Ich habe Angst vor Geschichten. Es muss irgendwann in den neunziger Jahren gewesen sein, ich ging damals noch zur Schule. An einem Spätnachmittag im Sommer saß ich an der Elbe und blickte hinaus auf den Fluss. Neben mir saßen ein Freund und das Mädchen meiner Träume. Das Mädchen erzählte eine Geschichte, irgendeine, ich habe sie längst vergessen. Wort für Wort aber erinnere ich mich daran, was es dann sagte: "Erzählt ihr mal was. Ganz spontan. Was euch einfällt."

Mir drückt etwas den Hals zu. Ich höre, wie der Freund gut gelaunt Wörter aneinanderreiht, aber ich verstehe kein einziges davon. Ich weiß, dass gleich, wenn er zum Ende kommt, ich an der Reihe bin. Dann ist es so weit, und ich schweige, bringe keine Silbe über die Lippen. Den Blick auf den Fluss, der träge vor mir liegt, gelbbraun unter dem ewig grauen Himmel, die Elbe bei Hamburg.

Warum erzähle ich nicht einfach irgendetwas? Warum fällt mir bis heute nichts ein, wenn ich eine Geschichte erzählen soll? Warum dehnt sich dann in meinem Kopf eine Leere, die Schwarze Löcher schlucken könnte?

Auch mein Vater hat nie viel erzählt. Vielleicht, denke ich mir, weil sein Vater Geschichte geschrieben hat, wie man so sagt, weil er Teil einer Geschichte ist, an die wir voller Stolz im Stillen denken, tagein, tagaus, und die uns unsagbar schmerzt, meinen Vater sicher noch viel mehr als mich.

Einmal, ich war gerade aufs Gymnasium gekommen, bat mich eine Lehrerin, die Geschichte meines Großvaters zu erzählen. Ich begann zu sprechen, brachte zwei, drei Sätze zustande, stockte, dann flossen meine Tränen und wollten nicht mehr aufhören zu fließen.

Nein, ich mag es nicht, Geschichten zu erzählen. Nur: Wer heute keine Geschichten erzählen kann, ist verloren, nicht nur, wenn er Journalist ist wie ich.

Moderne Werbespots zeigen uns keine Produkte – sie erzählen uns Storys von Menschen und Handys, Menschen und Autos, Menschen und Biersorten.

Ein Kosmetikhersteller wie Beiersdorf – ein beliebiges Beispiel für ein großes Unternehmen – arbeitet nicht nur an immer neuen Formeln für Cremes und Lotionen, die alle ihre eigene Geschichte haben. Die Firma arbeitet auch an internen Newslettern, Filmen und Webcasts, in denen es um die Geschichten und Erfahrungen der Mitarbeiter geht. Sie alle sind Teil der großen Beiersdorf-Story.

Wahlkampfstrategen stellen Politiker so dar, dass in den Köpfen der Wähler eine Geschichte entsteht – zum Beispiel die vom nüchternen Experten, der mit seinem Sachverstand das Land rettet.

Sheryl Sandberg, die Facebook-Geschäftsführerin mit je zwei Harvard-Abschlüssen und Kindern, referiert über den neuen Feminismus, indem sie Anekdoten erzählt, etwa darüber, wie sie als Mädchen bossy genannt wurde – herrschsüchtig –, während Jungs so etwas nie zu hören bekommen hätten.

Rentner beauftragen Biografen damit, die eigene Lebensgeschichte zu Papier zu bringen und so aus ganz gewöhnlichen Lebenswegen große Erzählungen zu machen. Und die Jüngeren schreiben auf Facebook sowieso die Chronik ihres Lebens, die jeden Tag immer ausufernder, immer länger wird.

Geschichten, überall Geschichten, die für Umsatz sorgen, die Macht verleihen, die Anerkennung aussprechen.

Ich bin Journalist. Ich sollte wissen, wie man eine gute Story macht. Aber etwas sträubt sich in mir.

Deshalb sitze ich jetzt hier, in diesem Seminarraum der RTL-Journalistenschule in Köln, gemeinsam mit sechs Frauen und zwei Männern, und starre auf einen Flachbildschirm an der Wand, auf dem in Großbuchstaben der Satz leuchtet: "Geschichten machen erfolgreich".

Vor den leuchtenden Buchstaben sitzt Uwe Walter: 48 Jahre alt, stämmig, muntere Augen, eine Nase, die sich nicht versteckt, vorgeschobene Brust, der ganze Körper eine Bewegung nach vorn. Walter ist Berater praktisch aller deutschen Radio- und Fernsehsender, außerdem vieler Drehbuchautoren, Zeitungsredaktionen, Werbeagenturen und PR-Fachleute. Er nennt sich "Storytelling-Coach".