Medizingeschichte : Prof. Dr. med. Zufall

Vom Pockenschutz bis zu Viagra: Viele Entdeckungen der Medizingeschichte gelangen völlig absichtslos.
Verdorbene Proben: Alexander Fleming fiel 1928 die heilsame Wirkung des Pilzes Penicillium notatum auf. © Baron/Getty Images

Der Anblick des Neugeborenen war erschreckend: Ein riesiger Blutschwamm bedeckte große Teile seines Gesichts. Zwar sind Blutschwämme, sogenannte Hämangiome, nur gutartige Gefäßtumoren und meist harmlos, doch für einen so extremen Fall gab es kaum Behandlungsmöglichkeiten. Der Säugling erhielt ein Mittel gegen Entzündungen, das oft starke Nebenwirkungen auslöst. Trotz dieser riskanten Therapie wuchs die Geschwulst weiter und begann auf die Luftröhre zu drücken. Als das Kind zwei Monate alt war, diagnostizierten die Ärzte der Klinik in Bordeaux ein weiteres Problem: Herzschwäche. Dagegen immerhin konnten sie dem kleinen Patienten ein bewährtes, gut verträgliches Mittel geben, den Betablocker Propranolol.

Bereits am Tag nach der ersten Verabreichung beobachteten die Mediziner Außergewöhnliches: Die Geschwulst änderte ihre Farbe von intensivem Rot zu Violett und wurde weicher. In den folgenden Tagen begann der Schwamm vor den Augen der Ärzte dahinzuschmelzen. Schon nach sechs Monaten war er fast völlig verschwunden – das entzündungshemmende Mittel hatten die Ärzte da längst abgesetzt.

Hatte der simple Betablocker einen Tumor besiegt, dem ein viel belastenderes Medikament nichts anhaben konnte? Die Mediziner erprobten die Behandlungsmethode bei zehn weiteren Kindern und erzielten ähnliche Erfolge. Das war zwar noch kein Wirksamkeitsbeweis, doch die Ergebnisse stimmten hoffnungsvoll. 2008 wurden sie im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Die Zufallsentdeckung der französischen Ärzte ist seither eine wichtige Behandlungsalternative bei großen Blutschwämmen. Zwar wurde Propranolol für diese Anwendung noch immer nicht offiziell zugelassen, und man weiß auch gar nicht, warum es gegen die Tumoren wirkt. Doch die Ergebnisse sind so überzeugend, dass der Betablocker auch an deutschen Kliniken eingesetzt wird. Die Universitätsklinik Heidelberg hat bereits 250 Kinder auf diese Weise therapiert. Ernste Nebenwirkungen sind bislang nicht aufgetreten.

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Der Fall ist nur ein Beispiel. Viele Entdeckungen in der Medizin sind dem Zufall zu verdanken – selbst heute noch. Dabei glaubte man in den vergangenen Jahrzehnten, die Zeit der absichtslosen Entdeckungen sei vorbei, die Zukunft der Arzneimittelentwicklung liege im zielgerichteten Design von Wirkstoffen.

In der Tat hatten Molekularbiologie und Genetik neue Einblicke in die Mechanismen der Krankheitsentstehung ermöglicht. Nun hoffte die Pharmaindustrie auf Medikamente nach dem Prinzip: ein Gen, ein Patent, ein Produkt. "Mechanistischer Molekülglaube" ist das aus Sicht des Bremer Pharmakologen Bernd Mühlbauer. "Man weiß, was man braucht, auf der Ebene der Biophysiologie ist das auch nachvollziehbar, aber praktisch tut sich nichts." Mühlbauer, Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, ist davon überzeugt, dass Forschungserfolge immer auch Zufall sind: "Die Entwicklung wirklich innovativer Wirkstoffe lässt sich in der Regel nicht planen."

Der Markt gibt ihm recht. Echte Innovationen sind seit Mitte der achtziger Jahre selten geworden. Internationale Experten schätzen, dass von den 20 Wirkstoffen, die im Durchschnitt pro Jahr neu angeboten werden, nur einer einen wirklichen Fortschritt für die Patienten bringt. Zu oft setzt die Pharmaindustrie auf planbare Erfolge, zum Beispiel sogenannte Me-too- Präparate – Varianten erfolgreicher Medikamente mit fast identischer Zusammensetzung. "Wir brauchen aber nicht den 20. Betablocker oder den 17. Calcium-Antagonisten", sagt Mühlbauer, "wir brauchen Wissenschaftler mit Beobachtungsgabe, Fähigkeit zum Querdenken und langem Atem."

Von eigenwilligen Köpfen hat die Medizin seit jeher profitiert. Ende des 18. Jahrhunderts fiel dem britischen Arzt Edward Jenner auf, dass Melkerinnen zwar häufig an Kuhpocken litten, jedoch nicht an den viel gefährlicheren Menschenpocken erkrankten. Bestand da ein Zusammenhang? 1796 wagte Jenner ein Experiment, das nach heutigen Maßstäben ein unzulässiger Menschenversuch war. Er infizierte den achtjährigen Sohn seines Gärtners mit dem Erreger der Kuhpocken, indem er seine Haut ritzte und die Wunde mit dem Sekret einer erkrankten Melkerin bestrich. Tatsächlich erkrankte der Junge an der harmlosen Infektion. Als er genesen war, folgte der riskantere Teil des Experiments. Jenner infizierte den Jungen auf die gleiche Weise mit Menschenpocken. Doch das Kind blieb verschont, sein Körper hatte offensichtlich bereits eine Abwehr gegen das Virus aufgebaut. Die Pockenschutzimpfung war erfunden.

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