In Deutschland gibt es kein Mitleid. Dort lassen sie dich hungern und frieren. Dort geben sie dir kein Obdach, und falls du dir Teppichreste aus einem Müllcontainer klaubst, um dich nachts in einem Park darin einzurollen, dann kommt das Grünflächenamt und steckt Zettel in die Teppiche, dass das Betreten des Rasens verboten ist. Dass du verboten bist.

In Deutschland gibt es kein Mitleid. Auf diesen düsteren Gedanken kann man kommen, wenn man ein Kriegsflüchtling ist und in Hamburg strandet, so wie die Afrikaner von Sankt Pauli, die viele Wochen im Freien kampieren mussten. Jetzt sitzen sie vor der schönen Backsteinkirche unter den hohen Bäumen in der Sonne, als wäre alles gut. Doch erst ein Pastor holte sie von der Straße, nach langem Herumirren in der reichen Stadt.

Jetzt sagen sie: Nur der Pastor hatte Mitleid. Er hat uns die Tür geöffnet. Er nennt dich nicht Flüchtling, sondern Gast. Ihm ist nicht egal, was du erlitten hast und wer du früher warst, nämlich kein Flüchtling, sondern ein Fliesenleger, ein Chemiker, ein Industriekaufmann. Doch dann kamen die libyschen Rebellen und enthaupteten deinen Bruder mit einer Machete. Du selber wurdest in einem Keller gefoltert und wusstest nicht einmal, wer die Folterer waren. Der Pfarrer ist der erste Deutsche, der sich dafür interessiert hat. Wie sie dich in einem Lager an der Küste Libyens internierten. Wie sie dich zwangen, mit viel zu vielen anderen in ein winziges Fischerboot zu steigen und aufs Mittelmeer hinaus zu fahren, ohne Trinkwasser, ohne Kapitän, ohne Kompass. Vorher nahmen sie dir dein Handy, deinen Pass, einfach alles weg. Deine Frau und deine Kinder kamen auf ein anderes Boot, du hast sie nie wiedergesehen. Vielleicht ertranken sie vor der Küste Europas, weil sie nicht landen durften. Du kamst in ein neues Lager, nun im friedlichen Italien, ein Überlebender, aber mittellos, sprachlos, unfrei. Und als die EU nach zwei Jahren dein Lager wegen unmenschlicher Zustände schloss, da gaben die Italiener dir ein Touristenvisum für Europa. Dass war gegen die Gesetze, aber das wusstest du nicht.

Migration - Lampedusa auf St. Pauli: Flüchtlinge in einer Hamburger Kirche

In Deutschland gibt es kein Mitleid, sagt der junge Mann, den die 80 Gäste von Pfarrer Sieghard Wilm vor nun sechs Wochen zu ihrem Sprecher gewählt haben. Er sagt es freundlich, aber bedauernd. Das sei der Eindruck gewesen. Leider. Sie hatten ja nie vorgehabt, in dieses Land zu kommen, aber sie glaubten, dass bei den Deutschen die Menschenrechte noch etwas gelten. Zum Beispiel das Recht auf Arbeit, damit man kein Bettler sein muss. Aber das war anscheinend eine Illusion. Sie durften hier nicht arbeiten, und das heißt, sie durften sich selber kein Brot beschaffen, sondern mussten auf Hilfe hoffen, die nicht kam. Bis in Sankt Pauli einer die Tür aufmachte. Jetzt haben sie jeder eine Isomatte und ein Kissen und eine Bettdecke mit kariertem Bezug. Ein eigenes Stück kühlen Kirchenboden und ein Dach überm Kopf. Immerhin. Von der Empore blickt der gekreuzigte Christus auf sie herunter, auf die 40 Muslime ebenso wie auf die 40 Christen.

Der Sprecher, der in seiner Heimat der Pfingstkirche angehörte, sagt, erst dieser evangelische Pfarrer habe ihnen den Glauben zurückgegeben. Den Glauben an Deutschland. Den Glauben, dass überhaupt irgendjemand sie als Mitmenschen betrachtet, nicht nur als Aussätzige, Störenfriede, Feinde. Dieser Glaube kam ihnen abhanden auf dem endlosen Weg von Libyen bis in den kleinen Park am Hamburger Bismarckdenkmal, wo das Ordnungsamt ihnen Platzverweise erteilte, so wie man Strafzettel an ein falsch geparktes Auto steckt. Die Zettel waren natürlich auf Deutsch.

In dem Moment muss den Afrikanern klar geworden sein, dass sie alleine nicht weiterkommen. Das Denkmal des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der einst kritisierte, dass es vielen achtbaren Menschen an Zivilcourage fehle, steht an einem Hang hoch über Hamburgs Hafen. Man sieht von dort die großen Schiffe, die Container, die Kräne. Das sogenannte Tor zur Welt. Leider steht es nicht allen offen. Und so wandten die Hilfesuchenden sich ein paar Schritte nach Westen, wo die Kirche St. Pauli aufragt.

