SteuernDer Richter in uns

Forscher untersuchen die Frage, warum Menschen Steuern zahlen – und warum manche hinterziehen. von Konrad Daubek

Viele haben kalte Füße bekommen. "Seit dem Fall Hoeneß rennen mir die Leute die Bude ein", berichtet ein Züricher Steueranwalt im SonntagsBlick. Acht bis zehn Mandanten bitten ihn täglich, ihre Selbstanzeige vorzubereiten: deutsche Beamte, Unternehmer, Sportler, Künstler und vermögende Handwerker. Aufgeschreckt vom Fall des Münchener Fußballpromis, beichten immer mehr Steuersünder ihren Betrug.

Während der Laie über das Ausmaß der Steuerhinterziehung staunt, bereitet Volkswirten die gegenteilige Frage Kopfzerbrechen: Warum zahlen überhaupt so viele Bürger brav ihre Steuern? Handelten die Menschen wirklich rational – wovon Ökonomen ja meist ausgehen –, müssten noch viel mehr Menschen Steuern hinterziehen.

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Ein waschechter Homo oeconomicus würde die Sache mit einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung erledigen: Er wägt die drohende Strafe, gepaart mit der Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, gegen die mögliche Steuerersparnis ab. Daraus folgt, was er in seine Steuererklärung schreibt – und wie viel er über die Grenze rettet.

"Nach diesem Kalkül müsste der Bürger immer den Staat belügen", sagt Erich Kirchler, Wirtschaftspsychologe an der Universität Wien. Doch so einfach ist es eben nicht.

Zur Lösung des Steuerzahlerrätsels stellen Wirtschaftspsychologen zwei entscheidende Überlegungen an: Es geht um Wahrscheinlichkeiten und Gefühle.

Zum einen zeigen empirische Studien, dass der Mensch objektiv niedrige Wahrscheinlichkeiten subjektiv zu hoch bewertet. Auch wenn gesicherte Zahlen fehlen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass in Deutschland nur etwa jeder hundertste Steuersünder von den Beamten des chronisch überlasteten Finanzamts enttarnt wird. Diese sehr geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit von einem Prozent kommt potenziellen Steuerhinterziehern jedoch viel bedrohlicher vor.

Leserkommentare
    • joG2.0
    • 23. Juli 2013 14:44 Uhr

    ....sich nicht drücken. Ihm wird das Geld abgenommen, bevor er es sieht.

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    Da haben Sie recht, man muss aber den Ökonomen nachsehen, dass sie die Welt des gemeinen Lohnabhängigen nur aus Büchern kennen, ebenso wie die meisten Steuerbetrüger. Eine andere Welt.

    Ihr Kommentar klingt etwas zerknirscht. Zu recht, denn Sie sprechen eine der vielen Ungerechtigkeiten an.

    Warum gibt es überhaupt "abhängige Beschäftigung"?
    Warum werden nicht alle gleich besteuert, mit denselben Sätzen, mit denselben Methoden?

    Jeder könnte einen Betrag X erklären müssen, den er irgendwoher von irgendwem bekommen hat, Steuer Y drauf, die meinetwegen progressiv sein kann, vielleicht sogar sein muss, Freigrenzen darf es auch geben, und fertig.

    Aber das wäre wohl zu einfach. Diese bürokratischen Monster müssen eben beschäftigt und gefüttert werden. Und so wird alles immer schlimmer, immer komplizierter. Das gilt übrigens für jeden Lebensbereich, den Vadder Staat zu unser aller Wohl rechtlich zu regeln versucht, also wörtlich für jeden Lebensbereich.

    Der Artikel bringt es auf den Punkt:
    "(Sieht der Bürger) ... Staat ... als neutralen Dienstleister, der anvertrautes Geld effektiv einsetzt und es den Menschen zurückgibt, zahlt der Bürger sogar freiwillig."

    Tja, es könnte alles so einfach sein ...

    Aber wer sieht es ein, es denen zu geben, die uns alle durch Kaltschnäuzigkeit und Kungelei ins Verderben reißen, denen, die jeden unserer Schritte protokollieren, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen, z.B. derart, daß ihr Vorgehen menschen- und grundrechtswirdrig sein könnte?

