In einem Jugendzentrum im fränkischen Bamberg steht Stefan Betz und kritzelt mit einem Stift auf seinem Tablet-Computer herum. "Wir wollen eine verschlüsselte Nachricht schicken", sagt er, und der Beamer lässt krakelige Zeichen und Striche an der Wand erscheinen.

Was Betz auf Laienniveau zu erklären versucht, war vor einigen Jahren noch streng gehütetes Geheimwissen: Verschlüsselungstechniken, wie sie nur Geheimdiensten, Militärs und ein paar Hackern bekannt waren. Heute sollen seine Zuhörer lernen, wie sie mit solchen Methoden die Inhalte ihrer E-Mails oder Kurznachrichten verschlüsseln können – so, dass nur der vorgesehene Empfänger sie lesen kann und nicht etwa auch ein spähender Geheimdienst. "Wir sind hier", hatte es gleich zur Begrüßung geheißen, "weil wir alle überwacht werden."

Es ist Freitagabend, kurz nach 19 Uhr. Etwa zwei Dutzend Erwachsene, wenige sind älter als 30, sitzen in einem hell ausgeleuchteten Zimmer. Weiße Wände, vier Tischreihen, an der Tür ein laminiertes Schild mit der Bitte, den Raum in ordentlichem Zustand zu hinterlassen.

Vorn steht Betz, 29 Jahre, IT-Fachmann, blonde Haare, Brille, breites Fränkisch. Er bemüht sich, seinen Vortrag allgemeinverständlich zu halten, während er durch Präsentationsfolien klickt, die gespickt sind mit Begriffen wie "asymmetrische Verschlüsselung" und "Diffie-Hellmann-Problem". Immer wieder sagt er Sätze in der Art von "Ihr habt das Schwierigste gleich überstanden". Zwei Stunden dauert der Frontalunterricht.

Was anmutet wie ein Volkshochschulkurs, trägt den verwegenen Namen Cryptoparty. Verschlüsselungssause. Seit bekannt wurde, dass amerikanische und britische Geheimdienste im großen Stil den Datenverkehr in aller Welt abfangen, haben solche Partys Konjunktur. In Deutschland werden allein in diesem Monat mehr als 30 davon organisiert, von Berlin über Stuttgart bis in die fränkische Provinz.

Einige werden von unabhängigen Spezialisten oder Computerclubs ausgerichtet, seit Kurzem mischt auch die Piratenpartei mit. Es geht schließlich um eines ihrer Kernthemen: Datensicherheit. Und wenn die "politische Gegenwehr" gegen die Lauscherei versagt, wie es kürzlich Bundesgeschäftsführerin Katharina Nocun formulierte, bleibt nur der Selbstschutz. "Wir wollen euch das Rüstzeug für die digitale Selbstverteidigung vermitteln", sagt Benjamin Stöcker, der die Einleitung übernommen hat und auch bei den Piraten ist.

Für die ist das nicht nur Wahlkampf, sondern auch eine öffentliche Dienstleistung. Zwar wurde für die Veranstaltung auf der parteieigenen Kampagnenseite geworben. Doch vor Ort ist nichts zu sehen: keine Flaggen, keine Parteiplakate. Nanu? "Das ist eine neutrale Veranstaltung", erklärt Betz auf Nachfrage, "das Parteilogo könnte abschrecken." Stöcker ergänzt schmunzelnd: "Ich glaube sowieso nicht, dass wir gewählt werden, weil wir so toll verschlüsseln können."

Das Problem: Der Raum ist gut gefüllt, alle Tische sind besetzt – aber ein Großteil der Zuhörer ist selbst in der Piratenpartei, etliche haben beruflich mit Computersicherheit zu tun. Wer hat schon einmal Mails verschlüsselt? Mehr als die Hälfte hebt die Hand. Repräsentativ ist das nicht.

Nach dem Vortrag sammelt sich nur ein kleines Grüppchen hinter Betz, der sich an einen Tisch gesetzt hat und seinen Laptop aufklappt. Nach all der Theorie sollen sie jetzt ganz praktisch üben, sich gegen Schnüffler zu wehren.

Aber könnten sie das wirklich? Ja, sagt Betz, eine gut gemachte Verschlüsselung sei heute kaum zu knacken, nicht mal von den Profis der NSA. Lücken, ja, die gebe es schon. Wenn ein Überwacher es etwa schafft, den Computer des Senders oder Empfängers direkt anzuzapfen, zum Beispiel durch ein Schädlingsprogramm, dann könnten die Daten trotzdem gelesen werden. Wer regelmäßig verschlüsselte Nachrichten verschicke, könne sich verdächtig machen, argwöhnt Betz außerdem. Und wer wem wann eine Nachricht schreibt – auch das sei immer zu erkennen, selbst dann, wenn der eigentliche Inhalt verschlüsselt bleibt. Betz nennt die Cryptopartys deshalb auch ein "temporäres Workaround" für ein eigentlich politisches Problem. Man könnte auch sagen: eine Krücke.

Als er dann endlich einem Studenten zeigen will, wie man eine verschlüsselte Mail verschicken kann, seufzt Betz nach einigen Klicks. "Das funktioniert nicht", sagt er. Das Internet im Jugendzentrum erlaubt das Versenden verschlüsselter Nachrichten nicht. Aus Sicherheitsgründen. Für die wenigen Besucher, die bis 23 Uhr ausgeharrt haben, bleibt es dieses Mal bei Trockenübungen.