Die Mörder kamen in der Nacht, sie kamen mit Brandbomben und Schrotflinten, und sie kamen nicht nur einmal, sondern immer wieder. Sechs Menschen starben, als vor fünf Jahren ungarische Rechtsradikale mehrere Roma-Familien überfielen und unter Feuer nahmen. Über diese Mordbrennerei hat der ungarische Regisseur Bence Fliegauf einen Spielfilm gedreht, den die Orbán-Regierung als Angriff auf die Ehre der Nation empfand.

Als Just the Wind bei den Berliner Filmfestspielen den Silbernen Bären gewann, verteilte die ungarische Botschaft Flugblätter und Warnhinweise. Rassistische Übergriffe gebe es überall auf der Welt, und zudem habe Ungarn ein ehrgeiziges Integrationsprojekt für seine Minderheit gestartet. Just the Wind sei kein Dokumentarfilm, sondern reine Fiktion.

Die Regierung hat recht, der Film ist keine Dokumentation, er kann es gar nicht sein, denn die Menschen, die in ihm auftreten müssten, sind alle tot. Stattdessen erzählt Fliegauf, frei erfunden, den Tag einer Roma-Familie, deren Nachbarn am Vortag ermordet worden waren. Sein Film beginnt mit Sonnenaufgang und endet mit Sonnenuntergang. Die Familie legt sich schlafen, Mutter, Tochter, Sohn liegen in einem Bett, die Körper eng verschlungen. Plötzlich hören sie im Wald Geräusche. "Es ist nur der Wind", sagt die Mutter Mari (Katalin Toldi), "schlaft weiter." Später sieht man, wie drei Särge durch ein Leichenschauhaus geschoben werden. Nur der elfjährige Sohn Rio (Lajos Sárkány) hatte flüchten können, vielleicht hat er überlebt. Der Zuschauer sieht hinter dem Fliehenden das Mündungsfeuer eines Gewehrs – und der Ton bricht ab.

Bereits im Vorspann verrät Just the Wind das Ende seiner Geschichte, und das heißt: Er muss die Spannung allein durch seine Atmosphäre erzeugen, durch Zeichen und Vorzeichen – durch das Unsichtbare. Das Haus der Familie liegt abseits im Wald, und der Wald ist hell und freundlich, das Sonnenlicht funkelt im Grün der Blätter. Und doch liegt etwas in der Luft. Schemenhaft huschen Gestalten durchs Unterholz, und nach und nach verwandelt sich der friedliche Wald in eine finstere Drohung, in ein großes anonymes Auge. Das Unsichtbare ist das Wirkliche und hält die Menschen im Griff. Oder sollte alles bloß Einbildung sein?

Einmal rollt, wie auf der Pirsch, ein schwarzes Auto heran, eine aggressiv aufgemotzte Halbstarken-Schleuder, die Scheiben rundum verspiegelt. Der Fahrer fährt im Schritttempo neben dem kleinen Rio und spielt sprungbereit mit dem Gas. Der Verfolger zeigt sich, und kann doch – die alte Definition des Bösen – selbst nicht erkannt werden. "Ich sehe dich, aber du siehst mich nicht." Der enge Blickwinkel der Kamera, das ist der ästhetische Coup des Films, steigert den Schrecken noch, die Kamera findet keinen Halt, auch sie wirkt gehetzt und sitzt den panischen Figuren dicht im Nacken.

Fliegauf reizt die Waldmetaphorik aus, an ihr hängt fast alles: Der Wald ist der Spiegel der Gesellschaft, in ihm ist Gefahr, Hetzjagd, Gewalt, Vorzivilisation. "Seit dem Holocaust hat es solch einen Angriff gegen eine Ethnie in Ungarn nicht mehr gegeben", sagt er in einem Interview, und der Vergleich fällt nicht zufällig. Fliegauf behauptet nicht, die Roma seien die Juden von heute; er behauptet, die Logik der Ausschließung sei immer noch virulent und der Faschismus lauere im Herzen des Staates. In dem Moment, wo der Staat die Roma aus dem Universum der Bürgerrechte aussondert, erklärt er sie für vogelfrei – er gibt sie dem Hass der Gesellschaft zum Abschuss frei wie Misu, das im Wald herumirrende Schwein. "Es riecht hier nach Aas", sagt der Hausmeister und hält Mari den Ventilator an den Kopf.