerin, hat erst 20 Jahre lang im Büromaschinenwerk Sömmerda gearbeitet, dann 18 Jahre lang als Sachbearbeiterin bei Fujitsu Siemens Computers. 2008 wurde ihre Abteilung geschlossen und Volkmar gekündigt. Es folgten Bewerbungen, Absagen, Arbeit auf Abruf bei einer Zeitarbeitsfirma, Papierschleppen in einer Druckerei. Irgendwann las sie im Internet, dass ältere Bürger einen Freiwilligendienst machen können. Sie sprach die Leiterin des Pflegeheims ihrer Schwiegermutter an, die beim Bundesamt einen Platz für sie beantragte.

Nun fährt Volkmar jeden Morgen von ihrem Heimatort Bad Tennstedt 16 Kilometer weit mit dem Auto, "ein Katzensprung", arbeitet 35 Stunden in der Woche und erhält 262 Euro Taschengeld im Monat. Vor allem aber bekomme sie Dankbarkeit. "Das kann man mit Geld nicht bezahlen." Zusammen mit der Witwenrente käme sie zurecht, sagt sie, wenn sie sich etwas einschränke. Sie ist glücklich über die Arbeit und über das Gefühl, gebraucht zu werden. Allein zu Hause werde sie auf Dauer trübsinnig.

Leserkommentare
  1. "Lieber BUFDI als arbeitslos?"

    Und was ist nach dem BUFDI? Dann ist man wieder arbeitslos, dann müßte man bei dieser Logik wieder BUFTI machen ... und dann nochmal und nochmal und so weiter und so fort.

    Das ist die gleiche Lüge, die das staatlich unterstützte System: "Generation Praktikum" am Leben hält.

    Wozu den Menschen Hungerlöhne bezahlen, wenn man sie auch umsonst arbeiten lassen kann?

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  2. Hoffentlich werden diese Ausnahmen nicht zur Regel und Institutionen wie Kindergärten und Pflegeheime bemächtigen sich nicht lieber der Arbeitskraft eines BUFDI´s anstatt derer von ausgebildeten Personal, schließlich impliziert das ja eine enorme Personalkosteneinsparung.

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    So sehe ich das auch ! Gerade die konfessionellen Häuser sind da recht pragmatisch ! Warum eine eine examinierte Kraft einstellen, wenn ich im Gegenzug 15 "Freiwillige" auf Zeit für "umme" anheuern kann ?
    Mit der Krankenkasse werden allerdings nur Fachkräfte abgerechnet, eine Win-Win-Situation !
    Das muss man der Regierung Schröder lassen : Mit der Einführung von Harz IV und der Stigmatisierung der Empfänger, ist ein propagandistisches Meisterwerk gelungen ! 39 Stunden pro Woche für 200,- Euro ?
    DAS müssen uns die Chinesen erst einmal nachmachen !!!

    Es scheint wohl zur Regel zu werden. Unqualifizierte, kostenlose Arbeit breitet sich in allen sozialen Bereichen aus. Die Konzepte sind unterschiedlich. Hier mal ein anderes Beispiel:

    http://www.rockyourlife.de

    Der Staat gibt da Thema Bildung/Soziales aus der Hand.

  3. So sehe ich das auch ! Gerade die konfessionellen Häuser sind da recht pragmatisch ! Warum eine eine examinierte Kraft einstellen, wenn ich im Gegenzug 15 "Freiwillige" auf Zeit für "umme" anheuern kann ?
    Mit der Krankenkasse werden allerdings nur Fachkräfte abgerechnet, eine Win-Win-Situation !
    Das muss man der Regierung Schröder lassen : Mit der Einführung von Harz IV und der Stigmatisierung der Empfänger, ist ein propagandistisches Meisterwerk gelungen ! 39 Stunden pro Woche für 200,- Euro ?
    DAS müssen uns die Chinesen erst einmal nachmachen !!!

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    in unserer Gesellschaft an! Überhaupt diese Möglichkeit zu haben für nix Leute zu beschäftigen, die zu bezahlende Mitarbeiter ersetzen! Egal in welchen Bereichen, ist diese Art der Beschäftigung skandalös, weil sie gnadenlos ausgenutzt wird, um auf der anderen Seite daraus Profit zu ziehen und den Leuten wird erzählt, sie täten was fürs Gemeinwohl! Was ich nicht verstehe, auf der einen Seite weiß ein jeder das er ohne den Anderen nicht weiterkommt und alleine untergehen würde. Nur warum versucht der Mensch dann auf der Suche nach dem Anderen, denjenigen übers Ohr zu hauen, um daraus, welchen auch immer, Vorteil für "sich" zu ziehen? Ist der Mensch, aus welchem Grund auch immer, wirklich so gestrickt?

    Bundesfreiwilligendienst wurde nun allerdings erst 2011 eingeführt, da saß die SPD auf der Oppositionsbank.

  4. Tja, wer hätte diesen Effekt der Kombination aus der Hartz-Reform und Bufdi erwartet?
    Leider wirkt das Ganze im Osten wie eine gigantische Stillegungsprämie, nur diesmal nicht für Ackerboden, sondern für Menschen. In einigen Jahren wird sicher gefordert werden, daß im Beitrittsgebiet Bufdi auch unbefristet geleistet werden kann. Dann gibt es endlich genug Personal für Kitas: Hat man keine Erzieherin, werden ein paar Bufdis rekrutiert ... Und die zukünftige Lohnhöhe für Erzieherinnen orientiert sich am Bufdi-Taschengeld, dann wird es auch bezahlbar. (Es ist schwer, beim Schreiben über soziale Verhältnisse nicht in Zynismus zu verfallen).

