In keinem anderen Land Europas steht Familienpolitik derart unter Ideologieverdacht wie in Deutschland. Auf ihren Kampffeldern verständigt sich die Gesellschaft über ihre Leitbilder. "Rabenmütter" treten gegen "Latte-macchiato-Mütter" an und "Softies" gegen "Machos". Beide scheinen jeweils in völlig verschiedenen Welten zu leben. Ein positiv besetztes Familienbild fehlt.

Wir brauchen Antworten auf die Fragen: Wie sollen Männer und Frauen im 21. Jahrhundert zusammenleben? Mit welchem familienpolitischen Fahrplan? Wie kann man wirtschaftliche Interessen mit denen von Familien in Einklang bringen? Will man hier weiterkommen, braucht es klare Zielmaßgaben. Mehr Geburten und mehr Mütter auf dem Arbeitsmarkt sind zwar wichtige Ziele. Aus unserer Sicht hat aber ein anderes Ziel Priorität: das Wohl von Kindern und Eltern.

Trotz vielfältiger Reformen wird die deutsche Familienpolitik oft als teuer, inkonsistent und wenig effektiv kritisiert. Dabei sind heute Politiker fast aller Parteien einig, dass der Wandel von der Hausfrauenehe zum Zweiverdienerhaushalt aus ökonomischen, emanzipatorischen und demografischen Gründen anliegt.

Jahrzehntelang hat die Politik die Lebensrealität junger Familien nicht adäquat wahrgenommen. Erst vor drei Legislaturperioden hatte man damit begonnen, Gesetze zu modernisieren oder neu zu schmieden. Das Elterngeld und die damit verbundenen Vätermonate sind Resultat dieser Modernisierungen, ebenso der Ausbau der Kinderbetreuung, die eingetragene Lebenspartnerschaft und die veränderte Rechtsauffassung beim Ehegattenunterhalt. In kürzester Zeit wurde mehr in die Wege geleitet als in dreißig Jahren davor.

Nun drohen die wertvollen Reformen allerdings auf halbem Wege stecken zu bleiben, eine übergeordnete Strategie ist nicht zu erkennen. Das führt zu elementaren Widersprüchen. Deutlich wird dies etwa beim angestrebten weiteren Kita-Ausbau und der gleichzeitigen Einführung des Betreuungsgeldes für zu Hause erziehende Frauen.

Zahlreiche Studien belegen, dass sich Kinder dann am besten entwickeln, wenn ihre Eltern zufrieden sind. Und deren Zufriedenheit lässt sich grundsätzlich durch drei Mechanismen verbessern: wirtschaftliche Stabilität, Chancengleichheit und Wahlfreiheit.

Familien müssen sich ökonomisch einigermaßen sicher fühlen – und zwar über längere Zeiträume. Dies gelingt unter anderem auch durch einen Abbau prekärer Arbeitsverhältnisse, eine Verbesserung des Angebots an Arbeitsplätzen unterhalb von 40 Wochenstunden, bei flexiblen Arbeitszeiten, und durch den Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung. Chancengleichheit wiederum bedeutet: Kinder müssen sich unabhängig von ihrer sozialen Herkunft entwickeln können. Dazu gehört auch, dass die Kinder als gleich angesehen und unterschiedliche Familienkonzepte vorbehaltlos toleriert werden. Wahlfreiheit schließlich bedeutet, dass eine demokratische Mehrheitsgesellschaft damit leben können muss, wenn Menschen – in den rechtlich gesteckten Grenzen – ihr (Familien-)Leben so gestalten, wie sie es für richtig erachten. Wir glauben, dass sich mehr Menschen für Kinder entscheiden würden, wenn diesen drei Kriterien mehr Bedeutung beigemessen würde. Was müsste nun also passieren?