PianistenDie persönliche Note

Jeder Pianist spielt anders – selbst wenn man den Unterschied nicht hört. von 

Hervorragende Pianisten erkennt man an der Art, wie sie Klavier spielen – so weit, so banal. Muss man ein Musikexperte sein, um aus einer Tonaufnahme etwa eines Walzers von Chopin den interpretierenden Künstler herauszuhören? Nein, auch Laien können das, und sogar Computerprogramme kann man darauf trainieren. Wenn diese ein paar Stücke eines Pianisten analysiert haben, dann erkennen sie auch neue Einspielungen anderer Werke mit erstaunlich hoher Trefferquote.

Dieses Wiedererkennen funktioniert, weil jeder Pianist immer wieder dieselben künstlerischen Mittel bei der Interpretation von Musik einsetzt: eine gewisse Verzögerung der Noten, das Spiel mit laut und leise. Was aber, wenn man die Künstler bittet, überhaupt nichts zu interpretieren? Gibt es da auch einen persönlichen "Fingerabdruck", der wiedererkennbar ist?

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Am besten testet man das mit Tonleitern. Jeder Anfänger muss solche Skalen auf dem Klavier üben, und fast jeder hasst sie. Das Ziel ist es, die Läufe mit mechanischer Regelmäßigkeit zu spielen, ohne Unterschiede im Anschlag, auch und gerade wenn die Finger auf komplizierte Weise übereinander greifen müssen.

Spielen professionelle Pianisten solche Tonleitern mit maschineller Präzision, oder leisten sie sich leichte Unregelmäßigkeiten, vielleicht sogar vorhersagbare Unregelmäßigkeiten? Dieser Frage ist Floris van Vugt nachgegangen, Doktorand an der Musikhochschule Hannover und an der Universität von Lyon. Und tatsächlich gelingt es seinem Algorithmus, Pianisten allein an ihrem Tonleiterspiel zu erkennen.

Acht gute bis professionelle Musiker und Musikerinnen konnte van Vugt für sein Experiment gewinnen. Sie mussten im Labor auf einem Keyboard eine Zwei-Oktaven-Tonleiter aufwärts und abwärts spielen, 15 Töne also, und das mit der linken und mit der rechten Hand. Ein ziemlich flottes Tempo von acht Noten pro Sekunde war vorgegeben. Nach einer Viertelstunde Pause spielten sie dieselbe Art von Etüde noch einmal ein.

Die Zuhörer nehmen die Holprigkeit nur wahr, wenn man sie verstärkt

Ein Computer zeichnete den Zeitpunkt jedes Notenanschlags auf und ermittelte die zeitliche Abweichung vom Ideal. Für jede Tonleiter des ersten Durchgangs ergab sich so ein gewisses Fehlermuster. Die Frage war nun: Sind diese Muster spielerspezifisch? Tatsächlich konnte der Computer jede Tonleiter aus dem zweiten Durchgang eindeutig und korrekt dem richtigen Musiker zuordnen.

Unter den Tonleitern jedes einzelnen Spielers gab es klare Ähnlichkeiten: Die Skalen, die er mit der rechten Hand aufwärts spielte, ähnelten stark der abwärts führenden, spiegelverkehrten Skala der linken Hand. Das lässt darauf schließen, dass die Unregelmäßigkeiten nichts mit der musikalischen Bewegungsrichtung zu tun haben, sondern aus der Motorik der Hand herrühren.

Kann der Zuhörer die Pianisten aufgrund ihrer typischen "Fingerabdrücke" unterscheiden? Auch das testete van Vugt im Labor. Aber seinen Versuchshörern gelang es nicht wie dem Computer, eine Skala einem Spieler zuzuordnen. Ja, sie waren nicht einmal in der Lage, zu beurteilen, ob eine Tonleiter mit maschineller Gleichförmigkeit gespielt wurde oder nicht. Erst wenn eine Software die kleinen Fehler der Pianisten verstärkte, nahmen die Testhörer das Geholper wahr.

Jeder Pianist, schließt der 29-jährige Jungforscher, übt seine Skalen so lange, bis er sie selbst als völlig gleichmäßig empfindet. Die kleinen, unhörbaren Unregelmäßigkeiten, die dann noch bleiben, bilden einen erstaunlich individuellen "Fingerabdruck", der nichts mit der persönlichen Interpretation der Musik zu tun hat, sondern mit dem neurologisch-motorischen Apparat.