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  5. Es scheint wohl zur Regel zu werden. Unqualifizierte, kostenlose Arbeit breitet sich in allen sozialen Bereichen aus. Die Konzepte sind unterschiedlich. Hier mal ein anderes Beispiel:

    http://www.rockyourlife.de

    Der Staat gibt da Thema Bildung/Soziales aus der Hand.

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  6. "m Osten Deutschlands arbeiten vor allem Ältere als Bundesfreiwillige. Warum ist das so?"

    Ja warum wohl? Warum bewirbt sich die Generation Ü50 nicht nur im Osten, sondern auch im Westen trotz guter bis bester Quaulifikation häufig ohne Ergebnis. Ganz einfach. Firmen haben trotz der angeblich demographischen Entwicklung nach wie vor die Möglichkeit aus einem heer junger (und gut gebildeter) Arbeitssuchenden auswählen. Dies zeigt eindeutig, daß im Verhältnis zur Beschäftigungssituation der Nachwuchs im Übermaß vorhanden ist. Hier von einer zu geringen Geburtenrate der letzten 40 Jahre sprechen, müssen Leute wie Frau Volkmar als reinen Hohn empfinden. Und bei ihr sprechen wir nicht von einer Langzeitarbeitslosen aus der bildungsfernen Schicht, sondern von jemanden, der Jahrzente im Berufsleben stand und das Pech hatte, mit über 50 die Stelle zu verlieren.

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  7. Ich habe bis zu Beginn der Sommerferien in Niedersachsen eine Fortbildung zum Integrationshelfer absolviert, in der mir beigebracht wurde ein Kind mit Einschränkungen während der Schulzeit zu betreuen.

    In anderthalb Wochen sind die Sommerferien vorbei und ich kann nur darauf warten, dass die Kreisvolkshochschule an der ich diese Fortbildung gemacht habe mich anruft und mir sagt, wo und mit wem ich nach den Sommerferien arbeiten soll.

    Tja, aber wenn ich Pech habe, ruft keiner an und ich kann es mir wahrscheinlich abschminken als Integrationshelfer zu arbeiten, aber wie soll es dann weitergehen?

    Als Bürokaufmann finde ich keine Arbeit mehr und auf die entwürdigenden Sinnlosmaßnahmen, die mir dann wieder drohen können, habe ich keine Lust.

    Da bleibt für mich ja nur noch der Bundesfreiwilligendienst und die Hoffnung dort im sozialen Bereich arbeiten zu können,

    Am liebsten hätte ich noch eine Ausbildung zum Erzieher gemacht, aber dann streicht das Jobcenter mir das Geld und ich stehe auf der Straße.

    So viel zum Thema Erziehermangel.

    Ich bin übrigens erst 31 und wenn das mit der Stelle als Integrationshelfer nichts wird, stehe ich quasi vor dem Nichts. Selbst, wenn das als Bundesfreiwilliger was werden sollte, denn das kann man ja auch nur maximal anderthalb Jahre machen und die Bezahlung ist wie im Artikel erwähnt einfach nur mies.

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    Haben Sie es denn noch immer nicht begriffen.

    Hoffnungslosigkeit ist das Schwert [...], die über Zeitarbeits- und Werksverträge, über Minijobs und jede andere Art von Tarifaushebelung noch mehr Elend schaffen!

    Anstatt sich immer weiter [...] unterzuordnen, gehen Sie auf die Barrikaden!

    Dieses Elend ist von wahlbetrügendem Rot(eher ein Witz)/Grün im Auftrag der asozialen, eher soziopathischen Konzernvorständen geschaffen worden, zum Plündern der arbeitenden Bevölkerung!

    Hartz IV ist die Abschaffung des Sozialstaates!

    Schwarz/gelb ist die Quadratur der Sozialstaatsplünderung!

    Und bitte, bitte seien Sie nicht politisch einfältig und fallen Sie auf die ”neue soziale Marktwirtschaft“, oder auf die ”Alternative für Deutschland“ herein.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Tonfall. Danke, die Redaktion/ls

  8. in unserer Gesellschaft an! Überhaupt diese Möglichkeit zu haben für nix Leute zu beschäftigen, die zu bezahlende Mitarbeiter ersetzen! Egal in welchen Bereichen, ist diese Art der Beschäftigung skandalös, weil sie gnadenlos ausgenutzt wird, um auf der anderen Seite daraus Profit zu ziehen und den Leuten wird erzählt, sie täten was fürs Gemeinwohl! Was ich nicht verstehe, auf der einen Seite weiß ein jeder das er ohne den Anderen nicht weiterkommt und alleine untergehen würde. Nur warum versucht der Mensch dann auf der Suche nach dem Anderen, denjenigen übers Ohr zu hauen, um daraus, welchen auch immer, Vorteil für "sich" zu ziehen? Ist der Mensch, aus welchem Grund auch immer, wirklich so gestrickt?

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    Antwort auf "Das trifft !"

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