Flüchtlinge in HamburgLetzte Zuflucht

Ein Hamburger Pastor öffnet seine Tür für achtzig Afrikaner: Weil die Opfer des Libyenkrieges nirgends Hilfe fanden, wohnen sie nun in der Gemeinde St. Pauli von 

In Deutschland gibt es kein Mitleid. Dort lassen sie dich hungern und frieren. Dort geben sie dir kein Obdach, und falls du dir Teppichreste aus einem Müllcontainer klaubst, um dich nachts in einem Park darin einzurollen, dann kommt das Grünflächenamt und steckt Zettel in die Teppiche, dass das Betreten des Rasens verboten ist. Dass du verboten bist.

In Deutschland gibt es kein Mitleid. Auf diesen düsteren Gedanken kann man kommen, wenn man ein Kriegsflüchtling ist und in Hamburg strandet, so wie die Afrikaner von Sankt Pauli, die viele Wochen im Freien kampieren mussten. Jetzt sitzen sie vor der schönen Backsteinkirche unter den hohen Bäumen in der Sonne, als wäre alles gut. Doch erst ein Pastor holte sie von der Straße, nach langem Herumirren in der reichen Stadt.

Anzeige

Jetzt sagen sie: Nur der Pastor hatte Mitleid. Er hat uns die Tür geöffnet. Er nennt dich nicht Flüchtling, sondern Gast. Ihm ist nicht egal, was du erlitten hast und wer du früher warst, nämlich kein Flüchtling, sondern ein Fliesenleger, ein Chemiker, ein Industriekaufmann. Doch dann kamen die libyschen Rebellen und enthaupteten deinen Bruder mit einer Machete. Du selber wurdest in einem Keller gefoltert und wusstest nicht einmal, wer die Folterer waren. Der Pfarrer ist der erste Deutsche, der sich dafür interessiert hat. Wie sie dich in einem Lager an der Küste Libyens internierten. Wie sie dich zwangen, mit viel zu vielen anderen in ein winziges Fischerboot zu steigen und aufs Mittelmeer hinaus zu fahren, ohne Trinkwasser, ohne Kapitän, ohne Kompass. Vorher nahmen sie dir dein Handy, deinen Pass, einfach alles weg. Deine Frau und deine Kinder kamen auf ein anderes Boot, du hast sie nie wiedergesehen. Vielleicht ertranken sie vor der Küste Europas, weil sie nicht landen durften. Du kamst in ein neues Lager, nun im friedlichen Italien, ein Überlebender, aber mittellos, sprachlos, unfrei. Und als die EU nach zwei Jahren dein Lager wegen unmenschlicher Zustände schloss, da gaben die Italiener dir ein Touristenvisum für Europa. Dass war gegen die Gesetze, aber das wusstest du nicht.

In Deutschland gibt es kein Mitleid, sagt der junge Mann, den die 80 Gäste von Pfarrer Sieghard Wilm vor nun sechs Wochen zu ihrem Sprecher gewählt haben. Er sagt es freundlich, aber bedauernd. Das sei der Eindruck gewesen. Leider. Sie hatten ja nie vorgehabt, in dieses Land zu kommen, aber sie glaubten, dass bei den Deutschen die Menschenrechte noch etwas gelten. Zum Beispiel das Recht auf Arbeit, damit man kein Bettler sein muss. Aber das war anscheinend eine Illusion. Sie durften hier nicht arbeiten, und das heißt, sie durften sich selber kein Brot beschaffen, sondern mussten auf Hilfe hoffen, die nicht kam. Bis in Sankt Pauli einer die Tür aufmachte. Jetzt haben sie jeder eine Isomatte und ein Kissen und eine Bettdecke mit kariertem Bezug. Ein eigenes Stück kühlen Kirchenboden und ein Dach überm Kopf. Immerhin. Von der Empore blickt der gekreuzigte Christus auf sie herunter, auf die 40 Muslime ebenso wie auf die 40 Christen.

Der Sprecher, der in seiner Heimat der Pfingstkirche angehörte, sagt, erst dieser evangelische Pfarrer habe ihnen den Glauben zurückgegeben. Den Glauben an Deutschland. Den Glauben, dass überhaupt irgendjemand sie als Mitmenschen betrachtet, nicht nur als Aussätzige, Störenfriede, Feinde. Dieser Glaube kam ihnen abhanden auf dem endlosen Weg von Libyen bis in den kleinen Park am Hamburger Bismarckdenkmal, wo das Ordnungsamt ihnen Platzverweise erteilte, so wie man Strafzettel an ein falsch geparktes Auto steckt. Die Zettel waren natürlich auf Deutsch.