"Da standen sie vor der Tür und wollten ihre Teppichreste bei mir auf dem Kirchhof ausrollen", sagt Sieghard Wilm, "sie hatten ja nicht einmal Decken." Er erinnert sich nicht so sehr an die abgerissene Kleidung, die sie seit Wochen am Leib trugen, sondern an die gehetzten Blicke. "Sie sahen aus wie Gejagte." Warum er die Entscheidung traf, zu helfen, wo seit 2011, seit der Landung dieser Kriegsopfer an der Küste unseres Kontinents, niemand geholfen hatte, das erzählt er nicht als dramatische Geschichte. Es habe halt angefangen zu regnen. "Da habe ich ihnen die Tür aufgeschlossen, und dann kamen schon Nachbarn und brachten Decken."

Mitleid ist ansteckend

Zivilcourage erfordert anscheinend gar nicht viel Mut. Und Mitleid ist ansteckend, wenn sich erst mal einer traut. Kaum war die Kirche offen, brachten die Hamburger Brot. Doch weil der Mensch nicht von Brot allein lebt, kochte Bojan, der Wirt vom benachbarten Cafe Geyer, für alle Suppe. Dann kamen die Autonomen aus der Hafenstraße mit dem ersten selbst gebackenen Kuchen. Der Fanklub vom FC St. Pauli brachte T-Shirts, der Präsident des Fußballvereins spendete sämtliche Bettbezüge. Starkoch Tim Mälzer schickte eine Kühltruhe, und die Hamburger Kaffeerösterei will Kaffee liefern, solange Bedarf ist.

Wie lange wird das sein? Solange ein Asylrecht gilt, das Notleidende zu Vogelfreien macht? Oder bloß so lange, bis der Hamburger Senat endlich mit dem Pastor redet? Mittlerweile haben seine Schützlinge sich auf engstem Raum selbst organisiert, es gibt Reinigungsdienste, Essenausgabe, Konfliktberatung. Vierzig hereingeschneite Ehrenamtliche helfen, eine Diakonin, Studenten, Rentner, eine Buddhistin. Die Nachbarinnen haben einen "Wäschering" gegründet, um Kleidung und Handtücher zu waschen. Fünf Lehrerinnen unterrichten Deutsch. "Die Menschen entdecken die Kirche als Handlungsmöglichkeit", sagt der Pastor, "plötzlich entsteht eine ganz neue Gemeinde." Seinen Kritikern entgegnet Wilm, Kirche diene nicht nur der moralischen Erbauung des Landes, und der oberste Maßstab ihres Handelns sei ganz klar: der Mensch.

Der Pastor wird jetzt manchmal von Politikern besucht, die ihm zu seinem Mut gratulieren, aber nicht öffentlich, weil das gegen die Parteidisziplin verstoßen würde. Partei ist, wenn der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz davon spricht, die Flüchtlinge hätten in Hamburg keine Chance zu bleiben. Sie müssten zurück nach Italien. Manche in der Hamburger Bürgerschaft tönen, die Afrikaner sollten nach Hause – wobei man gern wüsste, wo für ein Kriegsopfer, einen Vertriebenen, einen Traumatisierten noch sein Zuhause ist. Parteipolitik ist allerdings auch, dass im zuständigen Stadtbezirk Altona jetzt eine Koalition aus CDU, Grünen und Linken den Obdach gewährenden Pastor unterstützt, obwohl der Bezirksamtsleiter letztes Jahr noch für über 100.000 Euro einen Zaun gegen Obdachlose errichtete.

"Kirche ist kein rechtsfreier Raum, aber ein Raum für Gerechtigkeit", sagt der Pastor. Wenn das geltende Recht Unrecht erzeuge, müsse man sich darauf besinnen, dass unsere Rechtsgeschichte auch aus Fehlern besteht. "Gesetze, die gegen den Menschen stehen, sind zu ändern." Wilm empört sich vor allem darüber, dass seinen Gästen der Bruch des Schengener Grenzcodex vorgeworfen wird, weil sie als Mittellose mit Touristenvisa unterwegs sind. Die Touristenvisa haben sie sich ja nicht selber ausgestellt. Gebrochen wurde der Codex von den Italienern, aber auch die sind nicht allein schuld. Wenn ein Flüchtlingslager von der EU ersatzlos geschlossen wird, weil die Zustände unmenschlich sind, dann ist das ungefähr so, als würde man hungernde Menschen, um ihre Hungersnot zu beenden, erschlagen.

