Viele haben kalte Füße bekommen. "Seit dem Fall Hoeneß rennen mir die Leute die Bude ein", berichtet ein Züricher Steueranwalt im SonntagsBlick. Acht bis zehn Mandanten bitten ihn täglich, ihre Selbstanzeige vorzubereiten: deutsche Beamte, Unternehmer, Sportler, Künstler und vermögende Handwerker. Aufgeschreckt vom Fall des Münchener Fußballpromis, beichten immer mehr Steuersünder ihren Betrug.

Während der Laie über das Ausmaß der Steuerhinterziehung staunt, bereitet Volkswirten die gegenteilige Frage Kopfzerbrechen: Warum zahlen überhaupt so viele Bürger brav ihre Steuern? Handelten die Menschen wirklich rational – wovon Ökonomen ja meist ausgehen –, müssten noch viel mehr Menschen Steuern hinterziehen.

Ein waschechter Homo oeconomicus würde die Sache mit einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung erledigen: Er wägt die drohende Strafe, gepaart mit der Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, gegen die mögliche Steuerersparnis ab. Daraus folgt, was er in seine Steuererklärung schreibt – und wie viel er über die Grenze rettet.

"Nach diesem Kalkül müsste der Bürger immer den Staat belügen", sagt Erich Kirchler, Wirtschaftspsychologe an der Universität Wien. Doch so einfach ist es eben nicht.

Zur Lösung des Steuerzahlerrätsels stellen Wirtschaftspsychologen zwei entscheidende Überlegungen an: Es geht um Wahrscheinlichkeiten und Gefühle.

Zum einen zeigen empirische Studien, dass der Mensch objektiv niedrige Wahrscheinlichkeiten subjektiv zu hoch bewertet. Auch wenn gesicherte Zahlen fehlen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass in Deutschland nur etwa jeder hundertste Steuersünder von den Beamten des chronisch überlasteten Finanzamts enttarnt wird. Diese sehr geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit von einem Prozent kommt potenziellen Steuerhinterziehern jedoch viel bedrohlicher vor.

Auch die Steuermoral des Nachbarn beeinflusst uns

Zum anderen scheint es in unseren Köpfen eine Art Steuermoral zu geben. Schon Adam Smith, Ökonom und Chefliberaler des 18. Jahrhunderts, brachte in seiner Theorie der ethischen Gefühle einen "inneren Richter" ins Spiel.

Um die Steuermoral der Bürger zu vermessen und zu ergründen, entwickelte Kirchler 2008 mit Kollegen das Slippery-Slope-Modell, das zwischen erzwungener und freiwilliger Steuerehrlichkeit unterscheidet.

Erscheint der Staat als gewaltiger Gegner, Geldverschwender und harter Sanktionierer, zahlt der Bürger seine Steuern nur zähneknirschend – aber er zahlt. Sieht er den Staat dagegen als neutralen Dienstleister, der anvertrautes Geld effektiv einsetzt und es den Menschen zurückgibt, zahlt der Bürger sogar freiwillig. Um möglichst alle Steuern einzutreiben, kann der Staat also zwischen zwei Masken wählen: Macht oder Vertrauen. Ist beides kaum ausgeprägt, offenbart sich im ökonomischen Modell ein "glitschiger Abhang" – den die Steuermoral hinunterrutscht.

Das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) hat die Steuermoral in verschiedenen Ländern untersucht und untermauert Kirchlers Thesen: Während Kanada auf den Faktor Macht setzt und Steuerhinterziehung hart bestraft, versuchen skandinavische Länder, das Vertrauen der Bürger über Transparenz zu stärken. Den Bürgern beider Länder attestieren die Wissenschaftler eine hohe Steuermoral, Kirchler platziert sie auf der Hochebene seines glitschigen Abhangs.

Länder wie Griechenland, Italien und Moldawien hingegen gleiten den Abhang hinunter – kein Vertrauen, keine Autorität. Deutschland rangiert im Mittelfeld. Die Diagnose hier: hohe Vertrauenswürdigkeit, gepaart mit einer mittleren Portion Druck.

Nicht zu unterschätzen sei auch der argwöhnische Blick über den Gartenzaun: Jeden interessiert insgeheim, wie es um die Steuermoral seiner Nachbarn bestellt ist. Wer glaubt, dass die keine Steuern zahlen, will selbst auch nichts mehr abgeben. Fast zwei Drittel der Deutschen hegen solche Zweifel. Durch die Entzauberung prominenter Moralisten wie Uli Hoeneß dürften sie wohl noch wachsen.