    Wer will also dafür wirklich über die Hälfte des Jahres arbeiten, mit Brot und Spielen und Talkshow-Peinlichkeiten abgespeist zu werden? Wer, der das erkennt?

    @JoG2.0 (Nr.1): Da liegen Sie und viele andere falsch. Bücher wie "1000 ganz legale Steuertricks" wenden sich ausschließlich an kleine Männer.

    Schwarzarbeit - ein Delikt kleiner Männer - richtet 4-5 mal so viel Schaden an, wie die Hinterziehung großer Männer wie Uli Hoeneß. Da ist zwar der Betrag pro Kopf größer, aber bei den kleinen Männern macht es die Masse.

    Wir lieben es, auf große, erfolgreiche Männer, Frauen und Unternehmen mit der Moralinkeule einzuprügeln. Niedriger Neid. Dabei sind die (moralisch) nicht besser oder schlechter als der Rest des Volkes.

    Im Gegenteil: Gerade große Unternehmen - Feindbild Nr. 1 der Linksgrünen - zahlen Tariflöhne, Überstunden, Weiterbildung und haben Betriebsräte, Mitbestimmung sowie Frauen-, Behinderte-, Umwelt-, Diskriminierungs- und Datenschutzbeauftragte.

  1. Wenn man sich mal die Zustände in anderen Ländern ansieht (z.B. Griechenland) ist es vielleicht nicht ganz so irrational Steuern zu bezahlen und so zumindest ein funktionierendes Verwaltungssystem zu erhalten (das nämlich ist "der Staat")

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    • joG2.0
    • 23. Juli 2013 18:19 Uhr

    ....sein Konto bekommt um sodann jeden Monat die Abgaben und Streuern manuell zu überweisen? Dann würde er verstehen, was das bedeutet; wie Ungeheuer viel das ist. Dann würde er anders wählen.

  2. Nur wer es sich leisten kann, bescheisst den Staat um seine Steuern. Ob nun legal durch ein Heer von Steuerberatern oder illegal ist im Endeffekt sogar egal.

    Und was habe ich den alsk "Otto-Klein" davon, wenn ich mal mehr Fahrtkilometer ansetze. Bei einem Steuersatz von 20-30% sind das nur Peanuts. Beim "Höchst"stsuersatz lohnt sich ein kleines Täuschungsmnöver schon viel eher.

    Zudem glaube ich, dass nur eine bestimmte Sorte Mensch zu so einer Leistung fähig ist, (Und dadurch in solche Positionen kommen .)

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    • tobmat
    • 23. Juli 2013 15:48 Uhr

    "Beim "Höchst"stsuersatz lohnt sich ein kleines Täuschungsmnöver schon viel eher"

    Darauf wird im aRtickel leider nicht eingegangen. DAS verhältnis zwischen risiko und Nutzen.
    Wer 2.500 € Steuern hinterzogen hat kann bereits mit einem Strafverfahren rechnen. Wenn ich 1 Million hinterzogen habe ist das Verhältnis zum Risiko des Verfahrens ein ganz anderes und ich kann mich über Steuerberater auch besser absichern.

    Bei den Handwerkern, Putzfrauen,Taxifahrern,
    Musikern und anderen Künstlern
    in den Dienstleistungsgewerben, Gastronomie,
    bei Kleingewerblern und vielen Selbstständigen,
    bei vielen Leistungen, die unter Privatpersonen selbst geregelt werden
    ist die Steuermoral auch nicht höher aufgehängt!

    Überhaupt habe ich den Eindruck, einen gewisser Teil an Schattenwirtschaft ist wohl mit einberechnet und wird auch nicht wirklich vehement verfolgt...
    vielleicht auch um den unteren Rand der Gesellschaft in Ruhe zu halten oder nicht weiter zu belasten?

  3. Da haben Sie recht, man muss aber den Ökonomen nachsehen, dass sie die Welt des gemeinen Lohnabhängigen nur aus Büchern kennen, ebenso wie die meisten Steuerbetrüger. Eine andere Welt.