St. Pauli macht den organisierten Zynismus nicht mehr mit. Am letzten Montag, als einige der willkürlich befristeten Touristenvisa ausliefen und der Status einiger Afrikaner illegal wurde, sodass die Polizei sie nun außerhalb des Kirchengeländes aufgreifen kann, verteilte Pastor Wilm Ausweise. Es sind Kärtchen mit einem roten Stempel seiner Kirchgemeinde. Auf jeder der Schriftzug "Gast Nr. XX", damit die Flüchtlinge beweisen können, wo sie hingehören. Das betrifft nur 80 Männer von insgesamt 300, aber mehr passten nicht in die Kirche. Kleine Grüppchen wurden heimlich in anderen Gemeinden aufgenommen oder flüchteten in Moscheen.

In der Bibel steht: "So seid Ihr denn nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen." Das war die Losung für den vergangenen Sonntag, an dem Wilm auch über die Speisung der 5.000 predigte. Er sah darin das passende Gleichnis für seine Situation: Zuerst haben die Jünger Angst, weil ihre 200 Silbertaler nicht reichen, um 5.000 Hungrige zu speisen. Doch dann taucht ein Kind auf und ignoriert den Kassensturz, es teilt die zwei Fische und die fünf Brote, die es besitzt, und wunderbarerweise reicht es am Ende für alle. Wie bei Wilm: Er hatte nicht genug für alle, aber machte einen Anfang und bekam Hilfe – die vielleicht auch beweist, dass Jesus recht hatte mit der Nächstenliebe. "Jede Liebe fängt an mit einer Gewissheit", sagt Wilm. "Wir handeln, ohne zu wissen, ob es gut ausgeht. Aber wir hoffen darauf. Das ist das Prinzip Liebe. Das ist typisch Mensch."

Vielleicht können irgendwann auch die 80 Afrikaner wieder hoffen, auf eine Zukunft vertrauen. Im Kirchhof haben sie gemeinsam mit dem Menschenrechtler Martin Dolzer eine Ausstellung gebaut, darin erzählen sie ihr persönliches Drama: wie sie als westafrikanische Gastarbeiter aus Ghana, Togo, Nigeria nach Libyen kamen. Wie sie ein Auskommen fanden, ihre Familien ernährten. Doch mit Kriegsausbruch wurden sie zu Geächteten, wurden verhaftet, erlebten öffentliche Hinrichtungen, wurden vertrieben, auf der Flucht bombardiert. Am schlimmsten war, dass irgendwann alle Schwarzafrikaner als Gaddafis Söldner verdächtigt wurden und ein wahlloses Morden begann. Um ihr Trauma zu überwinden, müssten sie zuerst ihr Leid klagen dürfen, doch die europäischen Politiker wollen es nicht hören. Eine doppelte Ohnmachtserfahrung: erst verfolgt zu werden und dann unerwünscht zu sein.

Wilm ist froh, dass jetzt der Bundespräsident Joachim Gauck in einer Kirche gegen das Flüchtlingselend gepredigt hat. Wilm trägt in diesen Tagen gern ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift " Refugees welcome – Flüchtlinge willkommen". Dass nun immer mehr Notleidende Einlass begehren in St. Pauli, sei allerdings ein Problem. Ein anderes sei, dass rechte Pöbler am Kirchenzaun auftauchten. Deshalb hilft als Türsteher jetzt Hotte von der Reeperbahn, ein gutmütiger Hüne. Die Davidwache ist zufrieden. Und die Polizei verhaftet derzeit keine Afrikaner, sie will wohl auch nicht Vollstrecker unmenschlicher Gesetze sein.

Pastor Wilm managt derweil mit seinen gerechten Helfern den Alltag im Ausnahmezustand. Zum Glück ist der Pfarrerskollege Martin Paulekun aus dem Urlaub zurück. Aber es fehlt noch immer an vielem, an Obst, Wegwerfbechern, Taschen, neuer Unterwäsche, Socken. Ein paar alte Fahrräder wären gut, bisher besitzen sie nur vier. Taschengeld gibt es übrigens auch nicht. Die Gäste, die so gern arbeiten würden, müssen ohne einen Cent auskommen.

Vor der Kirche hängt trotzdem ein Transparent mit der Aufschrift "Embassy of Hope – Botschaft der Hoffnung". Wilm arbeitet Tag und Nacht an dieser Hoffnung, er bekommt derzeit nicht viel Schlaf, aber hat zwischendurch noch einen Dankesbrief an Papst Franziskus geschrieben. Darin steht, dass sie in Hamburg sehr gerührt seien, weil der Papst nach Lampedusa flog, um an das Schicksal der ertrunkenen Flüchtlinge zu erinnern. Zum Schluss grüßt das kleine St. Pauli das große St. Petri. Soll heißen: Wir haben unseren Humor noch nicht verloren. Wir geben nicht auf.