So viele Mücken hat Andreas Rose selten gefangen: 7000 in fünf Stunden. An einem Julitag hat er nahe dem bayerischen Wörthsee eine Falle aufgestellt. Diese ähnelt einem Eimer mit Ventilator, duftet nach Menschenhaut und sondert Kohlendioxid ab. Das Gerät lockt Mückenweibchen an und verschlingt sie dann. Gerade mal zehn Meter weit ist der Stoff zu riechen, "und trotzdem trafen die hier im Sekundentakt ein", sagt Rose.

Mit seinen Forscherkollegen betreibt er eine Firma, die sich auf Mückenbekämpfung spezialisiert hat. Und gerade jetzt ist dieses Wissen sehr gefragt: "Es brummt gewaltig in diesem Jahr." In Berlin oder Leipzig flüchten die Leute zerstochen aus den Parks. Schon fürchten, gerade in der Nähe von Seen, Hoteliers und die Betreiber von Campingplätzen um ihre Kunden. Biergärten werden mit Mückenfallen bestückt, weil dort sonst niemand mehr sitzen will. Im bayerischen Deggendorf etwa hat man ein zehnmal höheres Mückenaufkommen gemessen als üblich. Und auch am Chiemsee diskutieren Touristiker, Politiker und entnervte Urlauber, wie sie der Plage begegnen können.

Ein Grund für die Invasion sind die Hochwasser, die vor ein paar Wochen weite Teile nicht nur von Bayern, Sachsen und Brandenburg geflutet haben. Sie bescherten den sogenannten Überschwemmungsmücken eine gute Saison: Dies sind Arten, die ihre Eier auf Äckern oder Auen ablegen. "Sie riechen, welche Stellen mal überflutet waren", sagt Rose. In solchen Kuhlen überleben die Eier problemlos, bis nach dem Hochwasser dann die Larven schlüpfen. So wie in diesem Jahr. In den Pfützen und Kuhlen mussten die Larven, anders als in Flüssen, nicht einmal Fressfeinde fürchten. Und reiften, wohlig gewärmt von der Sommersonne, in gerade mal zwei Wochen zur Mücke, bereit für Rundflug und Blutmahl.

Entspannung ist vorerst nicht in Sicht. Zwar wird die erste Generation von Überschwemmungsmücken schon Anfang August das Greisenalter erreichen. Aber solange es immer wieder regnet und die Pfützen nicht austrocknen, geht das große Summen weiter. Sogar in Großstädten fern der Hochwassergebiete: "Für alle Arten ist es ein toller Sommer", sagt Rose. "Überall steht Wasser. In Parks, auf Baustellen und Balkonen. Die Mückenweibchen können problemlos ihre Eier ablegen."

Wenigstens einige Wissenschaftler freuen sich über die Invasion: "Wir werden jetzt noch mehr Zusendungen erhalten als bisher", sagt Monique Luckas. Sie ist mitverantwortlich für den "Mückenatlas", den das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung seit 2012 erstellt. "Wir machen Inventur: Wo leben welche unserer 49 Mückenarten?" Bei der Bestandsaufnahme helfen auch die Bürger. Sie sollen die Tiere in Gläschen fangen, diese ins Tiefkühlfach stellen – so bleiben die zarten Körper im Tode unversehrt – und dem Forscherteam dann zuschicken. Über 6000 tote Mücken hat das Projekt auf diesem Weg schon erhalten. "So viele Tierchen von so vielen Orten könnten wir sonst gar nicht sammeln." Genau an dem Wissen darum, was wo schwirrt, aber mangelt es noch. Mücken wurden in Deutschland in den letzten Jahrzehnten kaum untersucht. Seit die Malaria hierzulande verschwunden ist, galten die Tierchen als zu harmlos, als dass man ihnen größere Forschungsetats gewidmet hätte.

Erst seit Kurzem denkt man um. Was auch an einem unerwünschten Einwanderer liegt: der asiatischen Tigermücke. Sonst eher in Italien oder Südfrankreich verbreitet, wurde sie nun auch in Bayern und Baden-Württemberg gesichtet. Diese Art rückt den Menschen besonders nah auf die Pelle. Die Tigermücke lebt in Städten und fliegt auch tagsüber umher, also dann, wenn ihre Blutspender zur Arbeit oder in die Schule gehen. Zur Eiablage genügt ihr bereits das Wasser in einem Blumenuntersetzer. Dabei sind diese ursprünglich aus den Tropen stammenden Mücken überaus anpassungsfähig: Forscher haben in den USA Stämme entdeckt, deren Eier auch kalte Winter überstehen. Ihre europäischen Verwandten könnten sich als ebenso robust erweisen. Schon bald, so vermuten die Forscher, dürfte sie hier heimisch sein. Das stimmt bedenklich, weil sie – im Unterschied zu den bei uns alteingesessenen Arten– das gefährliche Denguefieber übertragen kann. Hat sich ein Reisender mit Dengue angesteckt und wird, zurück zu Hause, von der Tigermücke gestochen, könnte diese das manchmal tödliche Fieber weitergeben. Noch aber finden Forscher nur vereinzelt Krankheitserreger oder, wie gerade in Brandenburg, Parasiten in Stechmücken. Projekte wie der Mückenatlas helfen aber, gewappnet zu sein. So habe man erst durch die Einsendungen erfahren, sagt Luckas, "dass in Köln asiatische Buschmücken leben" – eine der Tigermücke verwandte Art.

Auch wenn die allermeisten heimischen Mücken bislang nicht gefährlich sind – lästig sind sie allemal. Wer sich nicht den See- und Zelturlaub verderben lassen will, dem empfiehlt der Mückenexperte Rose, sich mit Mitteln zu besprühen oder einzureiben, die den Wirkstoff DEET enthalten: "Milliardenfach verwendet, ist das immer noch der Goldstandard." Schwangere und Kleinkinder sollten auf den natürlichen Wirkstoff PMD ausweichen, der den Körper weniger belaste und ebenfalls gut helfe. Wichtig sei es, wirklich jede freie Stelle zu besprühen. "Wir haben das getestet. Selbst wenn man nur eine Fläche von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks auslässt – die Mücken finden sie sofort und stechen rein." Parkanlagen solle man am besten in der Mittagssonne aufsuchen. "Da hocken die Mücken in den Büschen und warten auf bessere Zeiten", sagt Dorothee Zielke, Insektenforscherin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. "Das sind filigrane Tiere. Sie trocknen aus, wenn die Luft nicht ein wenig feucht ist. Viele Arten sind lieber in der Dämmerung unterwegs, weil da Nebel aufzieht."

Der Urlauber könne auch sein Reiseziel auf das erwartbare Mückenaufkommen abstimmen. "Nordsee ist besser als Elbe", sagt Zielke. Am Meer ist es meist windig, und das gefalle den Insekten gar nicht, denn "dort werden sie weggeweht". Auch im Gebirge, etwa ab 1000 bis 1500 Höhenmetern, ist die Lage entspannt. Die Sommer dort sind den Mücken meistens zu trocken, und im Winter erfrieren sie.

Oder der Erholungssuchende weicht ins Ausland aus. Die Provence in Südfrankreich zum Beispiel gilt als Mückenhochburg. In diesem Sommer aber klagen die Vertreiber von Mückenfallen dort über das schlechte Geschäft: Es herrscht Mückenflaute.