In dem Moment muss den Afrikanern klar geworden sein, dass sie alleine nicht weiterkommen. Das Denkmal des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der einst kritisierte, dass es vielen achtbaren Menschen an Zivilcourage fehle, steht an einem Hang hoch über Hamburgs Hafen. Man sieht von dort die großen Schiffe, die Container, die Kräne. Das sogenannte Tor zur Welt. Leider steht es nicht allen offen. Und so wandten die Hilfesuchenden sich ein paar Schritte nach Westen, wo die Kirche St. Pauli aufragt.

"Da standen sie vor der Tür und wollten ihre Teppichreste bei mir auf dem Kirchhof ausrollen", sagt Sieghard Wilm, "sie hatten ja nicht einmal Decken." Er erinnert sich nicht so sehr an die abgerissene Kleidung, die sie seit Wochen am Leib trugen, sondern an die gehetzten Blicke. "Sie sahen aus wie Gejagte." Warum er die Entscheidung traf, zu helfen, wo seit 2011, seit der Landung dieser Kriegsopfer an der Küste unseres Kontinents, niemand geholfen hatte, das erzählt er nicht als dramatische Geschichte. Es habe halt angefangen zu regnen. "Da habe ich ihnen die Tür aufgeschlossen, und dann kamen schon Nachbarn und brachten Decken."

Leserkommentare
  1. Allerdings finde ich nicht gut,daß man den Flüchtlingen kein Taschengeld bezahlt.So wenig verdienen Pastoren und Spitzen-Kirchenmitarbeiter ja nun auch nicht.
    VIelleicht sollte man Klingelbeutel bei allein Mitarbeitern oberhalb des Durchschnittslohns herumgehen lassen.

    3 Leserempfehlungen
  2. ...meiner Brüder getan, das habt Ihr mir getan."

    Meine Hochachtung gilt dem Pastor, der nicht nur Nächstenliebe predigt sondern sie auch lebt! Und damit eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst hat.

    Ob die zuständigen Politiker ähnlich couragiert handeln werden und diesen Menschen eine Perspektive geben? Zweifel sind angebracht, dennoch hoffe ich für die Gestrandeten.

    17 Leserempfehlungen
  3. ...die Anzahl der Menschen die Helfen wollen ist viel höher als man glaubt. Aber kaum einer weis wie und wo. Gerade die Kirchen sind da geeignet einzugreifen zu organisieren zu koordinieren.
    Ich bin kein gläubiger Mensch, gehe nicht in die Kirche aber auch bei uns hat die Kirche Flüchtlinge aufgenommen und wir haben Kleider und alte Bettdecken gespendet.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • shtok
    • 20. Juli 2013 9:54 Uhr

    dass die Kirche da die Richtigen sind, wenn es ans eigene Geld geht ist da Schluss. Die meisten angeblich kirchlichen EInrichtungen werden größtenteils vom Staat massiv subventioniert (Kindergärten tlw. bis 90%) der Staat unterstützt die kirchlichen Einrichtungen mit 50 Mill. Euro/Jahr und die anderen Subventionen liegen wohl so um die 15 Milliarden Euro/Jahr (http://www.freitag.de/autoren/aredlin/gottesstaat-deutschland-kirchenfin... und http://wissen.dradio.de/finanzen-verflechtung-zwischen-staat-und-kirche....). Man wird also nur aktiv, wenn ein anderer dies bezahlt und man dabei noch einen schönen Schnitt macht. Das gilt auch für das schöne Konstrukt der kirchlichen Krankenhäuser die immer als gGmbH firmieren, um sich auch der staatlichen Kontrolle zu entziehen, die entstehen würde, wenn sie wie früher Stiftungen gründen würden.

    @Thema
    Schöne rührselige Geschichte, wenn es in D kein Mitleid gibt, warum gehen sie dann nicht in Länder, wo es dieses gibt und sie müssen doch mindestens durch Italien und Österreich gekommen sein, warum sind sie nicht da geblieben oder etwa nach Frankreich oder UK gegeangen.
    Der Text gibt schön die Auswirkungen der dt. Asylpolitik wieder, die den Leuten weiß macht, dass in D einem die gebratenen Hühner in den Mund fliegen, also die goldene Oase.

  4. Hier geht es nicht um Mitleid, sondern um Verantwortung. Diese Flüchtlinge sind auf Grund eines Bürgerkrieges geflohen, den die NATO aktiv forciert hat. Ohne die Unterstützung der NATO Staaten und deren Verbündeten (wie Katar), wäre der Krieg nie so eskaliert. Die Islamisten, die aktiv durch aus Stuttgart koordinierte Luftschläge an die Macht gekommen sind, sind der Hauptgrund für diese Flüchtlinge. Schwarzafrikanische Hilfsarbeiter waren nach dem Sturz Gaddhafis quasi Freiwild. Verfolgung auf Grund von politischen, konfessionellen oder rassitischen Günden an der Tagesordnung.

    Wir sind der Grund, warum diese Menschen Libyen verlassen mussten. Nicht Gaddhafi. Wir! Die Frage nach Mitleid stellt sich da garnicht, weil wir verantwortlich sind für deren Leid. Das nennt sich dann nicht Mitleid, sondern Haftung.

