DIE ZEIT: Frau Woopen, die Medizin kontrolliert die menschliche Fortpflanzung immer umfassender. Macht Ihnen das Angst?

Christiane Woopen: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aber eine Frage treibt mich schon um: Wie verändert die Technisierung die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern? Technische Beherrschung erinnert mich an Eigentums- und Machtausübung und nicht an ein dienendes, liebendes Verhältnis. Plakativ gesprochen: Wenn die Grenze vom Kind als Geschenk zum Kind als Produkt überschritten wird, dann halte ich das nicht für zuträglich.

ZEIT: Heutzutage haben Frauen die Möglichkeit, Eizellen in jungen Jahren einzufrieren, um im höheren Alter noch Mutter werden zu können. Würden Sie dazu raten?

Woopen: Nur denen, die konkrete Probleme haben, etwa wenn eine Krebsbehandlung ihre Fruchtbarkeit gefährdet. Nicht aber allen Frauen.

ZEIT: Aber medizinische Probleme mit ihrer Fortpflanzung können jeder Frau drohen – wenn sie zu lange wartet.

Woopen: Ich warne vor dem Versuch, ein soziales Problem biologisch zu lösen. Frauen können jetzt eine persönliche Entscheidung treffen, für ihre Biografie, ihre Lebensplanung. Das dürfen sie. Zugleich handelt es sich beim Verschieben des Kinderwunsches aber um eine gesellschaftliche Frage: Wie können Frauen ihren beruflichen Weg gehen, ohne auf Familie verzichten zu müssen oder zu glauben, dies zu müssen. Es bleibt doch wünschenswert, dass Kinder verhältnismäßig früh im Leben zur Welt kommen und nicht für die Karriere auf später verschoben werden.

ZEIT: Aber es gibt Frauen, die in ihren fruchtbaren Jahren keinen passenden Partner haben und die sich die Möglichkeit für Kinder erhalten wollen. Spricht denn wirklich etwas dagegen?

Woopen: Ich will da nicht polarisieren. Aber wir müssen aufpassen, wenn technische Lösungen für schwierige Einzelschicksale zu einer normalen sozialen Praxis werden. Und bedenken Sie, dass sich das Fortpflanzungserleben selber verändern kann. Dieser Akt der körperlichen Vereinigung in liebevoller Hingabe, aus der heraus ein Kind entsteht, ist etwas anderes, als wenn man diesen Vorgang ohne Not ins Labor verlegt.

ZEIT: Viele Frauen betrachten das als einen Akt der Emanzipation. Mit der Pille können sie sich gegen die frühe Schwangerschaft schützen. Indem sie ihre Eizellen einlagern lassen, können sie nun viel später doch schwanger werden.

Woopen: Wann man Kinder bekommt, mit wem und wie viele – dass Menschen das Recht haben, über ihre Fortpflanzung selbst zu bestimmen, steht außer Frage. Diese Emanzipation könnte sich aber ins Gegenteil verdrehen, wenn sich Frauen rechtfertigen müssen, wieso sie ihre Eizellen nicht einfrieren und erst einmal Karriere machen. Oder wenn sie ihre eingefrorenen Eizellen nicht nutzen wollen, weil sie gar keinen Kinderwunsch mehr haben.

ZEIT: Sie fürchten, durch ihre bloße Verfügbarkeit wird die Technik einen Bedarf wecken? Besteht der nicht längst?

Woopen: Ja, aber es ist dringlicher, den Grund dafür zu überwinden: Dieses Phasendenken – erst Ausbildung, dann Karriere, dann Kinder. Diese Technik des social freezing kann im Einzelfall, unter besonderen persönlichen Umständen, sehr hilfreich sein. Aber ich hätte große Bedenken, falls sie allgemein üblich werden sollte.