Nationalsozialismus : Der Spion nebenan

"Denunzianten" mochten die Nazis gar nicht. Wohl aber "wachsame Volksgenossen", die ihre Nachbarn im Auge behielten.
»Auf dem Sofa sitzt der Gördeler!« Helene Schwärzel verriet Leipzigs ehemaligen Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 auf der Flucht war. Eine Illustrierte stellte die Szene nach. Abb.: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Der Weg vom Vorbild zum Kriminellen ist oft kurz. Am 11. Mai 1945 verhafteten die Amerikaner in München Jakob Schmid, der knapp zwei Jahre zuvor mit seinem rigorosen Eingreifen für die Festnahme der Geschwister Scholl gesorgt hatte. Nun stand er vor Gericht, und die Spruchkammer klagte ihn als Hauptbelasteten an. Das Urteil: fünf Jahre Haft und der Einzug der Pension.

1943 war Jakob Schmid noch gefeiert worden: 3.000 Reichsmark hatte der Hausmeister der Münchner Universität für seine Tat erhalten – und dazu eine Menge Anerkennung. Eine Studentin erinnerte sich nach dem Krieg an den Auftritt Schmids bei der universitären Dankesfeier zur erfolgreichen Zerschlagung des studentischen Widerstandes: "Hunderte von Studenten johlten und trampelten dem Denunzianten und Pedell der Uni Beifall, und dieser nahm ihn stehend mit ausgestrecktem Arm entgegen."

Schmid war kein hoher Parteifunktionär, eher ein kleiner Volksgenosse, vor 1933 Mitglied der Bayerischen Volkspartei, dann, seit 1937, Mitglied der NSDAP. Als "Denunziant" sah sich Schmid keineswegs, eher als eine Art fleißiger Beamter, der für Ordnung an der universitären Heimatfront sorgen und dafür auch belobigt werden wollte.

Die deutschen Gerichte taten sich nach 1945 schwer, mit dem Phänomen der Denunziation umzugehen; immerhin gab es einige Hundert Verfahren. Die Urteile waren widersprüchlich und undurchsichtig. Das lag nicht zuletzt daran, dass oftmals dieselben Richter, die an den NS-Sondergerichten die Denunzierten abgeurteilt hatten, nun über die Denunzianten zu Gericht saßen.

Es bleibt eine Frage der Betrachtung: Für das Regime war Schmid gerade kein Denunziant. Seine Tat entsprach ganz der volksgemeinschaftlichen Räson, die erwartet wurde. Die Denunziation aus Habgier und Neid hingegen, aus enttäuschter Liebe oder aus Rachsucht galt auch den Nazis als moralisch minderwertig. Das Regime wollte den politischen Wächter, den Denunzianten aus lauteren Motiven, wollte Volksgenossen wie Jakob Schmid. Und dafür brauchte es auch kein Parteibuch.

Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein bedeutete "Denunziation" nur Anzeige

Dass manche ihre Pflichterfüllung übertrieben oder gar die neuen Spielräume des NS-Staates zu ihren Gunsten zu nutzen versuchten, beobachteten die Polizeiinspektionen immer wieder. Intern riefen sie dazu auf, genau hinzuschauen, wenn Eheleute oder Verwandte sich gegenseitig anzeigten. So heißt es in einem Erlass Reinhard Heydrichs an die Leiter aller Staatspolizei-Leitstellen vom 3. September 1939: "Gegen Denunzianten, die aus persönlichen Gründen ungerechtfertigte oder übertriebene Anzeigen gegen Volksgenossen erstatten, ist an Ort und Stelle in geeigneter Weise – durch eindringliche Verwarnung und in böswilligen Fällen durch Verbringung in ein Konzentrationslager – einzuschreiten." Gleichzeitig warb Heydrich für den Aufbau eines "Volksmeldedienstes", der sich (ganz im Sinne Jakob Schmids) gegen "Verrat" richten sollte. Anzeigen war dabei Pflicht.

Ursprünglich, bis ins späte 18. Jahrhundert hinein, hatte der Begriff "Denunziation" keine negative Bedeutung; in der juristischen Sprache war er weitgehend synonym mit der "Anzeige". Die Denunziation als mehr oder weniger anonyme Beschuldigung gehört zur Entstehungsgeschichte des modernen, auf überprüfbaren Verfahren gründenden Strafrechts. Erst im 19. Jahrhundert, insbesondere in der Vormärz-Zeit, verwandelte sich der Begriff zum Schlagwort im Kampf gegen das Metternich-Regime. Hier hat auch der berühmte Satz seinen Ursprung: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant."

Im "Dritten Reich" konnte die Denunziation zum Ventil für das "gesunde Volksempfinden" werden. Der NS-Staat schüchterte seine Bürger ein, und er ermunterte sie zugleich, jeden Tag am "neuen Reich" mitzuarbeiten. Denunzieren konnte jeder, der wollte. Denunzianten kamen oft aus der Nachbarschaft. So wie Salomea Maag: Sie verriet ihren Berliner Nachbarn, den früheren hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 an die Gestapo und lieferte ihn damit ans Messer.

Und Denunziationen gingen auch keineswegs still und heimlich vor sich. Vorneweg marschierten nationalsozialistische Zeitungen wie der Stürmer, der mit infamen Storys über Juden die Angeklagten in Gerichtsverfahren und ihre Angehörigen bloßzustellen versuchte und nicht selten in den Selbstmord trieb. An den Ortseingängen auch vieler kleinerer Gemeinden hing das Blatt in den sogenannten Stürmer-Kästen. So fanden solche Geschichten weite Verbreitung.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ja....

schon kurios, irgendwelche angeblichen Zahlen hinwerfen und den Rest darf man sich denken. Ich halte auch nichts von solchen plakativen und marktschreirischen Ambitionen, denn hinter ihnen kann man sich auch ganz gut verstecken. Denn ohne das auf gesellschaftliche und politische Situationen zu beziehen macht sowas keinen Sinn. Er selbst hält sich ja mit einer Meinung zurück, das halte ich für den interessantesten Aspekt an der Geschichte.