    4 Leserempfehlungen
  4. "Ich fühl mich ungerecht behandelt, so muss man sich nehmen, was man kriegen kann".

    Es ist m.E. nach ein eher diffuses Gefühl. Aber wenn man sich anschaut, wie man Menschen egal welcher Klasse gegenübertritt, nämlich fast immer nur noch als "Bürokratischer Akt".
    Es wird diese Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit darüber, was andere angeht oder den Staat , ja bereits vorher mit ausgesät.
    Natürlich ist der Hauptbeweggrund Egoismus, Habgier wie auch normale Gier, die Rechnung, "WAS PASSIERT DENN".

    Aber hintergründig wirkt doch stark mit, dass egal wo wir als Mensch uns in dieser Geselschaft aufhalten, wir nur noch dann Menschen begegnen, wenn uns das System zB auf der Straße den Freiraum dazu lässt.

    Was es mir auf den Keks geht, bei Lidl zB zu spüren, wie die Kassierer(innen ) auf Anordnung hin "Guten Tag, ich wünsche ein schönes Wochende, Danke für ihren Besuch, bitte ihr Geld" abspulen. Die überschlagen sich teilweise darin. Und es klingt nicht mehr danach, dass man irgendwie in menschlichen Kontakt steht.

    Ich will damit sagen, wir betrachten die Anderen (die wir als potentieller Steuersünder betrügen) als die Anderen, weil wir kaum Gelegenheit hatten , uns in einer Welt vorzufinden, die wir mit anderen teilen. Es ist sehr vieles abstrakt und anonym.
    Vielleicht treffe ich nicht ganz den Kern, aber in dieser Richtung denke ich immer, wenn ich mir überlege, warum wir so viele versteckte "sanfte Kriminalität" haben.

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    Das Gefühl ist eher dieses: "Ich bin der einzige Dumme, der brav seine Steuern zahlt!"

    Solche Gefühlswelten gibt es auch in anderen Zusammenhängen. So habe ich mal eine Bericht über die Immobilienblase in Spanien gelesen. Jemand, der sich eine eigene Wohnung nicht hätte leisten sollen hat sich davon verleiten lassen. Alle haben sich halt Wohnungen gekauft und er wollte nicht der Dumme sein, der sich nicht auf dieses sichere Geschäft einlässt.

    Deshalb bewerte ich die "Entzauberung" von Uli Hoeneß auch eher positiv. Durch den Fall ist nun der Uli "der Dumme". Seitdem haben sich mehr Leute selbst angezeigt, um nicht eines Tages selbst einmal die Dummen zu sein.

  5. Fast eine umme Frage. Damit es Hoeneß & Co. gut geht. Dafür gibt es dann schließlich Brot und Spiele.

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  6. ...dritte Steuerbescheid falsch ist, vgl.

    http://www.ksta.de/geld/-...

    kann man auch sagen, der Staat betrügt seine Bürger, sei es, weil das Steuerrecht zu kompliziert ist, sei es, weil Finanzbeamte sonst überfordert sind oder schlampig arbeiten.

    Das wäre auch einmal eine Geschichte.

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  7. ... nur leider fehlt mir die Art Einkommen, die dies ermöglicht. Genauso wie dem Gros der Steuerbürger. Steuerbetrug ist daher im Wesentlichen von Besserverdienenden, die einen hohen Anteil ihrer Einkünfte nicht aus sozialversicherungspflichtiger Arbeit beziehen (Vermietung, Spekulationsgewinne etc.). Jeder Steuerfahnder würde da ein vielfaches seines Salärs "wieder einspielen". Aber nein. Wir wollen doch nicht die Stützen der Gesellschaft kriminalisieren.

    BTW: Beamte, denen Steuerhinterziehung oberhalb einer Bagatellgrenze nachgewiesen wird, sollten ihre Stellung und Altersbezüge auf der Stelle verlieren. Schön wär's zumindest.

    6 Leserempfehlungen
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    Zitat:
    BTW: Beamte, denen Steuerhinterziehung oberhalb einer Bagatellgrenze nachgewiesen wird, sollten ihre Stellung und Altersbezüge auf der Stelle verlieren. Schön wär's zumindest.

    Wer sagt denn, das es diese Möglichkeiten nicht gibt? http://www.steuerdelikt.d...

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