Eine mögliche Anwendung dieser Erkenntnis sieht der Niederländer in der frühen Diagnose der sogenannten Dystonie, von der manche Profi-Musiker geplagt sind. Bei diesem Leiden spielen die Finger plötzlich nicht mehr so, wie sie sollen. "Wenn wir einen Pianisten regelmäßig mit unserer Methode untersuchen würden", sagt van Vugt, "dann könnten wir die ersten Anzeichen einer solchen Dystonie vielleicht erkennen, bevor es der Musiker selbst merkt."

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Es gefällt mir , das dies in der Kunst ersichtlich oder hörbar...und fühlbar wird. Die Gleichmacherei / das Normgurkengeplapper verstummt.

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    Wird eben nicht(!) ersichtlich/hörbar/fühlbar.

    Da steht doch, dass es den Zuhörern nicht gelang, die gehörten Skalen den Pianisten zuzuordnen. Mehr noch: Die Hörer konnten nicht einmal maschinell erzeugte Skalen von denen der Pianisten unterscheiden.

    Das Ergebnis fügt sich in die Entmythisierung der hehren Kulturgüter ein.
    Weindegustation? Experten können teure von billigen Weinen kaum unterscheiden.
    http://www.guardian.co.uk...

    Neumodische Billigfidel oder millionenschwere Stradivari? Erfahrene Geiger bevorzugen die Massenware.
    http://www.pnas.org/conte...

    Das alles macht die Kunst nicht ärmer, aber es befreit von prätentiösem Weihrauch und übersteigertem Sendungsbewusstsein.

    • cmim
    • 27. Juli 2013 13:59 Uhr
    2. ???

    auf dem Keyboard? Nicht einmal die mittlerweile sehr gut entwickelten E-Pianos gönnen einem guten Pianisten die Formung eines individuellen Klangs. Da konnte wirklich nur die Tonleiter als Tonfolge (Rhythmik, Zeit, Regelmaß und Minimaldynamik) ins Visir genommen werden.

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  2. Wird eben nicht(!) ersichtlich/hörbar/fühlbar.

    Da steht doch, dass es den Zuhörern nicht gelang, die gehörten Skalen den Pianisten zuzuordnen. Mehr noch: Die Hörer konnten nicht einmal maschinell erzeugte Skalen von denen der Pianisten unterscheiden.

    Das Ergebnis fügt sich in die Entmythisierung der hehren Kulturgüter ein.
    Weindegustation? Experten können teure von billigen Weinen kaum unterscheiden.
    http://www.guardian.co.uk...

    Neumodische Billigfidel oder millionenschwere Stradivari? Erfahrene Geiger bevorzugen die Massenware.
    http://www.pnas.org/conte...

    Das alles macht die Kunst nicht ärmer, aber es befreit von prätentiösem Weihrauch und übersteigertem Sendungsbewusstsein.

    Eine Leserempfehlung
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    • Xarx
    • 24. September 2013 16:53 Uhr

    Eine neu- sowie hochwertige Solo-Violine im Wert von 20.000-35.000 als billige Massenware abzustempeln entzieht sich für mich sämtlicher Logik(und in ihrer Studie ist von nichts anderem die Rede als von neu hergestellten Instrumenten mit hoher Qualität). Ich gebe ihnen zwar Recht, dass nicht nur Stradivari-Geigen wohl überschätzt sind, aber dennoch können sie mir glauben: als Violinist erkenne ich den Unterschied zwischen einem billigen Fließbandprodukt(also tatsächlicher billiger Massenware) und der Handwerkskunst vom Geigenbauer.

  3. Ich will beim besten Willen keinen Pianisten als Notenabspieler abstempeln, aber
    welche Mittel ausser Lautstärke (also die Tasten weich oder stark drücken)
    und Dauer (also Tasten länger oder kürzer halten) hat der Pianist eigentlich noch?

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    • 126a
    • 27. Juli 2013 17:30 Uhr

    Ihre Frage klingt so, als seien Sie der Auffassung, die Artikulationsmöglichkeiten eines Pianisten seien auf zwei begrenzt.

