Ausstellung Hubert ScheiblMonster der Natur

In seiner neuen Ausstellung tritt der abstrakte Wiener Maler Hubert Scheibl in einen Dialog mit alten botanischen Modellen. von 

Der österreichische Künstler Hubert Scheibl

Der österreichische Künstler Hubert Scheibl  |  © Didi Sattmann

Einige Objekte erinnern an Fabelwesen aus einem durchgeknallten Fantasyfilm, andere an konstruktivistische Architekturfantasien. Die botanischen Modelle, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Robert und Reinhold Brendel in ihrer Berliner Werkstatt aus Papiermaschee und Ölfarbe hergestellt wurden, sind zwar exakte, aber stark vergrößerte Repliken aus der Pflanzenwelt, wodurch Natur plötzlich eine Metamorphose in die Sphäre des Fantastischen erlebt. Das Modell des Schädlings Rostpilz (Puccinia) beispielsweise lässt an ein schmatzendes Monster denken, das sich unaufhaltsam durch die Welt frisst.

Brendel-Modell eines Rostpilzes

Brendel-Modell eines Rostpilzes  |  © Hubert Scheibl

Über die Jahre hat der Wiener Maler Hubert Scheibl eine große Sammlung dieser merkwürdigen Objekte zusammengetragen. Sie faszinieren ihn und erinnern ihn in ihrem Formenreichtum an seine eigenen abstrakten Farbkonstruktionen, fast so, als bestehe eine vegetative Gesinnungsgemeinschaft zwischen ihm und den deutschen Kunsthandwerkern. Im Rahmen seiner neuen Großausstellung Plants and Murder, die am Samstag im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg eröffnet wird, tritt er nun in einen Dialog mit dem botanischen Fantasyland. Vor seinen großformatigen Gemäldezyklen irritieren die sorgfältigen Darstellungen von Mutterkorn oder Roggenähre und scheinen einen eigenwilligen Kommentar zu den suggestiven Farbräumen des Malers abgeben zu wollen: eine zusätzliche Assoziationsebene zu der suggestiven Bildkraft Scheibls. Zusätzlich begibt sich der geborene Gmundner erstmals auch in den skulpturalen Bereich und stellt den botanischen Modellen eigene Objekte aus Lehm, Papier und Farbe zur Seite. Eine merkwürdige Knolle, aus der sich Würmer zu winden scheinen, oder einen kugeligen Hundertäuger, dessen Sehorgane aus den Verschlusskapseln alter Ölfarbentuben bestehen.

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Gleich am Eingang der Ausstellung hat Scheibl seinen eigenen Zerberus auf ein Stück mongolisches Steppengras platziert: einen fast drei Meter langen Krokodilschädel, der mit dem binären Zahlensystem bedruckt ist. In dieser bedrohlichen Kombination soll das Wachtierwesen den Besucher vor der evolutionären Eskalation vom animalischen zum intellektuellen Raubtier warnen.

Die meisten der farbintensiven Gemälde locken den Betrachter mit ihren Schleierschichten in Wahrnehmungsfallen, die suggerieren, man würde in noch unentdeckte unterseeische Welten oder auch in kosmische Weiten vordringen.

Scheibl-Objekt: "Hard 2 B One"

Scheibl-Objekt: "Hard 2 B One"  |  © Hubert Scheibl

Die Bilder entstehen meist in einem assoziativen Arbeitsprozess, in dem der 61-jährige Maler vermehrt auf ein Verfahren zurückgreift, das er in den vergangenen Jahren für sich entwickelt hat. Dazu grundiert Scheibl zunächst die riesigen Leinwände, oft in der Dimension von zwei mal drei Metern, mit einer dicken, changierenden Farbschicht, die kurz vortrocknen darf. Dann legt er eine weitere Farbschicht darüber, oft weiß, manchmal auch schwarz. Nun reißt er mit Pinselstiel oder Spachteln tiefe Schürfspuren in die obere Bildhaut und holt mit einem Palettenmesser Teile der unteren Malschicht an die Oberfläche. Er wühlt förmlich im eigenen Werk. Es ist eine Arbeit auf des Messers Schneide, die in einer Kette rascher Reaktionen erfolgen muss. Ist die Ölfarbe erst einmal zu sehr getrocknet, erlauben die Farbebenen keine Eingriffe mehr.

In dem fast traumwandlerischen Prozess sieht Scheibl Ausbruchsversuche aus fesselnden Malstrukturen. "Ein Bild entsteht zwischen Zufall und Verzweiflung", sagt der Maler. "Man muss mit Fehlern anfangen, um irgendwohin zu kommen."

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