    22 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nicht wir sind der Grund für die Flucht und nicht sie und ich sind verantwortlich. Die Verantwortlichen finden sie in den Parlamenten Frankreichs,Deutschlands, Großbritanniens und den USA..

  5. Ihre Chance nutzen und der Gesellschaft vorleben wie es geht.Die Kirche ist gerade im Moment als Träger und Unternehmer bei Kliniken,Altenheimen ,Kindergärten,Behindertenwerkstätten etcpp sehr erfolgreich,manchmal leider mit Umstrittenen Methoden.
    Aber diese vielen neuen Unternehmen haben viele Arbeitsplätze auf Geschäftsführerniveau/Spitzenniveau entstehen lassen.
    Die Kirche sollte mit ihren Möglichkeiten im Arbeitsrecht diese stellen sofort oder in Zukunft mit einem Sonder-Soii für Spitzeneinkommen belasten und damit Ressourcen für die Flüchtlinge schaffen.
    Damit würde die Kirche zeigen was unsere Gesellschaft braucht: Einen Sonder-SOli auf sehr hohe EInkommen,damit unser Land viel mehr Menschen eine Perspektive bieten kann.
    Und falls sich dann kein Manager finden sollte,idealisten,spitzenkönner aus ganz Europa,auch unter den Flüchtlingen sollten leicht zu finden sein.

  6. Die Verwaltung insbesondere die Polizei dürfen ihnen ja gar nicht helfen bzw. müssten sie eigentlich verhaften und die Gerichte müssten sie eigentlich abschieben. Auch wenn das wohl nur die wenigsten Beamten wollten. Ist halt zur Zeit geltendes Recht, welches - wenn ich mich nicht irre - in dieser Form maßgeblich von den "Sozialdemokraten" auf den Weg gebracht wurde.

    Man kann nur hoffen, dass irgendwann ein Gericht bei Gelegenheit (von alleine dürfen sie es ja auch nicht) diesem Treiben im Hinblick auf Art. 1 I GG, der ja auch Ausländern zusteht, ein Ende bereitet oder die Frage dem BVerfG vorlegt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dth
    • 20. Juli 2013 0:34 Uhr

    Nun, Verfassungsrecht bricht gewöhnliches Recht.
    So wie es sich darstellt, haben diese Menschen einen Anspruch auf Asyl. Zwar wird auch da festgelegt, dass man nicht über einen Staat einreisen darf, in dem die entsprechenden Rechte sichergestellt sind. Aber offensichtlich ist die Annahme, dass das in EU-Staaten der Fall wäre, ja falsch.
    Mutige Richter als auch Verwaltungsbehörden könnten das Recht menschlich auslegen, wenn sie den Mut dazu aufbringen. Da der Pfarrer den Anfang gemacht hätten, hätten sie die Chance dazu.
    Artikel 1 verpflichtet alle staatlichen Organe stehts zu einer solchen, menschlichen Auslegung.
    Deswegen ist ein "wir dürfen nicht anders" Quatsch.

  7. nach außen wird Menschlichkeit gepredigt, aber im Inneren selbst nicht gelebt. So lange ich Geld mit diesen Mißständen verdiene, ist die Welt doch in Ordnung. Jedenfalls für die meisten. Ich hätte auch nie gedacht, dass so etwas mal möglich ist.
    Wieso gibt es keine wirklichen Anlaufstellen für diese Menschen? Und da ist es egal, welcher Nationalität sie sind. Ich hatte mal bei mir in der Stadt angerufen, da wurde mir gesagt, ich könne nicht jeden einfach obdachlos nennen, weil es gibt Obdachlose, Wohnungslose, Asylsuchende und und und... Da jeder eine eigene Problematik hat, hat er sich auch selbst dorthin zu wenden. Dabei wollte ich nur wissen, was man mit den Menschen macht, die den ganzen Tag auf der Straße sind. Oder wo man sie hinschicken könnte. Ich hatte jemanden getroffen, der bei -4 °C draußen warten mußte und sich dann ab 20:00 Uhr bei der Polizei melden konnte.
    Aber wirkliche Auskunft und Hilfe sieht anders aus. Ich war danach ziemlich schockiert.

    4 Leserempfehlungen
  8. mit diesen Menschen umgegangen wurde/wird.
    Es sind also noch immer 220 Menschen auf sich gestellt, verelenden und werden dann ihres Elendes wegen geächtet. Wer im Park wochenlang in seinen Kleidern schlafen muss, riecht irgendwann nicht gut. Und dann geht man naserümpfend vorbei, eigentlich keine schöne Geschichte.
    Allerdings, in der Tat können nur große Häuser Türen öffnen bzw. Organisationen wenigstens Zelte bauen. Dann kommen immer auch anere dazu.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Flüchtling | Kirche | Libyen | Europäische Union | CDU | Grüne
Service