    Aber schon die Dynamik (also das sanfte oder starke, sprich: leise oder laute Spiel) erstreckt sich in fließendem Übergang von leisestem leise bis hin zu extrem lautem Spiel. Wenn man dann noch in den Blick nimmt, dass der Pianist in der Regel mehrere Töne spielt - gleichzeitig, versetzt oder hintereinander - und ihm für jeden Finger beider Hände eine individuelle Dynamik zur Verfügung steht, ergibt sich bereits ein erhebliches Spektrum. Und das betrifft, wie geschrieben, nur die Dynamik!

    Hinzukommen alle anderen Mittel der Artikulation und Phrasierung und der Übergänge von einer Taste zum anderen - von hartem Stakkato bis hin zu weichem Legato. Sogar die Stelle, an der ich die Taste anspiele, hat Einfluss auf die Tonform.

    Ganz abgesehen vom Gebrauch der Pedale.

    Das nur in aller Kürze auf Ihre Frage. Nehmen Sie Klavierunterricht oder hören Sie zumindest einmal ganz bewusst Einspielungen der gleichen Stücke durch verschiedene Pianisten - Sie werden erstaunt sein, welche Ausdrucksmöglichkeiten das Klavier bietet!

    • cmim
    • 27. Juli 2013 17:22 Uhr

    ist das aber auch nicht mehr schlimm, da seit Erfindung des Pianofortes die akustische Brillianz zwar gesteigert, der Musikgenuß und der Charme der Authentizität eh zunehmend zurückgedrängt wurde. Die Musik nun zwar in jedem Privathaushalt erscholl und der herkömmliche Musikfreund nicht mehr an öffentliche Aufführungen gebunden war. In Vervollkommnung die heutige Aufnahmetechnik mit unverwechselbarer Klanghygiene, jedoch minimaler pianistischer Eigenart. Alas, warum nicht auf einem Keyboard. Zurück zu den perfekten Normgurken.

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    • 126a
    • 27. Juli 2013 17:30 Uhr

    Ihre Frage klingt so, als seien Sie der Auffassung, die Artikulationsmöglichkeiten eines Pianisten seien auf zwei begrenzt.

    Aber schon die Dynamik (also das sanfte oder starke, sprich: leise oder laute Spiel) erstreckt sich in fließendem Übergang von leisestem leise bis hin zu extrem lautem Spiel. Wenn man dann noch in den Blick nimmt, dass der Pianist in der Regel mehrere Töne spielt - gleichzeitig, versetzt oder hintereinander - und ihm für jeden Finger beider Hände eine individuelle Dynamik zur Verfügung steht, ergibt sich bereits ein erhebliches Spektrum. Und das betrifft, wie geschrieben, nur die Dynamik!

    Hinzukommen alle anderen Mittel der Artikulation und Phrasierung und der Übergänge von einer Taste zum anderen - von hartem Stakkato bis hin zu weichem Legato. Sogar die Stelle, an der ich die Taste anspiele, hat Einfluss auf die Tonform.

    Ganz abgesehen vom Gebrauch der Pedale.

    Das nur in aller Kürze auf Ihre Frage. Nehmen Sie Klavierunterricht oder hören Sie zumindest einmal ganz bewusst Einspielungen der gleichen Stücke durch verschiedene Pianisten - Sie werden erstaunt sein, welche Ausdrucksmöglichkeiten das Klavier bietet!

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    ...alles wunderbar, doch atomar sind die Möglichkeiten immer noch die oben Erwähnten (plus Pedale) und damit programmierbar/wiederholbar.

    Ich bin überzeugt beim Turing-Test würde Niemand einen Unterschied feststellen können.

  4. Immer mehr klassische Pianisten beklagen sich, dass sie die Noten wie Roboter abspielen müssen und die Interpretation von Experten vorgegeben wird. Einen befreienden Ausflug in die Jazz-Musik zu machen, getrauen sich die meisten nicht, weil sie Angst haben, die Präzision zu verlieren.

  5. ...alles wunderbar, doch atomar sind die Möglichkeiten immer noch die oben Erwähnten (plus Pedale) und damit programmierbar/wiederholbar.

    Ich bin überzeugt beim Turing-Test würde Niemand einen Unterschied feststellen können.

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  • Schlagworte Musikinstrument | Computer | Künstler | Pianist
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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