Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit Schimpfwörtern befasst. Sie heißt Malediktologie, eine Unterdisziplin der Sprachwissenschaft. Zu den Ergebnissen der Malediktologie gehört die Erkenntnis, dass Frauen im deutschen Sprachraum auch und gerade im Bereich der Beschimpfungen immer noch unterrepräsentiert sind. Zahlreiche Schimpfwörter werden nur in männlicher oder sächlicher Form verwendet, zum Beispiel "Taugenichts", "Mistkerl" oder "Ohrwaschelkaktus". Dies gilt sogar für das im Deutschen verbreitetste Schimpfwort "Arschloch". Von diesem Begriff, der aus dem deutschen Alltag nicht wegzudenken ist, gibt es kein Femininum!

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Der altehrwürdige "Hahnrei", der szenig-moderne "Wichser" und der zeitlose "Schweinehund" meinen so gut wie immer einen Mann. Von den "Strauchdieben", den "Grasdackeln" und den "Geizhälsen" werden die Frauen sprachlich einfach ausgeschlossen. Wenn ich eine mehrgeschlechtlich strukturierte Gruppe in toto als Geizhälse bezeichnen will, muss ich ausdrücklich sagen: "Die geizigen Damen dürfen sich mitgemeint fühlen." Sogar ein im Genus weiblicher Begriff wie "Pappnase" ist durchweg männlich konnotiert. Auch dort, wo sich grammatisch ohne Weiteres eine weibliche Form bilden ließe, etwa beim "Warmduscher" oder beim "Rübenschwein", ist sie ungebräuchlich. "Pietcongin", das Gegenstück zum "Pietcong", einem extremen Frömmler, dürfte von den meisten eher für ein Vitaminpräparat gehalten werden.

Im Bereich der Beschimpfungen herrschen im Deutschen Verhältnisse, wie sie sonst höchstens noch in den Aufsichtsräten der metallverarbeitenden Industrie anzutreffen sind. Geschlechtergerechtigkeit gibt es allenfalls bei der "Hure" und dem "Hurenbock", die sich malediktologisch auf Augenhöhe begegnen. Frauen wären in der Sprache der Schimpfwörter nahezu unsichtbar, gäbe es, als Lichtblick, nicht wenigstens die "Zicke" und eine Handvoll vielversprechender Neuprägungen. Die "Jodelschnepfe" meint eine junge Frau, die glaubt, singen zu können, mit dieser Meinung aber allein steht.

Einer der weltweit führenden Malediktologen ist der deutsche Professor Reinhold Aman, der lange in den USA gelehrt hat. Aman ist Autor des Standardwerks Talking Dirty, Herausgeber der seit 1977 erscheinenden Fachzeitschrift Maledicta, in dem Dokumentarfilm Fuck ist er als Experte aufgetreten. Als er vor etlichen Jahren geschieden wurde, missbrauchte Professor Aman seine fachliche Kompetenz für private Zwecke. Er verfasste einen mehrseitigen Brief an den Scheidungsanwalt seiner Frau und an das Gericht, ein Schriftstück, welches offenbar in einer so überzeugenden und nachvollziehbaren Weise beschimpfend war, dass er für mehr als 15 Monate in das Staatsgefängnis Terminal Island eingeliefert wurde. Die Zeit nutzte er für Feldforschung, so entstand ein Buch über die Beschimpfungskultur in US-Gefängnissen.

Die Universität Leipzig verwendet in ihrer Grundordnung die Bezeichnung "Professorin" in Zukunft für Männer und Frauen. Die Universität Potsdam hat nachgezogen. Auf diese Weise wird ein jahrzehntealtes sprachliches Unrecht ausgeglichen. In vergangenen Epochen sollten sich beim Wort "Professor" die Professorinnen mitgemeint fühlen, das war ungerecht, zur Strafe macht man es jetzt umgekehrt. Als Ergänzung rege ich Folgendes an: Um auch das Unrecht der Prügelstrafe auszugleichen, dürfen in Leipzig die Studierenden ihre Professorinnen künftig züchtigen. Außerdem bin ich dafür, dass wir im Deutschen künftig "Schweinehündin" sagen, die Männer dürfen sich mitgemeint fühlen.

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